Scherbenkleister: Architekturmodelle aus dem Porzellanofen

Zehn Architekturstudierende in Dessau arbeiteten ein Semester lang mit sprödem Porzellan als Modellbaumaterial – herausfordernd, präzise und überraschend inspirierend.

Porzellan bringt man meist mit Kaffeetassen, barocken Figuren oder Waschbecken in Verbindung – aber kaum mit Architektur. Genau diesen Widerspruch nahm das Wahlpflichtfach "Scherbenkleister" im Sommersemester 2025 an der Hochschule Anhalt in Dessau zum Ausgangspunkt. Unter der Leitung von Bildhauer Prof. Constantin Weber und Porzellanexpertin Christina Salzwedel wagten sich zehn Architekturstudierende an ein Material, das zugleich edel, eigensinnig und äußerst fragil ist. Im Mittelpunkt stand nicht das perfekte Endmodell, sondern der Weg dorthin. Porzellan sollte dabei zum Prüfstein für grundlegende architektonische Fragen werden: Was hält eine Form zusammen? Wann gerät sie aus dem Gleichgewicht? Und wie lässt sich Maßstab plastisch denken?

Vorbereitung mit Fehlern

Porzellan ist kein bequemer Werkstoff. Es ist spröde, verliert beim Brennen rund 20 Prozent seines Volumens und neigt bei flächigen Geometrien zur Verformung. In der Theorie also alles andere als ideal für den Architekturmodellbau. Und doch liegt gerade in diesen Widerständen das Potenzial: Das Material verzeiht keine Fehler, zwingt zur Genauigkeit, und jede noch so kleine Ungenauigkeit hat direkte Folgen – ein Bauteil ohne Spannung kollabiert im Ofen, eine falsche Fügung führt zu Rissen. Deshalb begann die Vorbereitung des Seminars bereits lange vor dem ersten Termin. In der vorlesungsfreien Zeit testeten Prof. Constantin Weber und Werkstattleitung Christina Salzwedel systematisch verschiedenste Porzellanmischungen, Brennkurven und Fügungstechniken. Die Prototypen aus diesen Tests wurden nicht entsorgt, sondern bewusst aufgehoben und analysiert – mitsamt aller Brüche, Schrumpfungen und Fehlstellen. Zum Kursstart bekamen die Teilnehmenden eine kommentierte "Fehlerausstellung" direkt in der Werkstatt. 

Plastisches Denken in Typologien

Jede Woche widmeten sich die Teilnehmenden einer neuen architektonischen Grundform - sei es Reihenhaus, Sakralbau, Fassade oder Pavillon. Ziel war es, die Essenz einer Typologie ohne Ornament, ohne Maßstabsfixierung, sondern allein über Volumen, Proportion und Fügung zu erfassen. Die Studierenden arbeiteten ausschließlich mit einem klar definierten Set aus industriellen Gussformen. Trichter, Platten, Stäbe und Becher dienten als Bausteine. Diese Beschränkung habe zunächst wie eine Hürde gewirkt, schien sich aber schnell als gestalterischer Motor zu entpuppen. Denn die Wiederholung der Grundformen forderte zur Interpretation auf: Wie lassen sich neue Bedeutungen schaffen, wenn das Material immer gleich ist? Ohne vorherige Planung und mit klarer zeitlicher Begrenzung entstanden so spontane Architekturskizzen.

Reflexionen und Resonanz

Die abschließende Präsentation und Ausstellung zeigte: Trotz – oder gerade wegen – kleiner Brüche, Verwerfungen und Unschärfen entstanden ausdrucksstarke Modelle. Die Studierenden gewannen dabei nicht nur ein neues Materialverständnis, sondern auch eine unmittelbare, körperlich verankerte Erfahrung von Konstruktion und Maßstab. Der Erfolg des Seminars sprach sich schnell herum – viele Interessierte fragten bereits nach einer Wiederauflage.