Tradition trifft öffentliche Nutzung: Entwürfe zum Pavillon 1823

Wie übersetzt man die Kultur eines Schützenfestes in Architektur und gibt gleichzeitig der Öffentlichkeit neuen Raum? Dazu entwarfen Studierende Antworten für einen Pavillon im künftigen Bürgerpark von Neuss.

Bachelorstudierende der Peter Behrens School of Arts (PBSA) der Hochschule Düsseldorf entwickelten unter der Leitung von V.-Prof. Jan Kampshoff ihre Thesis-Entwürfe: einen Pavillon für den Neusser Schützenverein. Sie beschäftigten sich mit dem Gelände der ehemaligen Pferderennbahn, das zur Landesgartenschau 2026 in einen Bürgerpark umgestaltet werden soll. Genau dort soll ein Pavillon entstehen, der das kulturelle Erbe des Schützenfestes würdigt, Raum für Training und Treffen schafft und jedoch zugleich für neue, öffentliche Nutzungen offenbleiben könne – auch über Vereinsaktivitäten hinaus. Begleitet wurden die Entwürfe durch die konstruktive Vertiefung bei Prof. Wolfgang Zeh sowie durch Impulse zur Freiraumgestaltung von Hon.-Prof. Thomas Fenner.

Brauchtum lesen lernen

In welcher Form kann die architektonische Gestaltung des Pavillons auf das Schützenfest Bezug nehmen – und wie viel Symbolik verträgt ein öffentlicher Raum überhaupt? Um sich diesen Fragen anzunähern, setzten sich die Studierenden zu Beginn des Semesters mit der vielschichtigen Kultur des Neusser Schützenwesens auseinander, einem der größten bürgerlichen Schützenfeste Europas. Die heutige Form des Festes entwickelte sich 1823, als die Neusser Junggesellen-Sodalität erstmals ein Vogelschießen und einen Festumzug organisierte. Heute vereint das Fest Generationen und prägt das städtische Selbstverständnis.

In den Vorübungen rückte dabei die Symbolik des Festes ins Zentrum: Uniformen, Wimpel, Abzeichen, Zeltornamente und andere Zeichen des Feierns wurden formal und grafisch analysiert. In der Übung „Recherche Cut-up“ entstanden dazu Collagen, die symbolische Elemente des Festes grafisch zerlegten. Ziel war eine intuitive Annäherung an ein kulturell codiertes Ritual. Aufbauend darauf übersetzten die Studierenden in „Vom Pattern zum Objekt“ visuelle Muster in dreidimensionale Studienobjekte – eine Art Formlabor, in dem festliche Ästhetik architektonisch lesbar werden sollte. Die dabei gewonnenen Ansätze aus Vorübung und gemeinsamen Diskursraum bildeten das Fundament für die Entwürfe, die sich mit Fragen von Identität, Nutzung und öffentlicher Wirkung beschäftigten. 

„Soll das so?“ – Konstruktive Kritik in Holz und Maßstab

Begleitend zum Entwurf setzten sich die Studierenden in der Vertiefung unter Prof. Wolfgang Zeh mit der konkreten Konstruktion ihrer Pavillons auseinander – eine Phase, in der das vermeintlich Kleine plötzlich groß wurde. Anhand von beispielhaften Referenzprojekten wie dem „Serpentine Pavilion“ von Peter Zumthor, dem Projekt „Bauen mit Ben“, oder der „Erkläranlage“ von Max Otto Zitzelsberger analysierten sie, wie architektonische Reduktion, Materialwahl und Symbolik miteinander verwoben sein können. In konstruktiven Isometrien und Strukturmodellen im Maßstab 1:20 wurden dann eigene Entwürfe, bis hin zu sichtbaren Schraubverbindungen, gefalteten Dachkanten oder schattenspendenden Fassadenstrukturen, konkretisiert. Die kritische Leitfrage dieser Phase – „Soll das so?“ – wurde dabei nicht nur auf statische Fragen angewandt, sondern auch auf die Angemessenheit der architektonischen Geste selbst.

Entwürfe zwischen Fest und Alltag

Die schließlich entstandenen konkreten Pavillon-Entwürfe interpretieren das Thema bewusst unterschiedlich – mal zurückhaltend, mal festlich, mal nahezu ironisch. Einige der Entwürfe nehmen gestalterische Anleihen beim Festzelt, wie leichte Holzstrukturen mit transluzenten Membranen und modularen Erweiterungsoptionen. Andere setzen auf Massivität im Kleinen, etwa mit robusten Ziegelstrukturen, die Schutzraum und Ritualort zugleich sein wollen. Immer aber wurde versucht, eine doppelte Nutzbarkeit zu denken, sei es für das Fest, als Ort für Training, Treffen oder vielleicht sogar Repräsentation. Und für den Rest des Jahres, als Raum für kleine Veranstaltungen oder als offen nutzbare Infrastruktur im Park.

Dabei bleibt ein Spannungsfeld bestehen: Wie viel Repräsentation verträgt ein öffentlicher Raum? Und wie viel Offenheit kann eine Architektur leisten, die auf ein spezifisches Brauchtum verweist? Die Arbeiten der Studierenden zeigen: Es gibt keine einfache Antwort, aber Ansätze, die Architektur als vermittelndes Medium ernst nehmen lassen – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Ritual und Öffentlichkeit.