März / April 2026
Hochschule Biberach
regen ernten
terrain vague 2.0 - eine Synthese von Architektur und Landwirtschaft
Hochschule Biberach
Master
07.10.2025
Architektur und Städtebau, Prof. Dipl.-Ing. Ute Meyer, Gastprof Dipl. Arch. ETH SIA Florian Schrott, Prof. Dr. phil. Jan Grossarth-Maticek, Vertr.-Prof. Dr.-Ing. Frédéric Waimer, Prof. Dipl.-Phys. Andreas Gerber
Technische Bauten
Vectorworks, Adobe Creative Cloud, Rhino, QGis, Blender
Ausgangspunkt der Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Sébastien Marots: "Taking the Country’s Side: Agriculture and Architecture". Seine Überlegungen zur Verbindung von Landwirtschaft und Architektur bilden die Linse, durch die auf die Rummelsburger Bucht geblickt wird – ein Ort, dessen Identität eng mit der Geschichte der produzierenden Industrie verknüpft ist.
Das ehemalige Kohle- und Zementkraftwerk, die Seidenfabrik – all das erzählt von der einstigen Aufgabe des Areals: die Bedarfe der Stadt zu decken. Heute zeigt sich die Bucht als Landschaft des Dazwischen – industrielle Ruinen, verwilderte Wiesen, versiegelte Flächen, auf denen erstes Grün durchbricht. Ein terrain vague, das fragt, welche Rolle diesen Orten zukommt, wenn sich die Bedürfnisse der Stadt verändern. Wie können sie neue Qualitäten für die Nachbarschaft entfalten und zugleich vor Gentrifizierung geschützt werden? Entlang der Spree bilden die verbliebenen Brachen Schleusen zum Wasser u nd übernehmen eine zentrale Rolle für Klima und Freiraumversorgung. “regen ernten” versteht die terrains vagues nicht als Restflächen, sondern als produktive Ressource.
Zwei Brachen – an der Rummelsburger Bucht und in Lichtenberg – werden über eine neue Fuß- und Fahrradbrücke verbunden, die das Gleisbett überspannt und das Spreeufer für den Osten Berlins erschließt. Das Projekt setzt auf Vernetzung statt Überformung: Strukturen werden ergänzt, Beziehungen neu geknüpft, soziale und ökologische Verbindungen gestärkt. Das Sammeln und Speichern von Regenwasser bildet die leitende Geste. Dachflächen leiten Wasser in Reservoirs, das über freiliegende Leitungen an die Felder verteilt wird – ein Kreislauf aus Sammeln, Speichern und Bewässern, der sich mit den Jahreszeiten verändert. Die Strukturen an den Brückenköpfen, verwaltet von einem Gärtnerkollektiv, bieten Raum für Begegnung, gemeinsames Arbeiten und alltägliches Verweilen. Werkstätten, Gärtnerei- und Bildungsräume schaffen eine soziale Infrastruktur, die mit dem Quartier wächst. Die Holzskelettstruktur folgt dem Prinzip des Stapelns: gleiche Fichtenholzstäbe bilden offene Raster, die sich verdichten, wenn Raum entsteht; Edelstahlnetze verweben Architektur und Vegetation zu einem lebendigen Gerüst. Die Felder werden nach Prinzipien der Permakultur bewirtschaftet – Earth Care, People Care, Fair Share – mit Pflanzen wie Sonnenblumen oder Wundklee, die Böden regenerieren.
regen ernten zeigt, wie aus Brachen produktive Landschaften werden, die Wasser, Boden und Gemeinschaft verbinden – eine Architektur, die Wandel annimmt und Stadt und Natur in Gleichgewicht bringt. In dieser Verbindung entsteht eine neue urbane Synthese: eine Stadt, die ihren Stoffwechsel wiederfindet; eine Landschaft, die Teil des Lebens wird; ein Ort, der aufsammelt, was die Stadt verloren hat – Aufmerksamkeit, Zeit, Gemeinschaft – und daraus neue Formen des Zusammen lebens wachsen lässt.
Text von Jochen Schlosser und Annika Kirschmer.