Neue Anker am Hafenbecken: Die Jahresausstellung SORTIMENT und das Oberhafenlab der HCU Hamburg
Die HCU richtet einen neuen Raum ein – in einer ehemaligen Gleishalle. Die Auftaktveranstaltung von SORTIMENT fragte, was passiert, wenn Lehre die Hochschule verlässt, und welche Strukturen solche Orte brauchen.
Backsteinwände, Gleisanschluss, dahinter die Elbe: Oberhafen liegt wenige Gehminuten von der HafenCity Universität (HCU) entfernt, gehört jedoch zu einer anderen Welt. Das größte kreativwirtschaftliche Stadtentwicklungsprojekt Hamburgs, beherbergt in alten Lagerhallen Ateliers, Werkstätten und Kulturprojekte – und bald auch das Oberhafenlab, einen Raum für studentische Nutzung.
Am 24. Juli 2026 eröffnete die studentische Initiative SORTIMENT die gleichnamige Jahresausstellung an der HCU. Die Auftaktveranstaltung „Neue Räume für die Universität der Stadt“ stellte den alternativen Lernraum ins Zentrum. Das entsprechende Podiumsprogramm wurde von Prof. Alessandro Gess und Vertretungsprofessorin Lisa Marie Zander mitorganisiert und kuratorisch begleitet. BauNetz CAMPUS war dabei.
Eine Halle wird Lern- und Arbeitsraum
Wer an der HCU studiert, kennt vor allem das Gebäude am Baakenhafen. Großzügige Arbeitsräume fehlen. Das Oberhafenlab soll darauf nicht mit einer Erweiterung des Hauptgebäudes reagieren, sondern mit einem Schritt nach draußen. Ab dem Wintersemester 2026/27 bezieht die Universität eine Halle neben dem Gleiswerk. Der Raum soll 1:1-Experimente, Materialversuche und Ausstellungen ermöglichen, aber ebenso Treffpunkt werden für Studierende, Lehrende und Akteur*innen aus dem Quartier.
Prof. Alessandro Gess, Mit-Initiator des neuen Lern- und Arbeitsraums, beschreibt den Oberhafen als „Soft Spot“: einen Ort im Übergang, dessen Stärke in seiner Offenheit liegt. Studierende nutzten die Hallen bereits in der Vergangenheit für Präsentationen, Workshops und Installationen. Im Rahmen eines Bachelor-Studios entstanden zwei experimentelle Pavillons auf dem Gelände. Das Oberhafenlab versteht sich dabei nicht als Raumreserve, sondern als offener Prozess, der sich durch Nutzung, Lehre und Kooperation formt.
Zwischen Betriebssystem und Baustelle
Wie kann ein solcher Ort funktionieren – und woran gewinnen und scheitern vergleichbare Projekte? Die Podiumsdiskussion versammelte Positionen aus drei Städten und stellte dem jungen Hamburger Vorhaben gewachsene Erfahrungen gegenüber. Die Studierenden Thore Koch und Anna Lindenthal von SORTIMENT skizzierten, welche Voraussetzungen der Raum braucht, um interdisziplinär und offen bespielt werden zu können. Welche Wirkung eine solche Struktur langfristig entfalten kann, zeigten Jule Randermann, Hannah Cerbe und Helene Rehahn vom studentischen Roundabout e. V. der TU Berlin. Seit mehr als zehn Jahren betreibt der Verein einen Kiosk im Foyer der Universität, finanziert über Kaffeeverkauf eigene Veranstaltungen, und fördert mit den Einnahmen studentische Projekte. Doch die Fragilität solcher Initiativen zeigte sich offen: Die Situation an der TU Berlin ist prekär – neben essentiellen Universitätsgebäuden wurde auch der Roundkiosk wegen fehlender Brandschutzpläne geschlossen, die Kommunikation mit der Verwaltung sei zäh. Selbstwirksamkeit, so ihre Botschaft, wächst nur von unten.
