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November / Dezember 2025

Universität Stuttgart

Fragmente einer Insel

Wie viel Stille erträgt ein Ort?

von Lukas Pap

Hochschule:

Universität Stuttgart

Abschluss:

Master

Präsentation:

11.11.2025

Lehrstuhl:

Institut für öffentliche Bauten, Prof. Alexander Schwarz

Rubrik:

Kulturbauten

Software:

Archicad, Rhino, Blender, Adobe Cloud

Goli Otok ist eine kleine, karge und nahezu baumlose Insel in der nördlichen Adria. Zwischen 1949 und 1956 betrieb der jugoslawische Staat hier ein Gefangenenlager für politische Gegnerinnen und Gegner, ein Ort systematischer Gewalt, an dem Menschen gedemütigt, gebrochen und bis zum Tod ausgebeutet wurden. Heute ist die Insel von Ruinen, Fragmenten und Stille geprägt. Mein Ziel war es, die Insel als Ganzes erfahrbar zu machen und ihre Geschichte räumlich und topografisch sichtbar zu halten. Die Leitgedanken Aufklären und Konservieren sowie Andacht und Trauer bilden dabei meinen inhaltlichen Rahmen. Dafür entwickelte ich einen Weg über die Insel und vier Interventionen, die unterschiedliche Perspektiven auf Erinnerung und Verantwortung eröffnen.

Der Weg verbindet die Insel entlang ihrer historischen Schichten. Er besteht aus Spolien, die zu einem Pfad gefügt werden und die Besucherinnen und Besucher buchstäblich über Fragmente der Vergangenheit gehen lassen. Seine Abfolge aus Weite, Enge und Offenheit spiegelt die Charakteristik der Insel und fügt die einzelnen Orte zu einer zusammenhängenden Erzählung.

Das Dokumentationszentrum bildet den Auftakt der Reise. Im ehemaligen Steinbearbeitungsbetrieb untergebracht, befindet sich Archiv, Dauer- sowie Wechselausstellung und ein Restaurant. Die Tragstruktur bleibt vollständig erhalten, während neue Materialien Fragmente der Insel aufnehmen und die Geschichte des Ortes in einen zeitgenössischen Raum für Forschung, Bildung und Öffentlichkeit übersetzen.

Das Mahnmal greift eine der grausamsten Praktiken des Lagers auf, bei der Gefangene junge Pinien mit ihrem Körper beschatten mussten. An dem Ort des vermuteten Massengrabs entsteht ein Feld aus genau 446 Findlingen, entsprechend der dokumentierten Zahl der Opfer. Jeder Stein trägt einen Namen und schützt einen jungen Baum. Mit den Jahren wandelt sich die strenge Ordnung zu einem wachsenden Wald, der Gewalt, Verlust und Zukunft zugleich sichtbar macht.

In Vela Žica, dem ehemaligen Hauptlager, markieren neue Wandscheiben die Außenkanten der verschwundenen Baracken. Sie lassen die räumliche Strenge des Lageralltags spürbar werden und verweben Vergangenheit und Gegenwart über klare Setzungen. Durch Stampfbeton aus dem Stein der Insel wird die Intervention in den Ort zurückgebunden, ohne rekonstruktiv zu sein.

Der Weg endet auf Glavina, dem höchsten Punkt der Insel. Zwei Baukörper fassen den Gipfel neu und führen zu einem monolithischen Raum der Stille aus Inselkalkstein, der nur durch Eingang und Dachöffnung gefasst ist. Hier entsteht ein Ort des Rückzugs, der Sammlung und des Weitblicks, der den Inhaftierten verwehrt blieb.

Meine Arbeit sucht nach Räumen, die das Schweigen brechen und Erinnerung in die Zukunft tragen. Ich verstehe Architektur als Medium des Zeugnisses und als Möglichkeit, Verantwortung sichtbar zu machen und ein kollektives Gedächtnis zu stärken.

Text von Lukas Pap.