November / Dezember 2025
Fachhochschule Münster
Große Krisen Kleiner Anfang
Ein Häuschen aus Resten und Gebrauchtem
Fachhochschule Münster
Master
24.09.2025
Professor Martin Ebert
Design Build
Archicad, Indesign, Photoshop
Was, wenn der Mangel an Material zum Ausgangspunkt einer neuen Baukultur wird?
Aus gebrauchten - formal zufälligen - Bauteilen wurde im Maßstab 1:1 ein Aufenthaltsraum realisiert, der durch seinen hohen Re-Use-Anteil eine signifikante Reduktion der CO2-Emissionen gegenüber vergleichbaren Referenzprojekten erreicht.
Die Arbeit versteht sich als Momentaufnahme im Kontext einer sich wandelnden Baukultur. Unter stark begrenzten Rahmenbedingungen untersucht sie Kreislauffähigkeit nicht nur theoretisch, sondern erprobt, bilanziert und dokumentiert sie praktisch in einem selbst realisierten Reallabor - und verbindet dadurch Entwurf, Forschung und Baupraxis zu einem konsistenten Ganzen.
Der Entwurf folgt dem Prinzip "Form follows availability" - die Gestaltung entsteht aus dem Vorgefundenen. Die Bauteile wurden im Umkreis von 100 Kilometern gesammelt, geprüft und dokumentiert. Die räumliche Struktur und konstruktive Logik entwickelten sich aus dem Zusammenspiel von alten Holzdielen, gebrauchten Sandwichpaneelen und ausgebauten Holzfenstern. Anstatt ein vorgefasstes Konzept auf das Material zu übertragen, wurde der Entwurf durch dessen Eigenschaften bestimmt.
Exemplarisch zeigt sich das am Umgang mit den Holzdielen: Sie wurden ausgebaut, gereinigt, im Baustofflabor auf ihre Tragfähigkeit untersucht und im Reallabor als tragende Elemente weiterverwendet - wobei ihre Länge maßgeblich die Dimensionierung des Tragwerks bestimmte. Das Projekt wird so zu einem anschaulichen Beispiel für das prozesshafte, materialbasierte Arbeiten mit vorhandenen Ressourcen.
Die Umsetzung erfolgte vollständig in Eigenleistung und macht das Projekt zu einem praktischen Reallabor, das Kreislauffähigkeit im Maßstab 1:1 erforscht, erprobt und dokumentiert. Eine cradle-to-gate-CO2-Bilanz (A1-A3) zeigt: Durch den hohen Anteil wiederverwendeter Bauteile weist der Prototyp ein negatives Global Warming Potential (GWP) auf. Vergleichende Analysen mit Referenzprojekten belegen eine deutliche Reduktion der Umweltauswirkungen.
Das Projekt versteht sich nicht als abgeschlossenes Ergebnis, sondern als offener Prozess zwischen Entwurf, Material und Erfahrung - ein praktisches Plädoyer für eine Baukultur, die aus dem Vorhandenen Neues schafft und zeigt, wie der Wandel im Bauen als kleiner Anfang inmitten großer Krisen konkret beginnen kann.
Text von Christian Plenz