März / April 2026
Sound Systems
Building Sonic Territories
Universität der Künste Berlin
Master
15.10.2025
Gustav Düsing, Dr. Susanne Hauser, Julian Schubert
Design Build
Rhino, ArchiCad, InDesign
Bevor großmaßstäbliche elektroakustische Beschallungssysteme im öffentlichen Raum eingesetzt wurden, beschränkte sich die Vermittlung akustischer Information über geografische Distanzen hinweg auf Glocken, Luftalarmsirenen und Amphitheater. Ziel war es, Klang räumlich zu verbreiten um ein exponentiell größeres Publikum zu erreichen.
Griechische Amphitheater, Opernhäuser der Renaissance, barocke Theater sowie moderne Philharmonien sind allesamt architektonische Monumente der Exklusivität: Tempel der Hochkultur, die nicht allein zur Klangprojektion, sondern ebenso zur Machtinszenierung und der Definition sozialer Hierarchien dienten. In antiken Amphitheatern waren die besten Plätze den politischen und religiösen Eliten vorbehalten. Theater der Renaissance setzten diese Logik durch Balkone und Loggien fort: physische Manifestationen von Privilegien und zugleich aktive Akteure von kulturellem "Gatekeeping".
Das Orchid Sound System begreift urbanes Hören neu als eine Form akustischer Ökologie, in der die Stadt selbst zum Träger und Verstärker wird. Es geht darum, das Vorhandene sichtbar zu machen und seine unmittelbare Erfahrbarkeit für alle zu betonen.
Im Gegensatz zu Parasiten entziehen epiphytische Orchideen ihren Wirten keine Ressourcen; vielmehr verkörpern sie eine alternative Form des Zusammenlebens ? eine Koexistenz, die auf Nähe und Symbiose beruht. Angelehnt an dieses Prinzip fügen sich die metallenen Klanghörner nicht-invasiv in die bestehende urbane Anatomie ein: Straßenmasten, Ampelanlagen, Rohrleitungen etc. Sie entlehnen diesen Strukturen ihre Stützfunktion nicht, um sie zu konsumieren, sondern um sie zu aktivieren, um ihnen etwas Flüchtiges zurückzugeben: Klang, Botschaft, Bedeutung.
Das Orchid Sound System rekonfiguriert den öffentlichen Raum - das Alltägliche, das Gewöhnliche - zu einer Bühne der Resonanz und Zugehörigkeit. Adaptiv und mobil besetzen die Hörner den Stadtraum, indem sie sich mittels vorgefertigter, industrieller Verschlusssysteme um bestehende Straßenelemente winden. Sie okkupieren den Raum nicht im traditionellen Sinne; vielmehr verankern sie sich in ihm, treten in einen dialogischen Austausch, indem sie die gebaute Umgebung in eine temporäre, nicht-gravitäre Architektur des Klangs verwandeln.
Architektur muss nicht zwangsläufig von Grund auf neu errichtet werden, sondern kann in, um und zwischen dem bereits Vorhandenen wachsen.
In Kollaboration mit verschiedenen Künstler*innen wurde über einen Zeitraum von einem Jahr eine Reihe von Listening Sessions kuratiert, die spirituelle, kulturelle und politische Erfahrungsräume untersuchen und dabei die vielschichtigen Komplexitäten unserer Gegenwart reflektieren. Die Listening Sessions fanden u.a. an der Universität der Künste Berlin statt und schufen einen Raum des kollektives Hörens, der zur Herausbildung einer Gemeinschaft unter den Studierenden beitrug. Anstelle des Monumentalen tritt das Unsichtbare, das Immaterielle: Präsenz, Begegnung und Verbindung.
Text von Mariami Kurtishvili.