Nächstes Projekt 14/20  

September/ Oktober 2025

HTWK Leipzig

Venusberg II

Agrartechnologien im Industriedenkmal

von Leo Dinkelacker, Alexander Ostrovskis

Hochschule:

HTWK Leipzig

Abschluss:

Master

Präsentation:

23.07.2025

Lehrstuhl:

Professur für Entwurf/ Bauen im Bestand, Prof. Dorothea Becker, Dipl. Arch. Michael Rudolph

Software:

Archicad, Agisoft, Indesign, Photoshop

Das Obere Erzgebirge ist nicht nur durch seine topografischen Eigenschaften geprägt, sondern auch durch die daraus entstandenen Industriedenkmale. Die Wasserkraft der schnellen Flüsse und später die Dampfkraft machten Sachsen zu einer der führenden Industrieregionen weltweit. Angesichts des tiefgreifenden Strukturwandels nach 1990 und des damit einhergehenden wirtschaftlichen Niedergangs erscheint diese industrielle Blüte heute fast vergessen. Ein materielles Zeugnis dieser Epoche bilden die sächsischen Spinnmühlen, deren Architektur noch immer von dieser Zeit erzählt. Viele von ihnen sind inzwischen aufgegeben, leerstehend und damit Teil eines kulturellen Erbes, das zu verschwinden droht.

Die Arbeit widmet sich der Spinnerei Venusberg II bei Drebach, die bis 2022 in Betrieb war. Das rund 20 Hektar große, dicht bebaute Ensemble ist noch vergleichsweise gut erhalten, zeigt jedoch erste Anzeichen des Verfalls. Ohne tragfähige Nachnutzung droht dieses wertvolle Denkmal endgültig verloren zu gehen. 
Das Konzept der Masterarbeit sieht vor, die bestehenden Fabrikhallen wieder produktiv zu nutzen und gewerbliche Zwischennutzungen in anderen Gebäuden zu erhalten. Nur ein Zusammenspiel verschiedener Nutzungen kann das gesamte Areal beleben. Rückbauten sind dort vorgesehen, wo baufällige Strukturen oder überlagerte Schichten den künftigen Betrieb und die Lesbarkeit der Geschichte beeinträchtigen. Zugleich wird das Gelände geöffnet, um seine identitätsstiftende Rolle in der Region zu stärken.
Als neue Produktion wird Indoor-Landwirtschaft vorgeschlagen. Sie schließt eine wirtschaftlich-historische Lücke, stärkt die regionale Lebensmittelversorgung, folgt nachhaltigen Zukunftsstrategien und lässt sich gut in die vorhandene Gebäudestruktur integrieren. Das Projekt zeigt, wie sich eine geschossweise Bewirtschaftung umsetzen lässt, Dachflächen zusätzlichen Anbau ermöglichen und Abwärme sinnvoll integriert werden kann. Ein Energiekonzept bindet regionale Ressourcen wie das Pumpspeicherkraftwerk Markersbach und einen nahegelegenen Windpark ein.
Die historisch bedeutenden Maschinen- und Kesselhäuser stehen mit der Produktion im engen Zusammenhang und dienen als Reallabor in Kooperation mit lokalen Forschungseinrichtungen (wie etwa die Indoor-Farming-Fakultät der TU Chemnitz). So entsteht ein Zusammenspiel von Produktion, Forschung, gewerblicher Nutzung und Öffentlichkeit. Das ehemalige Kulturhaus kann wieder als Mensa und Veranstaltungsort dienen, die Zwirnerei wandelt sich durch bestehende Glasflächen und Synergien mit der Produktion zu einer botanischen Garteneinrichtung. Schließlich wird der historische Flusslauf, durch welchen die Spinnerei erst entstanden ist, wieder zugänglich und auf dem Gelände erlebbar gemacht.
Die Arbeit versteht sich als Beitrag zur Diskussion, wie durch die Reaktivierung industrieller Bestände Impulse für regionale Entwicklung entstehen können und wie vergessene Orte zu neuen Zukunftsräumen werden.

Text von Leo Dinkelacker und Alexander Ostrovskis.