Raumpilot*innen am Steuer: Ein Handbuch für eine gerechtere Stadt
Wie lassen sich die nationalen Leitlinien zur gendergerechten Stadtentwicklung in Entwurf und Planung umsetzen? Sechs angehende Planer*innen entwickelten dafür ein diskursives Grundlagenbuch.
Im Rahmen ihrer Masterarbeit an der TU München stellten Lara Brezing, Pia Katharina Winder und Pauline Elena Philipp die Frage: Wie lassen sich politische Leitlinien für Gendergerechtigkeit in konkrete städtebauliche Entscheidungen überführen? Aus dieser Arbeit entstand Ende 2025 gemeinsam mit Valentin Böll, Fiona Günther und Laurenz Murken das Projekt „Raumpilot*in“ – ein Handbuch für gendergerechten und intersektionalen Städtebau. Herausgegeben von Benedikt Boucsein und Matthias Faul an der Professur für Urban Design, übersetzt die Publikation die acht nationalen Leitlinien des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) in konkrete planerische Strategien.
Von der Masterarbeit zum kooperativen Handbuch
Die meisten von uns kennen ihn: Der Grundlagenband „Raumpilot“ führt in zahlreiche Planungsvoraussetzungen, Vorschriften, Normen und Richtlinien ein, die bei Bauaufgaben zu beachten sind. Doch wie funktionieren diese Regelungen und Anwendungen, wenn wir Stadtplanung gerechter denken wollen? Wie können die politischen Leitlinien des BMWSB im Entwurfsalltag wirksam werden? Das Studierendenteam verstand die Arbeit nicht als rein theoretische Reflexion, sondern als Entwurfs- und Transferprojekt. In einem mehrmonatigen Rechercheprozess bündelte es Erkenntnisse aus Gender Studies, Stadtsoziologie und Planungstheorie und glich sie mit bestehenden Praxisbeispielen ab. Ziel war es, vorhandenes Wissen so aufzubereiten, dass es im Planungsprozess anwendbar wird. Im Zentrum stand weniger die Formulierung neuer Ziele als deren räumliche Konkretisierung: Welche Maßstäbe fehlen? Welche Standards müssen ergänzt, welche Routinen hinterfragt werden?
Im Laufe des Projekts formierte sich eine sechsköpfige Arbeitsgruppe, die städtebauliche, architektonische und grafische Kompetenzen vereinte. In enger Abstimmung mit der Professur entstand eine Publikationsstruktur, die wissenschaftliche Fundierung mit visueller Präzision verbindet – und sich explizit an Planer*innen als auch Studierende richtet. Dabei war der Gruppe stets wichtig, dass sich die Arbeit nicht als Korrektur, sondern als sinnhafte Ergänzung des bestehenden Raumpiloten versteht.
Leitlinien übersetzen, Alltagssituationen hinterfragen
Das Handbuch ist entlang der acht BMWSB-Leitlinien gegliedert. Jede wird eingeordnet, erläutert und durch konkrete räumliche Maßnahmen operationalisiert. Diagramme, Checklisten und bemaßte Darstellungen dienen dabei als nutzbares Arbeitswerkzeug.
Besonders greifbar wird der Ansatz in alltäglichen Situationen. So thematisiert ein Kapitel die Beleuchtung öffentlicher Räume: Häufig sind Leuchten zentral über der Fahrbahn angeordnet. Die Lichtkegel priorisieren Autos, während parkende Fahrzeuge Schatten auf Gehwege werfen. Separate, fußgängerorientierte Beleuchtung fehlt vielerorts. Die „Raumpilot*in“ macht diese Hierarchie sichtbar und leitet planerische Konsequenzen ab. Ähnlich argumentiert das Buch beim Winterdienst: Wenn Fahrbahnen zuerst geräumt werden und Geh- sowie Radwege zuletzt, spiegelt sich darin eine implizite Gewichtung der Mobilitätsformen.
Auch im Wohnungsbau setzt die Analyse bei alltäglichen Routinen an. Hauswirtschaftsräume – Orte der Care-Arbeit – befinden sich häufig im Untergeschoss, während repräsentative Räume bevorzugte Lagen einnehmen. Die Autor*innen plädieren für eine qualitative Aufwertung solcher Arbeitsräume. Ergänzend werden sanitäre Infrastrukturen im öffentlichen Raum untersucht, etwa die Praxis, Wickeltische überwiegend in Frauentoiletten zu verorten und damit tradierte Rollenbilder räumlich zu verfestigen.
Gendergerechtigkeit wird dabei intersektional gedacht. „Es geht nicht nur um die Kategorie Geschlecht, sondern darum, verschiedene Formen von Benachteiligung mitzudenken“, betonen die Beteiligten. Ergo versteht sich das Handbuch als Wissensspeicher, Leitfaden und Argumentationshilfe für Kommunen, Büros und Hochschulen.
Werkzeug mit offener Weiterentwicklung
An der Professur für Urban Design sind in der Vergangenheit zahlreiche offene, kritische und reflektierende Arbeiten entstanden, die sich – sei es als Intervention oder sogar als eigenständiges Lehrformat – weiterentwickeln konnten, nicht zuletzt der Chair of Unearning. Auch die „Raumpilot*in“ bleibt dabei nicht auf das gedruckte Buch beschränkt. Eine begleitende Ausstellung vermittelte die Inhalte räumlich und lud zur Diskussion ein. In Walkshops erkundeten Teilnehmende gemeinsam mit dem Team Stadträume aus veränderten Perspektiven – etwa mit Mobilitätshilfen – und überprüften planerische Setzungen unmittelbar vor Ort. Langfristig ist eine digitale Plattform geplant, die Best-Practice-Beispiele, Lehrmaterialien und Textbausteine bündelt. So soll aus der Publikation ein wachsender Wissenspool entstehen – als Beitrag zu einer Planungskultur, die Gendergerechtigkeit nicht als Zusatz, sondern als integralen Bestandteil räumlicher Qualität versteht.