März / April 2026
Industriegrotte
Rücktransformation einer Kraftwerkhalle im Dialog mit dem Wasser
Bauhaus-Universität Weimar
Master
04.11.2025
Professur Konstruktives Entwerfen und Tragwerkslehre - Dr.-Ing.- Katrin Linne
Industriebauten
Archicad
Das Projekt befindet sich auf dem ehemaligen Dyckerhoff-Industrieareal in Wiesbaden-Amöneburg am Rhein. Das Gelände ist geprägt von historischen Industriegebäuden, darunter eine Kraftwerkhalle, mehrere Silos sowie ein markanter Verwaltungsbau von Ernst Neufert. Der Entwurf versteht das Areal als Transformationsraum, in dem industrielle Infrastruktur und öffentliche Nutzung künftig nebeneinander bestehen können.
Eine neue Fuß- und Radfahrerbrücke verbindet die Wege entlang des Rheinufers und überquert das Industrieareal. Teile der Konstruktion werden von einem stillgelegten Hafenkran getragen, der als vorhandenes Infrastrukturelement integriert wird. So entsteht eine öffentliche Durchwegung, ohne bestehende industrielle Nutzungen zu beeinträchtigen.
Im Zentrum steht die Transformation der leerstehenden Kraftwerkhalle in einen neuen Wasser- und Energieort. Ausgangspunkt ist ihre ursprüngliche Funktion als Ort der Energieerzeugung. Diese wird nicht museal konserviert, sondern in eine regenerative Infrastruktur überführt. Wasser bildet dabei das zentrale räumliche und energetische Leitmotiv.
Der Rhein wird mittels einer Flusswasserwärmepumpe als erneuerbare Energiequelle genutzt. Die gewonnene Wärme speist ein Fernwärmenetz und ermöglicht zugleich eine neue Nutzung innerhalb der Halle. Im Untergeschoss entsteht eine Therme – die „Industriegrotte“. Um Industrie und Öffentlichkeit parallel betreiben zu können, erhält die Therme einen eigenen Zugang.
Der Weg in die Therme folgt einer klaren räumlichen Abfolge: Vom Eingang gelangen Besucher zunächst in Umkleidebereiche innerhalb der ehemaligen Silos. Von dort führt ein langer, leicht abfallender Tunnel in das Untergeschoss der Kraftwerkhalle und öffnet sich schließlich zur Industriegrotte. Die räumliche Dramaturgie verstärkt den Übergang vom Außenraum in eine unterirdische Wasserlandschaft.
Die Industriegrotte nutzt die vorhandenen Strukturen des ehemaligen Maschinenfundaments und integriert Wasserbecken in bestehende Betonformen. Die industrielle Atmosphäre bleibt bewusst erhalten: rohe Betonoberflächen, Schalungsabdrücke und Gebrauchsspuren werden nicht überformt.
Das abgekühlte Wasser der Flusswasserwärmepumpe wird über die bestehenden Silos geführt. Diese werden zu öffentlichen Badebecken umgenutzt, bevor das Wasser in den Rhein zurückgeleitet wird. Dadurch entsteht ein sichtbarer Wasserkreislauf.
Ergänzende Neubauten Café und Thermenzugang greifen Maßstab und Raster des Bestands auf und nutzen den neu entwickelten PLA-Strohstein als tragendes Baumaterial. Der biobasierte Baustoff besteht überwiegend aus Stroh und nutzt PLA als Bindemittel.
Die Materialentwicklung des PLA-Strohsteins wurde in einer eigenständigen Forschungsarbeit untersucht. Neben Tragfähigkeits- und Belastungstests standen ästhetische Experimente im Mittelpunkt: Färbeversuche mit Henna, Formenstudien mittels PLA-3D-Druck sowie Reflexionstests mit Eisenfeilspänen, Muskovit und Eisenglimmer.
Text von Janni Schaffner.