Suffizient mithilfe der Studierenden: Re:source Neckargemünd

Wie lassen sich öffentliche Gebäude ökologisch, kostengünstig und zukunftsfähig sanieren – ohne unnötige Technik, aber mit maximaler Wirkung? Eine süddeutsche Kommune kooperiert mit Forschenden & Studierenden aus Berlin.

Studierende des Natural Building Labs (NBL) der Technischen Universität Berlin haben im Rahmen ihrer Abschlussarbeiten 2024 Konzepte für eine suffiziente Stadtplanung und konstruktiven Low-Tech-Lösungen für öffentliche Gebäude der Stadt Neckargemünd in Baden-Württemberg entworfen. Heute entwickeln einige der Absolvent*innen und Teilnehmer*innen des Kurses Re:source Neckargemünd diese Ansätze im Rahmen eines Forschungsprojekts für den gesamten kommunalen Gebäudebestand der 13.500 Einwohner*innen-Gemeinde weiter.

Die Stadt fragt an

Der Anstoß kam direkt aus Neckargemünd. Die Stadt hat sich vorgenommen, bis 2040 klimaneutral zu werden. Auf der Suche nach ökologischen und zugleich bezahlbaren Bau- und Sanierungsmethoden wandte sich der städtische Energiemanager an den Verein natureplus e.V. – und stieß sowohl auf das Konzept „Low-Tech“ als auch das Fachgebiet NBL von Prof. Eike Roswag-Klinge an der TU Berlin. Dort hatte man bereits praktische Erfahrungen mit und ressourcenschonenden Sanierungskonzepten mit Naturbaustoffen gesammelt. Schon vor einigen Jahren waren NBL-Studierende Teil eines Lehrforschungsprojektes zu ressourcenoptimierten Kulturerbebauten unter dem Titel "MUSE/UM/BAUEN", aus dem eine Dokumentation mit Low Tech Maßnahmen für Museen, Bibliotheken und Archive hervorging.

Von der Thesis zum Forschungsprojekt

Drei Abschlussarbeiten widmeten sich drei Teilnehmer*innen-Gruppen des Seminars unter der Betreuung von Prof. Roswag-Klinge und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Selina Schlez drei einzelnen Objekten in Neckargmünd, eine weitere Gruppe widmete sich einer übergeordneten Suffizienzstrategie. Die Ergebnisse umfassten den Umbau des Rathauses, die denkmalgerechte Sanierung eines Natursteinfachwerkhauses, die kreislaufgerechte Instandsetzung eines Bauhofes und ein städtebauliches Konzept zum Flächeneinsparen. Die Resultate haben die Studierenden dann vor Ort ausgestellt und im Beisein von Bürgermeister, Gemeinderat und Bürger*innen diskutiert. 

Diese Arbeiten bildeten die Grundlage für einen Antrag bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Der Zuschlag: ein einjähriges Forschungsprojekt, in dem viele der beteiligten Studierenden weiterarbeiten konnten – nun als studentische Mitarbeiter*innen oder über direkte Aufträge.

Low-Tech Maßnahmenpakete

Im Rahmen des Forschungsprojekts erfasste das Team zunächst alle 60 kommunalen Gebäude in einer Excel-Tabelle – mit Angaben zu Flächen, Bauzeit, Nutzung und Zustand. Zehn repräsentative Beispiele aus unterschiedlichen Bauzeiten und Nutzungsarten wurden anschließend detailliert untersucht. Parallel dazu entstand ein Baukasten an Low-Tech-Maßnahmen für geeignete Sanierungsschritte. Im Zentrum standen natürliche und kreislauffähige Bauweisen: von verschiedenen Dämmvarianten über natürliche Lüftung bis hin zu regionalen Baustoffen. Sämtliche Strategien und Materialien wurden auf Energieverbrauch, CO₂-Bilanz und Kosteneffizienz geprüft und simuliert. Low-Tech bedeutet für die Forscher*innen dabei vor allem, bestehende Baumassen zu erhalten, auf robuste und langlebige Bauweisen zu setzen und den Einsatz energieintensiver Gebäudetechnik konsequent zu reduzieren.

Stichwort Suffizienz

Ein weiteres Arbeitspaket widmet sich dem Ressourcenmapping: Welche ökologischen Baustoffe gibt es vor Ort, und wie lassen sie sich kreislauffähig einsetzen? Ergänzt wird dieser Ansatz durch eine Suffizienzstrategie, die darauf abzielt, Neubauten durch Mehrfachnutzung und optimierte Raumverteilung zu vermeiden. So könnte etwa ein geplanter Hort-Neubau entfallen, wenn bestehende Räume im Schulgebäude entsprechend umorganisiert werden – mit deutlichen Einsparungen bei Kosten, Materialien und Emissionen. Zusammen mit der Gebäudekatalogisierung und dem Low-Tech-Maßnahmenbaukasten bildet dieser Baustein ein Methodenpaket, das bewusst so entwickelt wurde, dass es auch auf andere Gemeinden übertragbar bleibt.

Eine besondere Tragweite

Das Projekt ist nicht nur technisch, sondern auch politisch wirksam. Im Herbst 2025  ist seitens der Stadt Neckargemünd in Kooperation mit Nature plus e.V. und dem Natural Building Lab ein Bauworkshop geplant, bei dem ein Dachgeschoss mit regionale Naturbaustoffen umgebaut wird. Nachdem der Abschlussbericht der Studie zu Beginn des Jahres 2026 vorgelegt werden soll, möchte die Stadt das Projekt als Reallabor fortführen und ein Modellvorhaben mit regionalen Handwerksbetrieben umsetzen. Die Besonderheit von Re:source Neckargemünd liegt auch darin, dass durch ein solches Vorhaben die Vorteile, die eine Kommune durch suffizientere Planungsmaßnahmen erfährt, sichtbarer hervortreten. Zudem zeigen sich die Synergien, die sich zwischen akademischen Institutionen, der Lehre und der öffentlichen Hand ergeben können.