September/ Oktober 2025
Fachhochschule Erfurt
Frauen*haus "carefree"
Großstadtarchitektur - Umbau eines Parkhauses am Kottbusser Tor, Berlin
Fachhochschule Erfurt
Master
29.08.2025
Jens Casper, Professur für Entwerfen, Gebäudelehre und Architekturtheorie
Archi CAD, Rhino 8, Rhinoceros 3D, Adobe Illustrator, Adobe InDesign
„Es geht uns alle etwas an - es könnte jede von uns treffen“
Leerstand, Wohnungsnot, soziale Not, Obdachlosigkeit und geschlechtsspezifische Gewalt nehmen stetig zu. Wie kann man Architektur als aktives Werkzeug gesellschaftlicher Veränderung einsetzen, insbesondere in Bereichen, wo akuter Handlungsbedarf besteht. Laut dem Bundeskriminalamt (BKA 2024) wurden im Jahr 2023, 167.865 Betroffene von Partnerschaftsgewalt erfasst, knapp 80% davon Frauen*. Zwei von drei Frauen* sexuelle Belästigung, jede siebte Frau* wird Opfer sexueller Gewalt, 132.966 Frauen* erlebten Gewalt in einer (Ex-)Partnerschaft, jeden Tag findet ein Tötungsversuch statt. Schutzräume bleiben jedoch knapp und oft unzureichend, laut der Istanbul Konvention fehlen Deutschland knapp 13.500 Frauen*hausplätze. Besonders mangelt es an der unzureichenden Finanzierung sozialer Projekte. (1,2)
Das Frauen*haus Projekt „carefree“, zeigt ein architektonisches Konzept, das Mithilfe flexibler Eingriffe in den Bestand auf akute gesellschaftliche Probleme schnellstmöglich reagiert. Entstehen sollen anpassungsfähige, nachhaltige Rückzugsräume für gewaltbetroffene Frauen* und Mädchen. Dabei entstehen Raumqualitäten, die Selbstbestimmung, Gemeinschaft und Sicherheit gleichermaßen fördern. Direkt am Kottbusser Tor, soll ein bestehendes Parkhaus umgenutzt werden. Der Hauptzugang erfolgt über zwei Durchfahrten, die durch einfache gestalterische Maßnahmen aufgewertet werden und Frauen*, Mädchen und Kindern einen sicheren Zugang zum Frauen*haus bieten. Das Parkhaus ist an drei Seiten von benachbarter Bebauung umgeben, wodurch wenig Tageslicht in die hinteren Bereiche des Parkhauses fällt. Die Struktur besteht aus einem Stahlbeton-Skelettbau, wodurch sich flexible Grundrissmöglichkeiten ergeben. Die Geschosse haben eine Höhe von 2,66m. Durch einen Längs-Einschnitt, in Form eines Innenhofes und das Herausnehmen jeder 2. Geschossdecke wird eine angemessene Belichtung ermöglicht und die Raumqualität/-atmosphäre verbessert. Außerdem erlauben die entstandenen rund 5m hohen Räume alternative Wohntypologien. Das Frauenhaus befindet sich in der hinteren Hälfte des Gebäudes. In der vorderen Zone liegen freifinanzierte Wohnungen, die einen Puffer zwischen dem öffentlichen Raum und dem Frauen*haus bilden. Die Rampen, welche die zwei Ebenen miteinander Verbindungen, werden nach den Bedürfnissen der Bewohner*innen umgestaltet. Um die Sicherheit des Frauenhauses zu stärken, orientieren sich die freifinanzierten Wohnungen an einem Wiener Frauen*-Wohnprojekt: „Wohnvertrag in Frauenhand!“. Das Projekt „carefree“ versteht sich nicht nur als Frauen*haus-Konzept, sondern als Ort, der zugleich Schutzraum bietet und nachbarschaftliches Zusammenleben fördert. Frauen*, Mädchen und Kinder sollen hier nicht nur sicher unterkommen, sondern in einem unterstützenden Umfeld gestärkt werden.
„Women supporting women“
Text von Vladyslava Yesypovych.