Was können Reallabore? Eine Bestandsaufnahme im BDA
Sie sind bei Studierenden beliebt, transdisziplinär und an der Schnittstelle zwischen Lehre, Forschung und Praxis – trotzdem ist es herausfordernd, sie ins Curriculum einzubetten. Lasst uns über Reallabore reden!
Der BDA-Hochschultag lud am 13. März 2026 unter dem Titel „Reallabore: Glaube. Liebe. Hoffnung.” zum siebten Mal Lehrende und Studierende der Architektur nach Berlin ein. Der Untertitel deutet es bereits an: Das Thema erweckt Leidenschaften. Welche konkreten Bedingungen fördern die Umsetzung von Reallaboren in der Hochschullehre?
Realitätsnah, deswegen komplex
Reallabore gehören zu den praxisnächsten Formaten im Architekturstudium. Anders als das DesignBuild, das auf die 1:1-Umsetzung eines kleinmaßstäblichen Baus abzielt, legen Reallabore den Fokus auf den Prozess und reagieren auf reale gesellschaftliche oder städtebauliche Defizite. Ihr experimenteller Charakter mit Anspruch auf Skalierbarkeit verbindet Entwurf, Forschung und Umsetzung – häufig mit externen Akteur*innen aus der Zivilgesellschaft.
Gerade diese Nähe zur Praxis macht das Format anspruchsvoll für die Lehre. Da mittel- bis langfristig angelegt, sind die Projekte oft inkompatibel mit der Semesterlaufzeit. Reallabore finden meist dort statt, wo Einzelpersonen sie mit erheblichem persönlichen Einsatz tragen – eine systematische Verankerung bleibt die Ausnahme. In drei Panels diskutierten Gäste und Publikum – überwiegend Professor*innen der deutschen Hochschullandschaft – über Lehrmethoden, curriculare Integration und Wissenstransfer. Das Gespräch zielte schnell auf fundamentale strukturelle Mängel ab: ungeklärte Haftungsfragen, komplexe Genehmigungsverfahren, fehlende Ressourcen und die Abhängigkeit von zusätzlichem Engagement.
Bauen auf Vertrauen
Die meisten Projekte wurden von Teams vorgestellt, bestehend aus Lehrenden, Studierenden und Vertreter*innen aus Planung, Verwaltung oder Zivilgesellschaft. Dies spiegelte den transdisziplinären Charakter von Reallaboren wider. Ob es sich um kompakte Aufträge wie den Jugendtreff in Ingersheim, mittelfristige Transformationslabore wie die Domäne Dornburg oder das langfristig angelegte Wissenschaftsquartier Co-Living Campus in Braunschweig handelt – die vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Beteiligten und die Bereitschaft, Risiken einzugehen, sind der Schlüssel zum Erfolg.
Lehre als Labor, Experiment als Praxis
Einige Reallabore gehen direkt auf studentische Initiative zurück. Projekte wie „Campus as Commons“, bei dem Studierende Teile des Mathematikgebäudes der TU Berlin prototypisch in Wohnraum transformierten, zeigen das Potenzial eigenständiger Impulse. Auch der Umbau der Architekturschule in Siegen erfolgt unter maßgeblicher Beteiligung von Studierenden.
Dabei wird die Verschiebung der Rollen und Verantwortung deutlich: Studierende agieren als Initiator*innen, Organisator*innen und Mitverantwortliche – mit Akkuschrauber in der Hand und Planning-Tools auf dem Handy. Sie fordern das Format zunehmend ein – die Hochschulen sollten auf diese Nachfrage reagieren.
Sprengen Reallabore den Lehrrahmen?
Der diesjährige Hochschultag hatte eine klare thematische Fokussierung zum Inhalt. Der Austausch blieb weitgehend konsensual: Reallabore gelten als sinnvolle und notwendige Erweiterung der Lehre, scheitern jedoch häufig an institutionellen Rahmenbedingungen.
Die zugespitzte Frage aus dem Publikum, ob Architekturschulen Entwerfer*innen oder Handwerker*innen ausbilden sollten, greift zu kurz. Architektur erfordert die Fähigkeit, komplexe Prozesse zu koordinieren – von der Idee bis zur Umsetzung. Reallabore machen genau diese Komplexität erfahrbar. Ob sie langfristig in Curricula verankert werden können, hängt also weniger von didaktischen Argumenten als von strukturellen Reformen ab. Der siebte Hochschultag benannte diese Diskrepanzen klar – und setzte damit einen wichtigen Impuls, Reallabore als Organisationsprinzip neuer akademischer Strukturen zu denken.