November / Dezember 2025
Universität Stuttgart
Architektur als Aktionsforschung
Zur Aneignung im öffentlichen Raum der Stadt
Universität Stuttgart
Master
27.11.2024
IWE Institut für Wohnen und Entwerfen FG Fachgebiet Architektur- und Wohnsoziologie, Prof. Dr. Christine Hannemann, IDG Institut für Darstellen und Gestalten, Prof. Sybil Kohl, KWM Jochen Damian Fischer
Design Build
Word, Zotero, Indesign, Betonguss
Architektur als Aktionsforschung beschreibt ein Konzept zur Erforschung urbaner Fragestellungen, das aktivistische, künstlerisch-architektonische Aktionen nutzt, um bestehende problematische Situationen im öffentlichen Raum der Stadt zu untersuchen und gleichzeitig zu bearbeiten. Aufbauend auf der Arbeit des französischen Philosophen Mickaël Labbé sowie auf Beispielen künstlerischen Aktivismus im öffentlichen Raum von Joseph Beuys und Gordon Matta-Clark versteht die Arbeit das "Recht auf Stadt" von Henri Lefebvre nicht als utopische Forderung, sondern als Anleitung zur Aneignung lokaler, alltäglicher und städtischer Räume. Empirisch basiert der Ansatz auf einer Methode der kritischen Sozialwissenschaften, der Aktionsforschung des Soziologen Kurt Lewin, welche die Auswirkungen physischer und sozialer Handlungen untersucht.
Das im theoretischen Teil der Arbeit entwickelte Konzept wird anschließend am urbanen Phänomen der sogenannten "feindlichen Architektur" getestet. Feindliche Architektur beschreibt bauliche Maßnahmen in der Stadt zur Verhinderung spezifischer Nutzungen, etwa des Sitzens, Liegens und Verweilens an dafür nur bedingt vorgesehenen Orten. Sie kann als Werkzeug zur Segregation betrachtet werden, da sie Handlungen der Aneignung von Stadtraum verhindert und nur Tätigkeiten zulässt, die gesellschaftlich erwünscht sind. So verringert feindliche Architektur die Teilhabe von als unerwünscht betrachteten sozialen Gruppen an den Aushandlungsprozessen der Stadt. Sie lässt sich in verschiedenen Formen und Größen entdecken, als Betonpyramiden unter Brücken, als Stahlwinkel an Ecken und Kanten, als Armlehnen und Einzelsitze auf Sitzbänken oder als Stacheln und Metallleisten an Fassaden.
Zur Untersuchung der sozialen Auswirkungen feindlicher Architektur wurden künstlerische Betonplastiken als Gegenmaßnahmen zu drei Fallstudien entworfen. Sie greifen die Form der feindlichen Architekturen und der architektonischen Elemente, auf denen sie platziert sind, auf und machen den Ort wieder nutzbar. Die drei Beispiele verhindern das Sitzen oder Liegen und sind an Fassaden oder Objekten im öffentlichen Raum der Stadt Stuttgart angebracht. Das Anbringen der Plastiken stellt die "Aktion" in der Forschung dar. Im Vorfeld dieser Aktionen wurde eine sozialwissenschaftliche Analyse anhand von Fotos und Karten der Umgebung, in der sich die Beispiele befinden, durchgeführt. Nach den Aktionen wurden die Wirkungen der Plastiken auf ihr soziales Umfeld und ihre Aneignung durch diverse Nutzer*innen beobachtet und dokumentiert. Die qualitative Studie entstand durch die Kombination von Beobachtungen, die fotografisch dokumentiert wurden, und Interviews mit Akteur*innen. Diese zeigen auf, wie zeitgenössische Stadtplanung durch wirtschaftliche und private Interessen von Eigentümer*innen beeinflusst wird: Sie richtet sich auf eine spezifische Gruppe von Menschen, die als situiert, erwerbstätig und physiologisch "normal" bezeichnet werden können.
Text von Maximilian Sinn