Nächstes Projekt 15/20  

November / Dezember 2025

Technische Universität München

Ressource Nachkriegsarchitektur?

Moderne Spolien der 1950er bis 1970er Jahre

von Luisa Huber

Hochschule:

Technische Universität München

Abschluss:

Master

Präsentation:

10.10.2025

Lehrstuhl:

Professur für Neuere Baudenkmalpflege, Prof. Dr. Andreas Putz

Rubrik:

Bauen im Bestand

Software:

ArchiCAD, Adobe Creative Suite

Im Spannungsfeld zwischen Ressourcenschonung und baukulturellem Erbe widmet sich die Arbeit einer erweiternden Perspektive auf die Bauteilnachnutzung. Erforscht wird, ob industriell gefertigte Elemente der Nachkriegsmoderne - Produkte einer seriellen, scheinbar anonymen Bauweise - einen Spoliencharakter erlangen und bedeutungsvoll wiederverwendet werden können.

Der historische Begriff einer Spolie, welcher bislang primär in der Beschreibung und Erforschung vorindustrieller Bauglieder Verwendung fand, bildet die Grundlage. Sein Transfer auf den Umgang mit dem jüngeren, bedrohten Baubestand wird theoretisch und entwurflich untersucht. Aus dem Dialog zwischen historischer Methodik und den tiefgreifenden Veränderungen durch die Industrialisierung wird der Ansatz einer "modernen Spolie" entwickelt - definiert durch die materielle und gestalterische Eigenheit des Elements, seine Spuren der Alterung sowie die Art seiner Wiederverwendung im neuen Kontext. Einhergehend mit Fragen nach Wert und Wahrnehmung, nach Banalität und Besonderheit, erweitert die Herangehensweise den gegenwärtigen Re-Use-Diskurs um eine baukulturelle Dimension.

Im Rahmen einer umfangreichen Untersuchung werden siebzehn bedrohte Bauten der 1950er bis 1970er Jahre nördlich der Münchner Altstadt auf Eigenheit, Alterung und ihr Potential zur spolienhaften Wiederverwendung analysiert. Ein Gebäude dieser katalogischen Erfassung - das ehemalige Gesundheitshaus - erfährt dabei eine tiefere Auseinandersetzung und dient als Quellobjekt für den exemplarischen Entwurf.

In einem performativen Bühnenbau für die Wohnheimsiedlung am Maßmannplatz in München übersetzt der Entwurf die theoretischen Erkenntnisse in architektonische Form und erprobt zudem den konstruktiven sowie räumlichen Einfluss der Wiederverwendung. Die Bühne - ein Ort für Alltag und Szenerie - ist wandelbar, offen für Transformation in Funktion und Gestalt. Die teils markanten, wiederverwendeten Waschbeton- und Mauerwerkselemente des Gesundheitshauses werden zur ordnungsgebenden Instanz: Sie strukturieren die Achsen, rhythmisieren die Ansichten und verleihen dem Bau seine Identität. Ihr erneuter Einbau wird bis in das Anschlussdetail entwickelt. In der Annäherung an die zunächst geschlossene Figur offenbaren sich ihre Schichten und Spuren - die Fakturen der Elemente ebenso wie die Schnittstellen des Graffitos. Diese feinen Irritationen besitzen eine kulturelle Tiefe und erzeugen einen Moment des Innehaltens, ein Nachdenken über Herkunft, Zeit und Transformation.

So wird die Architektur nicht nur gebauter Raum, sondern zum Träger einer Erzählung, die sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart entfaltet. Im Fokus steht nicht das materielle Recycling, sondern die Fortführung der (Bau-)Geschichte - eine bedeutungsvolle Wiederverwendung mit Haltung.

Text von Luisa Huber.