Kühler als Kulturerbe: Entwürfe zur Nachnutzung der Ventilatoren von Zollverein
Wenn ein Ort Industriebestand en masse vorzuweisen hat, ist es das Ruhrgebiet. Aber wie lassen sich alte Kühler, Kokereien und Kraftwerke weiter nutzen? Studierende entwickelten Nutzungskonzepte für die Zukunft zweier Bauwerke in Essen.
Auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen rückte in diesem Sommer ein bislang randständiger Gebäudetyp in den Fokus: Zwei ehemalige Ventilatoren-Kühler wurden zum Gegenstand eines hochschulübergreifenden Entwurfsprojekts der IU Internationale Hochschule. Rund fünfzig Studierende aus Essen, Düsseldorf, Köln, Stuttgart und Freiburg arbeiteten im Modul „Bauen mit Bestand“ an Visionen für die Weiterentwicklung der industriellen Baukörper. Initiiert vom Standort Essen und begleitet von Prof. Michael Weichler verband das Studio akademische Lehre mit der unmittelbaren Auseinandersetzung mit einem der bedeutendsten Industriedenkmäler Europas.
Lernen am industriellen Bestand
Die entstandenen Arbeiten bündeln ein halbes Jahr Beschäftigung mit dem Ort, seiner Geschichte und seiner räumlichen Logik. Während ein östlicher Baukörper bereits denkmalgerecht instandgesetzt wird, standen zwei noch unsanierte Türme im Fokus der Entwürfe – von den Studierenden liebevoll nach ihren Architekten „Fritz“ Schupp und „Martin“ Kremmer benannt. In enger Abstimmung mit der Stiftung Zollverein und parallel zur praktischen Tätigkeit im dualen Studium entwickelten die Studierenden Konzepte zwischen visionärem Anspruch und realistischer Weiterentwicklung.
Zwischen Vision und Machbarkeit
Die Bandbreite der Vorschläge reicht von etablierten Nachnutzungen wie Ausstellungsflächen, Kletterhalle oder Club bis zu weniger erwarteten Szenarien: Brauerei, Therme oder hybride Wohnformen. Einige Arbeiten untersuchten Wohnkonzepte für Studierende oder Mehrgenerationenmodelle – eine programmatische Öffnung, die weniger als fertige Lösung denn als Denkexperiment verstanden werden will. Im Zentrum stand stets der Umgang mit dem außergewöhnlichen Maßstab und der robusten Materialität der Industriearchitektur.
Kontext statt Kulisse
Für Prof. Michael Weichler, der das Modul betreute, liegt die Stärke der Arbeiten im bewussten Umgang mit Geschichte, Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Relevanz - Architektur als praxisnahe Auseinandersetzung mit realen Rahmenbedingungen. Der industrielle Bestand soll im Entwurfsprozess nicht dekorativ überformt, sondern als konstruktiver und atmosphärischer Ausgangspunkt begriffen werden.
Abschluss auf dem Welterbe-Areal
Den Abschluss bildete eine Ausstellung direkt am Bauzaun der Kühler. Ergänzt durch einen Vortrag zum Bauen im Ruhrgebiet des Oberhausener Büros Dratz und belobigt durch Vertreter*innen der Stiftung Zollverein und der Bauwirtschaft: Die überzeugendsten Entwürfe erhielten dabei kleine Auszeichnungen in den Kategorien „Bestes Nachnutzungskonzept“, „Sensibelster Umgang mit dem Bestand“ und „Innovativstes Konzept“. Alles in allem markieren die Entwürfe einen Ausblick: Industriebauten sind weder leere Hüllen noch museale Relikte, sondern wandelbare Ressourcen für eine zeitgemäße Weiterbaukultur.