März / April 2026
Berlin Hinter Häusern
Der Hinterhof - ein potenzieller Spatial Common?
Technische Universität Berlin
Master
31.10.2025
Architektur der Transformation, Prof. Nanni Grau
Städtebau
Creative Cloud
Berliner Hinterhöfe bilden den räumlichen Mittelpunkt des Wohnens, bleiben jedoch meist funktionale Durchgangsräume ohne gemeinschaftliche Bedeutung. In einer Stadt, die zunehmend von Privatisierung, Einhegung und sozialer Fragmentierung geprägt ist, verschwinden Orte des Gemeinsamen aus dem urbanen Alltag. Die Arbeit richtet den Blick auf diese unscheinbaren Zwischenräume und fragt, ob und wie der Berliner Hinterhof als Spatial Common wirksam werden kann, als Raum des Teilens, der Fürsorge und der kollektiven Aushandlung.
Theoretisch verortet sich die Untersuchung im Diskurs um Commoning und Spatial Commons, die Räume nicht als statische Objekte, sondern als prozesshafte soziale Praktiken verstehen. Der Hinterhof wird dabei als geteilte Alltagsinfrastruktur gelesen, in der Nachbarschaft bereits räumlich angelegt ist: als Ort wiederkehrender Überschneidungen, kurzer Begegnungen und gemeinsamer Nutzung. Methodisch verbindet die Arbeit qualitative Feldforschung mit experimenteller Raumproduktion. Entlang der Panke in Berlin-Wedding wurden rund 40 Hinterhöfe dokumentiert, kritisch kartiert und auf Spuren alltäglicher gemeinschaftlicher Praktiken (commoning) untersucht, von gemeinsamer Pflege über informelle Treffpunkte bis hin zu kleinen Gesten des Teilens.
Daraufhin wurde ein Raumlabor in einem spezifischen Hof gestartet. Über einen Zeitraum von zwei Wochen fand dort eine tägliche Präsenz statt, in deren Rahmen gemeinsam gearbeitet, genäht und ein leichtes Sonnensegel errichtet wurde, das einen neuen, geschützten Hofraum eröffnete. Dieser funktionierte als Ort der Begegnung und der kollektiven Aushandlung gemeinsamer Nutzung. Bereits die kontinuierliche Anwesenheit wirkte als Impuls: Sie erzeugte Irritation, weckte Neugier und führte zu ersten Gesprächen. Im Verlauf der Tage konnten vielfältige Begegnungen dokumentiert werden, ebenso wie sich Beziehungen zwischen den Nachbar:innen in kurzer Zeit veränderten.
Insgesamt verdeutlicht die Arbeit, dass der Berliner Hinterhof weder per se Gemeingut noch bloßer Funktionsraum ist, sondern ein umkämpfter urbaner Raum, dessen Qualität sich im alltäglichen Gebrauch immer wieder neu herstellt. Zwischen Aneignung und Regulierung wird hier sichtbar, wie eng soziale Praktiken, räumliche Bedingungen und Machtverhältnisse miteinander verwoben sind. Commoning erscheint dabei nicht als romantische Vorstellung gemeinschaftlicher Harmonie, sondern als fortwährender Prozess des Aushandelns, der Zeit, Vertrauen und kollektive Verantwortung erfordert und zugleich permanent durch Einhegung bedroht bleibt.
Diese Arbeit soll die Dringlichkeit nach gesellschaftlichen, administrativen, und rechtlichen Transformationen im Kontext einer privatisierten Stadt verdeutlichen. Sie soll zudem ermutigen die eigene Handlungsfähigkeit zu entdecken. Sie zeigt, dass auch im Kleinen, im Hinterhof, zwischen Fahrrädern, Mülltonnen und Bäumen, die Möglichkeit einer offenen, geteilten Stadt liegt.
Text von Hanna Mischke, Leon Haag, Robin Hülsemann.