März / April 2026
Hochschule RheinMain
Holla*
Frauen*gerechtes Wohnen in innerstädtischer Baulücke - Ein Baustein zur Stärkung von Solidarität und Selbstbestimmung
Hochschule RheinMain
Bachelor
05.02.2026
Prof. Dipl-Ing. Christina Jagsch, Prof. Dipl.-Ing. Faraneh Farnoudi
Wohnbauten
Archicad, Photoshop, InDesign, Cinema 4D
Das Wohnprojekt versteht sich als Ort eines selbstbestimmten Alltags für Frauen*. Besonderes Augenmerk liegt auf sozial benachteiligten Frauen*, alleinerziehenden Frauen* sowie alleinstehenden Frauen* im Alter. Ziel ist es, Wohnraum zu schaffen, der Unterstützung, Gemeinschaft und individuelle Lebensentwürfe ermöglicht.
Das Projekt greift zentrale Themen der Frauenbewegungen auf, darunter die Idee der Hausarbeitszentrale und die Forderung nach entlohnter Hausarbeit. Es knüpft an das Konzept der „frauengerechten Architektur“ an, das in den 1980er-Jahren im Zuge der zweiten Frauenbewegung von Architektinnen und Planerinnen entwickelt wurde. Diese soll die Belastung durch Reproduktionsarbeit reduzieren und die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und Freizeit verbessern. Gemeinschaftliche Strukturen, Blick- und Rufbeziehungen sowie vielfältige Begegnungsflächen fördern Austausch, gegenseitige Unterstützung und erleichtern insbesondere die Kinderbetreuung. Gleichzeitig soll soziale Isolation vorgebeugt werden.
Nach außen zeigt sich das Gebäude mit einer selbstbewussten Straßenfassade, während die Architektur im Innenhof aufgelockerter und farbenfroher wird. Die Holzfassade mit gelben Verschattungselementen prägt den gemeinschaftlichen Hofraum, während der Holzskelettbau im Inneren eine flexible und nachhaltige Struktur ermöglicht.
Die Fassade gliedert sich in zwei Zonen – eine halböffentliche zweigeschossige Sockelzone und die darüberliegenden Wohngeschosse mit Laubengangerschließung. Das unkommerzielle Buchcafé im Erdgeschoss öffnet sich zur Nachbarschaft und wird durch einen stündlich mietbaren Raum im 1. OG ergänzt, der für Treffen oder Veranstaltungen genutzt werden kann. Gegenüber liegen ein Werkraum sowie ein Waschsalon mit Blick in den Innenhof, der die Betreuungsarbeit erleichtert. Tagsüber ist er auch für die Nachbarschaft zugänglich und schafft einen belebten Ort des Austauschs. Dachterrasse und Dachgarten bieten hingegen ruhige Rückzugsorte über den Dächern der Stadt.
Die offene und natürlich belichtete Eingangszone sorgt für soziale Kontrolle im positiven Sinn. Eine gelbe Stütze markiert den Treffpunkt am Eingang. Die Wohnungen werden über den Treppenturm erschlossen. Die Clustergrundrisse bilden ein Gegenmodell zum heteronormativen Kleinfamilienhaushalt und ermöglichen generationsübergreifendes Wohnen. Sie sind demokratisch und ohne Hierarchie organisiert, die privaten Zimmer sind mit etwa 16 m² nutzungsneutral gestaltet. In den oberen zwei Geschossen besteht zusätzlich das Angebot für temporäres Studio-Wohnen.
Zentraler Bestandteil des Konzepts ist die Figur der Holla* – eine entlohnte Unterstützerin im Haus, die Bewohnerinnen im Alltag hilft, etwa bei Kinderbetreuung oder Besorgungen. Damit nimmt das Projekt Bezug auf die feministische Forderung nach „Lohn für Hausarbeit“. Ihr Büro im Hinterhaus überblickt den Hof und steht in direkter Verbindung zum „Wohnzimmer“ des Hauses mit Gemeinschaftsküche und Spielzimmer.
Text von Sonja Becker.