Mehr als Hülle: Literatur zu klimapositiven Fassaden

Sie dienen als Energielieferanten, Klimapuffer oder Experimentierfeld für neue Materialien: Fassaden. Vier Bücher, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit klimafreundlichen Gebäudehüllen beschäftigen, stellen wir euch in diesem #BookChat vor.

Fassaden prägen das Stadtbild, vermitteln zwischen innen und außen und entscheiden maßgeblich über Energieverbrauch und Emissionen eines Gebäudes. Sie können Energieerzeuger, Trägerinnovativer Technik oder Ausdruck ressourcenschonender Materialstrategien sein. Mit den folgenden vier Publikationen möchten wir eine Bandbreite dessen aufmachen, was eine „klimapositive Fassade“ bedeuten kann: von fassadenintegrierter Photovoltaik über den denkmalpflegerischen Umgang mit Hightech-Hüllen bis hin zur experimentellen Materialfrage. Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, findet in diesen Büchern eine fachliche Grundlage – etwa für den aktuell ausgeschriebenen Future Skins Awards, der klimapositive Fassadenlösungen auszeichnet. 

Made of Solar   

Wie lassen sich Solarpaneele so in Gebäude integrieren, dass sie nicht als additives Technikbauteil erscheinen, sondern zur architektonischen Qualität beitragen? Dieser Frage widmet sich „Made of Solar“, herausgegeben von Daniel Mettler, Daniel Studer und Yufei He von der ETH Zürich. Das großformatige Buch versammelt 24 realisierte Bauten aus der Schweiz und betrachtet Photovoltaik in Dach und Fassade. Im Zentrum stehen doppelseitige Axonometrien und Fotografien – letztere bewusst bei Nacht aufgenommen. Die ungewöhnliche Bildsprache betont die Texturen, Fügungen und Materialität der PV-Elemente. Fassadenaufbauten, Paneelbefestigungen sowie Dach- und fassadenintegrierte Lösungen werden detailliert dargestellt. Auch stromerzeugende Balkonbrüstungen, Vordächer und bewegliche Module finden Berücksichtigung. Gerade im Hinblick auf klimafreundliche Fassaden zeigt das Buch, dass Energiegewinnung nicht zwangsläufig als technischer Fremdkörper auftreten muss. Vielmehr wird die Photovoltaik als entwurfsprägendes Element begriffen und hier zur Schau gestellt.

Im hinteren Teil reflektieren Essays und Interviews die Entwicklung eines „Solarstils“ und diskutieren Wirkungsgrade, Kosteneffizienz und Materialalternativen. Die Publikation ist weniger ein technisches Handbuch als ein ästhetischer Perspektivwechsel, der das gestalterische Potenzial fassadenintegrierter Energieproduktion aufzeigt. 

High-Tech Heritage

Was geschieht mit innovativen Fassaden, wenn ihre Technik veraltet? „High-Tech Heritage“, herausgegeben von Matthias Brenner, Silke Langenberg, Kirsten Angermann und Hans-Rudolf Meier versammelt Architekturbeispiele der 1970er- bis 1990er-Jahre, deren Erscheinungsbild von expressiven Fassaden und offen geführter Haustechnik geprägt ist. Farbig betonte Tragkonstruktionen, außenliegende Leitungen und vorgehängte Systeme machten die Gebäudehülle zum sichtbaren Träger technologischer Innovation.

Gerade diese enge Verzahnung von Konstruktion, Technik und architektonischem Ausdruck erschwert heute den Erhalt. Viele Systeme entstanden prototypisch und als Einzelanfertigungen – mit neuartigen Materialien, Montageweisen und Klimakonzepten. Ersatzteile fehlen, Hersteller*innen sind verschwunden, Standards überholt. Das Buch widmet sich daher Fragen von Instandhaltung und Rekonstruktion, etwa durch Reverse Engineering an der ETH Zürich mittels digitaler 3D-Modelle und robotischer Fertigung. Für klimapositiv gedachte Fassaden heißt das: Ihre ökologische Qualität hängt wesentlich davon ab, dass sie reparierbar, dokumentiert und langfristig bestehen bleiben.

Bauen mit Stampflehm

Während die vorherigen Bücher stark auf technische Systeme fokussieren, verschiebt „Bauen mit Stampflehm“ von Ingenieur und Bauunternehmer Felix Hilgert den Blick auf die Substanz. Hier geht es weniger um aufgerüstete Fassaden als um die Frage, wie Materialität selbst zur Klimastrategie werden kann. Das Buch vermittelt Geschichte, Materialeigenschaften und konstruktive Aspekte des Stampflehms und zeigt zeitgenössische Projekte anhand von Detailzeichnungen im Maßstab 1:20. Besonders relevant für Fassaden sind die bauphysikalischen Qualitäten: Lehm kann Wärme, Kälte und Feuchtigkeit aufnehmen und zeitverzögert wieder abgeben. Dadurch lassen sich Energiebedarf und Emissionen sowohl in der Herstellung als auch in der Nutzung reduzieren. 

Zudem beschreibt die Publikation hybride Konstruktionen, bei denen Stampflehm mit Holz, Beton, Stahl oder Kunststoff kombiniert wird. Gerade in solchen Vorsatzschalen oder kerngedämmten Wandaufbauten eröffnen sich Spielräume für klimafreundliche Fassadenlösungen, die nicht primär auf Energiegewinnung, sondern auf Suffizienz und Materialkreisläufe setzen. Das Buch macht deutlich, dass ressourcenschonendes Bauen bedeuten kann, auf lokal verfügbare, wiederverwendbare Rohstoffe zurückzugreifen – und die Fassade als massives, speicherfähiges Bauteil zu denken.

WOLLBAU. Wolle – eine unterschätzte Ressource

Architektur im Schafspelz? Wer sich für einen künstlerisch-forschenden Zugang zur Fassade interessiert – jenseits industrieller Systeme und normierter Dämmstoffe –, findet unter diesem Titel einen ungewöhnlichen Impuls. Folke Köbberling, Professorin und Leiterin des Instituts für Architekturbezogene Kunst an der TU Braunschweig, untersucht bereits seit langer Zeit gemeinsam mit ihren Studierenden Rohwolle, ein hierzulande reichlich vorhandenes, jedoch kaum genutztes Material. Das Buch dokumentiert künstlerische Projekte und Untersuchungen, die das Potenzial des biogenen Rohstoffs als Baustoff ausloten.

Gerade für Fassaden werden die Qualitäten anschaulich: als Dämmschicht, als Füllung von Jutesäcken oder in Kombination mit Lehm und Holz. So entstehen Aufbauten, die temperatur- und feuchtigkeitsregulierend, schalldämmend und atmungsaktiv sind. Wollverkleidete Fassadenteile zeigen die Gebäudehülle als weiche, textile Schicht, die auf Klimaeinflüsse reagiert. Klimapositivität bedeutet hier nicht Energieertrag durch Technik, sondern Nutzung regionaler Rohstoffe, kurze Stoffkreisläufe und Verzicht auf synthetische Dämmstoffe.