Am größten Loch Europas wandern, hören und lesen: Der Nomadische Kongress

Im Rahmen der tu! Hambach war eine kleine Gruppe unterwegs, um den fast vollständig verlassenen Bürgewald im Braunkohlerevier durch ein besonderes Exkursionsformat unmittelbar zu erleben. Katharina aus unserer Redaktion hat sich angeschlossen. Hier, ein paar Impressionen.

Audio: KI-Generiert; Text: „Bedeutungsebenen des Grabens“ von Stella Flatten

Ein trockener, überhitzter Tag im rheinischen Revier – irgendwo zwischen Kraterlandschaft und dörflicher Leere. Am 28. Juni 2025 versammeln wir uns am Rand des Tagebaus Hambach, mitten im Bürgewald, dem früheren Morschenich-Alt. Eingeladen haben zum sogenannten „Nomadischen Kongress“  Prof. Isabel Maria Finkenberger (Fachhochschule Aachen), Prof. Jan Kampshoff (Hochschule Düsseldorf) und Prof. Mario Tvrtković (Hochschule Coburg), die sich auch in ihren Lehrformaten mit Transformationsorten wie dem Braunkohlerevier beschäftigen. 

Ein Sommertag im Wandelgebiet

Wir durchqueren das verlassene Morschenich-Alt, vorbei an geschlossenen Rollläden, zerbrochenen Fenstern und zahlreichen Schwalben, die zu ihren Nestern unter den Giebeln fliegen. Währenddessen hören wir Musik oder einen Podcast, in denen Pflanzen als politische Akteurinnen über die Bodenfrage verhandeln. Künstliche Intelligenzen erklären uns über den Lautsprecher Begriffe wie „Mundraub“, während wir Kirschen am Wegesrand pflücken. Angekommen auf den Feldern, lesen wir im Gras aus Lucius Burckhardts „Warum ist Landschaft schön?“ oder hörten den Text „Bedeutungsebenen des Grabens“ von Stella Flatten. „Gib mir meine Zukunft zurück“, singt Bernadette La Hengst aus der mobilen Musikbox. Vor uns schließlich der Tagebau – einer der größten Europas. Es fühlt sich vielmehr so an, als stünden wir in einer Savanne statt in Nordrhein-Westfalen. Jahrzehntelang wurde hier Landschaft abgetragen, ganze Orte wurden für den Braunkohleabbau umgesiedelt oder aufgegeben. Der Boden erzählt davon: physisch, politisch und emotional tief geprägt. 

Bürgewald entstand nach der Umsiedlung des Dorfes Morschenich-Alt, das für den Braunkohleabbau im Tagebau Hambach fast vollständig geräumt wurde. Zwischen 2006 und 2016 zogen – bis auf einige Widerständige – alle Bewohner*innen um. Auf dem ehemaligen Siedlungsgebiet soll schließlich Wald entstehen – ein Zeichen der Transformation vom besiedelten Dorf zur Industrie- und Naturlandschaft.

Lyrischer Spaziergang als Methode

Natürlich ist dieses Format kein wirklicher „Kongress“, sondern vielmehr ein Spaziergang, der zur Methode werden kann. Eine Handvoll Menschen begibt sich auf den Weg, um Resonanzräume erfahrbar zu machen durch Bewegung, Wahrnehmung und kollektiver Reflexion. Dies soll Fühlen als Form der Analyse zulassen.

Der „Nomadische Kongress“ war Teil des Programms tu! Hambach – ein interdisziplinäres Austauschformat rund um Energie, Strukturwandel und regionale Zukunftsfragen. In Exkursionen, Workshops und Gesprächen bringt die tu! Menschen aus Lehre, Praxis, Forschung und Zivilgesellschaft zusammen, um gemeinsam neue Wege für das Rheinische Revier zu denken.