Wie sich Universität und Stadt durch solche Räume gegenseitig öffnen können, zeigten zwei Projektvorstellungen aus der Praxis. Prof. Bernd Kniess, seit 2008 Professor für Urban Design an der HCU, berichtete von der Universität der Nachbarschaften, einem Projekt, das er sechs Jahre lang in einem leerstehenden Gebäude in Hamburg-Wilhelmsburg betrieb. Studierende eigneten sich das Haus schrittweise an, mit geborgenem Material und minimalen Mitteln. Sein Rat: iterativ erweitern und auch eigene Curricula schaffen – Credits seien die Währung der Lehre. Prof. Jörg Leeser (BeL Sozietät für Architektur, PBSA Düsseldorf) zeigte am Kulturhof Kalk in Köln, wie ein städtebaulicher Prozess ohne Investor*innen gelingen kann, getragen von lokalen Initiativen statt von Renditeerwartungen.
In der offenen Diskussion verdichteten sich die Fäden. Eins war klar: Es braucht Räume, in denen reales Aufeinandertreffen stattfinden kann. Vom Podium kam jedoch die Warnung, den Raum nicht nur als sozialen Treffpunkt zu lesen. Das Überflutungsgebiet, in dem die Halle steht, wirft reale Fragen zu Bau- und Nutzungsstandards auf. Die Frage nach Care und langfristiger Trägerschaft zog sich durch alle Beiträge: Wer pflegt diesen Raum, wer übernimmt Verantwortung, wenn Studierende nach wenigen Semestern weiterziehen? Die Runde plädierte dafür, Aufgaben früh zu übergeben, statt sie zu zentralisieren. Aus dem Publikum kam zudem der Impuls, solche Initiativen hochschulübergreifend zu vernetzen, statt überall bei null zu beginnen.
Ellena Ehrl (EHRL BIELICKY) betonte im Gespräch, dass klare Rollen und Rituale entscheidend seien. In ihrer anschließenden Keynote öffnete sie den Blick über den Raum hinaus auf die Lehre selbst. Am Design in Dialogue Lab des NEWROPE-Lehrstuhls der ETH Zürich in Zürich-Oerlikon zeigte sie, wie präzise räumliche Eingriffe einen Ort schaffen, der Lehre, Nachbarschaft und performatives Arbeiten verbindet. Zugleich plädierte sie dafür, eingeübte Lehrformate zu überschreiben: Erkenntnis entstehe nicht hinter dem Computer, sondern im körperlichen Erproben und im direkten Austausch mit lokalen Akteur*innen. Gemeinschaft, Prozesse und Gebäude müssten gleichwertig gedacht werden.
SORTIMENT und die Frage, was bleibt
Die dritte Ausgabe der studentischen Jahresausstellung war vom 25. bis 27. Juli über zwei Geschosse im Atrium der HCU zu sehen. Ausgewählte Arbeiten der vergangenen beiden Semester spannten den Bogen von Detailmodellen mit Materialschichten der Baukonstruktion über großmaßstäbliche Modelle von Wohnhochhäusern bis zu umfangreichen Systemen produktiver Parks der Landschaftsarchitektur. Die Bandbreite zeigt eine Lehre im Wandel. Neben der Vernissage am Freitag fanden am Samstag Workshops statt sowie das bereits etablierte Format „Brotkultur“, bei dem das SORTIMENT-Team junge Büros und Kollektive zu Vorträgen einlädt – produziert und serviert an einer gemeinsamen Tafel in den Gleishallen am Oberhafen.
SORTIMENT versteht sich nicht rein als Schaufenster, sondern als organisatorischer Rahmen: Aufbau und Programm tragen die Studierenden selbst, unterstützt durch Förderungen der HCU-Verwaltung. Die HCU vereint neben der Architektur auch Bauingenieurwesen und Stadtplanung – interessant wäre, wenn künftig auch diese Disziplinen ihre Etagen öffnen würden. So könne die Ausstellung das Zusammenwachsen sichtbar machen, das die Universität in ihrer Gründungsidee trägt.
Wie gelingt es, eine studentische Struktur über die Fluktuation ihrer Mitglieder hinaus lebendig zu halten? Und was entsteht, wenn eine Universität ihren Lernraum ins Quartier verlegt? Die Voraussetzungen sind da, die Energie auch. Gelingt das Experiment, könnte das Oberhafenlab zur Referenz werden – für Hochschulen, die ihre Räume neu denken wollen.