Rollenbilder, Unconscious Bias und Pritzker-Preis: Ein Seminar hinterfragt Machtstrukturen
Der weltweit bekannteste Architekturpreis spiegelt überholte Machtstrukturen wider – so das Fazit eines Seminars, das Narrative und Rollenbilder in der Architektur untersuchte.
Gleichstellung, Diversität und Inklusion in der Architekturlehre sind der TU München (TUM) ein Anliegen. Die Arbeitsgruppe Parity TUM Architecture vergibt dafür jedes Semester zwei Lehraufträge. Im Wintersemester 2025/26 leitete die Architektin und systemische Trainerin Sandra Cabrales das Seminar „Kommunikation, Macht und Rollenbilder in der Architektur“. Die Ergebnisse: eine Kritik an Machtstrukturen, überholten Frauenbildern und ominösen Auszeichnungen. Der jüngste Eklat um den Pritzker-Preis verlieh dem Seminarthema zusätzliche Aktualität.
Wer ist sichtbar?
Am Ende des Semesters wurden vier der im Seminar entstandenen Arbeiten vor- und ausgestellt. Eine Gruppe organisierte einen Workshop über Rollen und Zusammenarbeit und dokumentierte alle Seminarergebnisse. Unter dem Titel „Do you know her?“ analysierte ein weiteres Team die Portfolios von 21 Architektinnen des 20. Jahrhunderts. Neben Zeitgenossinnen wie Tatiana Bilbao, Mariam Kamara und Barbara Buser beleuchteten sie auch Biografien und Werke von etwa Marion Mahony Griffin – der ersten Architekturabsolventin in Illinois und Mitarbeiterin von Frank Lloyd Wright – und Lotte Stam-Beese, die am Wiederaufbau Rotterdams nach dem Zweiten Weltkrieg mitwirkte.
„Frauen am Bauhaus“ hingegen nahm die berühmte Schule und ihre Protagonistinnen in Weimar in den Blick. Durch statistische Vergleiche zwischen damaligen und heutigen Arbeitsstrukturen zeigte das Team, dass sich der Gender Gap in der Architektur nur geringfügig verändert hat. Das vierte Projekt, „Critique of the Pritzker Prize“, setzte sich kritisch mit dem renommiertesten Architekturpreis auseinander – ein Thema, das durch aktuelle Entwicklungen zusätzliche Brisanz erhielt.
Der Pritzker-Preis: Eine Institution bröckelt
Der „Nobelpreis für Architektur“, 1979 von der Hyatt Foundation ins Leben gerufen, gilt als höchste Anerkennung in der Branche. Das Studierendenteam untersuchte dessen Geschichte und kritisierte den „Unconscious Bias“, der die Institution scheinbar prägt. Statt Werke zu prämieren, ehrt der Preis Personen – genauer gesagt, Persönlichkeiten. In den ersten 26 Jahren waren diese ausschließlich männlich. Eine nachträgliche Korrektur bleibt aus, wie der Fall Denise Scott Brown zeigt: Ihr Partner Robert Venturi erhielt 1991 den Preis für ihre gemeinsame Arbeit allein. Ähnlich erging es Lu Wenyu, der Partnerin des 2012 ausgezeichneten Wang Shu. Bis heute gingen nur fünf Preise an Frauen – meistens im Team.
Und wer entscheidet über die Vergabe? Die Jury besteht größtenteils aus ehemaligen Preisträger*innen, deren Kriterien intransparent bleiben. So perpetuiert sich ein elitäres System, das Architektur durch eine westliche Linse bewertet.
Die Arbeit reagierte nicht auf die kürzlich bekannt gewordene Verbindung von Vorstandsmitglied Thomas Pritzker zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein – ein Vorfall, der die Signifikanz des Preises weiter infrage stellt.
Vermittlung und Vernetzung
Mit der Förderung des feministischen Blicks auf die Architektur ist die TUM erfreulicherweise kein Einzelfall – an vielen Universitäten fördern Parity Groups inzwischen eine gendergerechte Lehre. Das Netzwerk wächst stetig: Mit Literaturreferenzen von Leslie Kern oder Karin Hartmann und Initiativen wie Frauen Bauen München, Raumpilot*in sowie LOOM fanden die Teams bereits in der Recherche schnell Anschluss. Die Teilnahme von zahlreichen Austauschstudierenden betont, dass das Thema auch international auf Interesse stößt.