Migration ist Stadt: Das Studio UNLEARN

Was heißt es, Migration zu musealisieren? Mitunter dieser Frage haben sich Studierende im Atelier Dilan Vural gewidmet – sowohl theoretisch als auch gestalterisch anhand eines Transformationsprojekts in Köln.

Migration ist in Deutschland ein zentrales politisches Thema, oft mit dem Fokus auf Begrenzung oder Ausschluss. Das Studio UNLEARN an der Technischen Universität München, geleitet von Gastdozentin Dilan Vural am Lehrstuhl für Architektur und Design, bot eine andere Perspektive. Das Thema des Studios: die aktuelle Transformation einer Industriehalle in ein Museum für Migration im Herzen von Köln-Kalk. Dabei ging es in erster Linie um grundlegende Fragen: Was bedeutet es, Migration zu musealisieren? Und sollten wir das überhaupt auf diesem Wege – als Ausstellungshaus – tun? Mit interdisziplinären Gästen aus Soziologie, Geographie und Stadtforschung betrachteten die Studierenden Migration als integralen Bestandteil urbaner Strukturen. Sie konzipierten nicht nur architektonische Entwürfe, sondern auch Denkansätze für die Stadtentwicklung, die sie in einer Ausstellung präsentierten.

Migration als Motor urbaner Transformation

Migration ist kein außenstehendes Phänomen – sie formt die Stadt und treibt ihre Entwicklung voran. Das gehörte zu den zentralen Thesen des Studios. Als konkretes Objekt der Auseinandersetzung diente die Umnutzung einer 10.000 Quadratmeter großen Industriehalle in Köln-Kalk zum „Museum Selma“. Bevor die Studierenden räumliche Konzepte entwickelten, hinterfragten sie in der Übung "Misfits & Hybrids" den Begriff Migration: Was bedeutet kuratieren in diesem Kontext? Wer gilt eigentlich als „Migrant*in“? Welche Auswirkungen hat eine räumliche Manifestation dieses Labels in einer Welt fluider Identitäten? Das Studio bewegte sich dabei an der Schnittstelle zwischen Architekturtheorie und politischer Praxis – mit diversem interdisziplinären Input (siehe Infobox Gäste). Es untersuchte, wie Architektur nicht nur Abbild gesellschaftlicher Zuschreibungen sein kann, sondern als eigenständiges Medium der Auseinandersetzung fungiert. Die Umnutzung der Halle sollte nicht nur eine Transformation des Raumes sein, sondern vielmehr ein Prozess der architektonischen Identitätsbildung. Das methodische und namensgebende Kredo: Bisher Gelerntes hinterfragen, verlernen und neu definieren.


Von Schule bis Therme: Migration als kreativer Raum

Die entwickelten Konzepte erzählten keine lineare Geschichte, sondern übersetzten Migration in Nutzungskonzepte. Beispielsweise entwickelten Louis Goecke und Yonji Lee mit ihrer „Unlearn School“ ein Schulkonzept, das räumliche Hierarchien zur Förderung von Eigenverantwortung und proaktivem Denken nutzt. Ihre Gestaltung soll den Wechsel zwischen individuellen Reflexionsräumen und gemeinschaftlichen Zonen ermöglichen. Ziel war es, Lernende zu befähigen, ihre Bildungswege selbst zu gestalten – ein Ansatz, der Migration nicht als Abweichung, sondern als selbstverständliche Vielfalt versteht.

Nicolas Philippe Bernard, Alina Nassetti und Johanna Stenger entwarfen ein Tanzhaus, inspiriert vom Horon-Tanz der türkischen Schwarzmeerküste. Die Choreografien übersetzten sie in räumliche Strukturen, die an Vogelschwärme erinnern. Das Konzept soll Begegnung ermöglichen und Migration als dynamischen, kreativen Austausch darstellen.  Yaohui Ruan und Chantal Wanda Lenart planten eine Therme, die kulturelle sowie religiöse Bädertraditionen vereint. Sie berücksichtigt geschlechtergetrennte Badebereiche und bietet Raum für verschiedene kulturelle Praktiken. Das Projekt versteht Architektur als Medium des respektvollen Austauschs.


Ein fortlaufender Prozess

Die Auseinandersetzung mit Migration und Raum sollte nach den Entwürfen nicht enden: Nach einer Ausstellung der Arbeiten im Atelierhaus Hermann Rosa in München, die im Februar nach der Studioarbeit auch Vermittlungsarbeit des Themas leistete, setzt nun Dilan Vural im Folgesemester dieses Jahres das Studio unter dem Titel UNLEARN II fort. Indessen steht das Spannungsfeld zwischen „Vegetieren, Wohnen und Residieren“ im Fokus. Als Experimentierraum dient ein ehemaliges Karstadtkaufhaus in Augsburg. Wie kann hier Architektur auf heterogene soziale und kulturelle Bedürfnisse reagieren und mehr als nur Unterkunft bieten? Im gleichen Verständnis soll das Folgestudio untersuchen, wie Wohnräume unterschiedliche Lebensrealitäten integrieren können. Die Methoden beider Studios führen zu einem weiterentwickelten Ansatz für eine inklusive Stadt, die Migration als selbstverständlichen Bestandteil urbaner Entwicklung versteht. Die Eindrücke der Teilnehmenden zeigen, dass der menschlich zentrierte Umgang in ihrer ganz persönlichen Studioarbeit selbst zu einer wichtigen Methode wurde: zum Lernen und – wie der Titel schon sagt – gezieltem Verlernen.