Low-Budget, high impact: Das Nachbarschaftscafé Noordouest

Studierende transformieren ein leerstehendes Gebäude in Brüssel zum Nachbarschaftscafé Noordouest – und beweisen damit, wie räumliche Wirkung auch mit einem kleinen Budget entstehen kann.

In der Pannenhuis-Gegend in Brüssel ist ein neuer Treffpunkt entstanden: das Café Noordouest. Nur wenige Schritte von der Jean-Duburcq-Brücke entfernt öffnete es im Frühjahr 2025 – getragen von einer Gemeinschaft, die schon Monate zuvor die Grundlage dafür geschaffen hatte. Eine Crowdfunding-Kampagne im November 2024 brachte insgesamt 150.000 Euro ein und ermöglichte es den Anwohner*innen, die Immobilie zu erwerben, zu renovieren und die Idee eines selbstverwalteten Raums Wirklichkeit werden zu lassen.

Gemeinsam mit der Genossenschaft Noordouest und BC Architects arbeiteten Masterstudierende der Katholieke Universiteit Leuven an der konkreten Umsetzung des Nachbarschaftscafés. Unter der Leitung von Wes Degreef (BC Architects) entwickelten sie ein Interieur, das auf einem flexiblen Holzsystem basiert und sich mühelos an wechselnde Aktivitäten anpasst. Ob Konzert, Filmabend, Workshop oder gemeinsames Essen – das Café Noordouest lässt sich innerhalb weniger Handgriffe in genau den Raum verwandeln, den die Nachbarschaft gerade braucht.

Die Nachbarschaft als Eigentümerin

Auslöser war eine Lücke im Viertel: Es fehlte ein Café, das mehr kann als Getränke verkaufen. Die Initiator*innen suchten einen Raum, in dem man selbst aktiv wird – hinter der Bar steht, Events organisiert oder für andere kocht. Ihre Vorstellung war eine Art Jugendzentrum für Erwachsene. Aus dieser Idee heraus entstand eine gemeinsame Initiative, bei der 75 Anwohner*innen und Unterstützer*innen insgesamt 150.000 Euro zusammentrugen. Mit diesem Betrag kauften sie die Immobilie als Genossenschaft Noordouest. Heute tragen alle Mitglieder das Café gemeinsam als Miteigentümer*innen. Diese Genossenschaftsstruktur verändert die üblichen Macht- und Entscheidungsabläufe: Ohne wirtschaftlichen Druck bleiben die Preise niedrig, und jede Entscheidung fällt im kollektiven Prozess. So entstand ein Ort, der nicht nur für die Nachbarschaft da ist, sondern ihr tatsächlich gehört.

Umbau im Low-Budget-Modus

Nach vier Wochen Entwurfsphase präsentierten die Studierenden fünf Vorschläge, aus denen die Bauherr*innen den Entwurf von Louise Ghislain, Nomi Gys und Lone Hurtekant auswählten. Mit Beginn der Bauphase übernahm das Team aus insgesamt 17 Studierenden dann klassische Büroaufgaben: Sie bestellten Materialien, koordinierten den Zeitplan und hielten das Budget im Blick. Und genau dieses Budget stellte die größte Herausforderung dar – über nur 3.000 Euro konnte verfügt werden. Diese Knappheit forderte kreative Lösungen und den Blick für lokale Ressourcen: Die Brauerei Brasserie de la Senne spendete Holzlatten, ein Händler aus der Nachbarschaft Stoffe. Parallel begann die praktische Arbeit vor Ort. In einer Workshop-Woche führte BC Materials das Team in den Umgang mit Lehmputz und Farbpigmenten ein. Die Studierenden testeten verschiedene Techniken und applizierten den Putz direkt auf den Baustellenwänden. Währenddessen entstanden in kleinen Teams Bar, Regale, Vorhänge und Wandverkleidungen.

Möbel als Raumgerüst

Das Herzstück des Innenraumkonzepts ist ein flexibles Holzsystem, das den Raum komplett verändern kann. Zwei Elemente prägen diese Idee: die Bar und das „Supermöbel“. Während die Bar aus statischen Gründen an ihrem ursprünglichen Platz auf der Ostseite über dem Keller bleibt und die vorhandenen Kühlschränke sowie die alte Theke weiter nutzt, eröffnet das Supermöbel die eigentliche Flexibilität des Raums. Es vereint Wandverkleidung und großen Klapptisch in einem System, das je nach Bedarf unterschiedlich genutzt werden kann.

Die Wandverkleidung bildet dabei das Grundgerüst. Sie zieht sich entlang einer Raumseite, integriert einen Wasserbrunnen und einen kleinen Schrank für Küchenutensilien und erreicht mit ihrer Höhe die einer Arbeitsplatte, um direkt daran zu arbeiten oder zu kochen. Auf diese Wand ist der zentrale Tisch exakt abgestimmt: Er lässt sich vollständig zusammenklappen und mit Steckstäben in vorgebohrten Löchern an der Wand befestigen. Hochgeklappt verschwindet er nahezu unsichtbar, heruntergeklappt wird er zum großzügigen Gemeinschaftstisch. Die gleichen Stecklöcher dienen zudem als flexibles System für Regale, Haken oder Ablagen, wodurch sich nicht nur der Tisch, sondern die gesamte Wand je nach Anlass verändern lässt. Innerhalb von Minuten kann der Raum neu konfiguriert werden, ob für einen Filmabend, ein Konzert oder gemeinsames Kochen. 

Ein Ort, der allen gehört

Nach mehreren Wochen intensiver Arbeit feierten alle Beteiligten gemeinsam mit der Nachbarschaft die Eröffnung. Ein DJ legte auf, die Bar schenkte aus, und überall spürte man Zufriedenheit – bei den Auftraggebenden, den Lehrenden und den Studierenden. Diese lebendige Atmosphäre setzt sich in den wöchentlichen Aktivitäten fort: Jeden Dienstag öffnet der Raum in Kooperation mit dem lokalen Gemeinschaftszentrum Nekkersdal seine Türen für die Community Kitchen. Gemeinsam wird gekocht, ausprobiert und erkundet, wie der Raum genutzt werden kann. Am Ende bleibt ein Ort, der sich ständig wandelt und genau deshalb allen gehört, die ihn betreten, gestalten und beleben.