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November / Dezember 2023

Karlsruhe Institut für Technologie

La Bohème

Münchner Integrationsprojekt für Wohnungslose in der Stadt

von Julia Henschel

Hochschule:

Karlsruhe Institut für Technologie

Abschluss:

Master

Präsentation:

17.10.2023

Lehrstuhl:

Professur Stadtquartiersplanung (Prof. Markus Nepal), Professur Baukonstruktion (Prof. Ludwig Wappner)

Rubrik:

Wohnbauten

Software:

Vectorworks, Photoshop, Indesign

Obdachlosigkeit – der Zustand, keine feste Wohnung zu haben – ist ein zunehmendes globales Problem. Aber was bedeutet es, kein eigenes Zuhause zu haben? Das Problem der Obdachlosigkeit wird vor unserer eigenen Haustür sichtbar: Es mangelt an bezahlbarem Wohnraum. Vorwiegend im Kontext wohnungsloser Menschen führen lagerähnliche Zustände, die von Fremdbestimmung und fehlender Privatsphäre geprägt sind, dazu, dass das Ankommen und Einleben in die Gesellschaft kaum möglich ist. Was genau ist eigentlich Obdachlosigkeit? Diese Frage mag einem banal vorkommen, ist sie aber nicht. Denn von unserer Interpretation des Phänomens Obdachlosigkeit hängt es ab, wie wir sozialpolitisch und räumlich mit ihm umgehen. Ist Obdachlosigkeit ein gesellschaftliches Randphänomen, das im Grunde nicht vorkommen kann, und dass, wenn es denn doch vorkommt, nur als schnell zu überwindendes Hindernis zu betrachten wäre, dann bräuchte man sich mit ihm architektonisch nicht weiter zu befassen. Zie  l wäre es dann, die Wohnungslosigkeit als urbanen Störfaktor möglichst visuell verschwinden zu lassen. Man wird sich eingestehen müssen: In kapitalistischen, in komplexen, in wettbewerbsorientierten Gesellschaften wie den unseren kann es geschehen, dass Menschen durch das Raster fallen. Obdachlosigkeit ist aus dieser Perspektive betrachtet zwar immer noch ein Problem, aber auch eines, dass man als Element unserer gesellschaftlichen Struktur zur Kenntnis nehmen muss. Und das bedeutet dann architektonisch Lösungen zu finden, die eine Art architektonisches Selbstvertrauen, eine bauliche Präsenz an den Tag legen. Das Projekt in München Schwabing setzt an einer Ecksituation an und bietet architektonische Präsenz in der Stadt. Das Erdgeschoss ist für BewohnerInnen und AnwohnerInnen zugänglich, während die oberen Etagen verschiedene Wohnoptionen für individuelle Lebenssituationen bieten. Das Dachgeschoss fungiert als Gemeinschaftsraum, der Hof als halböffentliche Zone. Die Fassade zeigt eine Dreiteilung mit einem transparenten Erdgeschoss, einer äußeren Holzfassade im Hauptkörper und einem Stehfalzdach mit vertikaler Bepflanzung. Die Materialwahl hebt sich bewusst ab und verleiht dem Gebäude eine architektonische Identität. Das Projekt integriert sich nahtlos in die Stadt durch Anbindung an den Nahverkehr und Zugänglichkeit zu wichtigen Infrastrukturen. Es bietet vielschichtige Gemeinschaftsräume im Haus, fördert offene Kommunikation und schafft eine ausgewogene Balance zwischen privaten, gemeinschaftlichen und öffentlichen Bereichen. Die klare Trennung ermöglicht eine Balance zwischen Intimität und Geselligkeit in den Wohnungen. Das Grundbedürfnis nach Wohnen steht im Fokus, das nicht nur architektonisches Selbstvertrauen zeigt, sondern auch die gesellschaftliche Teilhabe der BewohnerInnen ermöglicht. Es erkennt Obdachlosigkeit nicht nur als Randphänomen, sondern als Element unserer gesellschaftlichen Struktur, das durch intelligente archi  tektonische Lösungen angegangen werden kann.
Text von Julia Henschel.