Landidylle oder Dorföde? Entwurfsszenarien am Wagram

Wenn gestalterische, energetische und infrastrukturelle Konzepte systematisch ineinandergreifen: Ein Lehr- und Forschungsprojekt erkundet Synergiepotenziale im ruralen Raum.

Das Forschungsprojekt „Synergien gestalten“ an der TU Wien richtet den Blick auf die Provinz: Mit baulichen, sozialen sowie energetischen Konzepten will das interdisziplinäre Team die latente Infrastruktur ruraler Orte aktivieren. Als wesentlicher Bestandteil der Forschung lieferte ein Entwurfsprojekt, betreut von Lorenzo De Chiffre, Lea Fröhlinger und Filip Marcetic, realitätsnahe Ansätze. Besonders daran ist der Spagat zwischen ganzheitlicher Standorterfassung und detaillierten Maßnahmen. 

Dörfer im Stillstand

Rund 60 Kilometer nordwestlich von Wien liegen am Wagram – einer langgestreckten Geländestufe an der Donau – vier benachbarte Gemeinden: Kirchberg, Großweikersdorf, Großriedenthal und Absdorf. Eingebettet in ein bekanntes Wein- und Wandergebiet und mit jeweils 1.000 bis 4.000 Einwohner*innen teilen sie laut der Analyse das Schicksal vieler ländlicher Räume: schwindende Gemeinschaft, unzureichende Angebote für Jugendliche und Ältere, verwahrloster Baubestand.

Das Grundlagenprojekt sucht nach plausiblen Szenarien für die Weiternutzung der abgewirtschafteten Liegenschaften. Neben Expert*innen für Bauphysik, Kreislaufwirtschaft, Regionalplanung, Soziologie, Gebäudetransformation sowie Dorf- und Stadterneuerung arbeitete eine Gruppe Architekturstudierender eng an der Bausubstanz. Ihre Entwürfe bilden eine konzeptionelle und kommunikative Grundlage für mögliche Umsetzungen.

Vier Gemeinden, vier Schwerpunkte 

Spekulativ, aber realistisch: Die Studierenden untersuchten die endemischen Probleme der vier Gemeinden und reagierten auf konkrete Defizite mit infrastrukturellen und architektonischen Konzepten. 

In Kirchberg stand die Stärkung des generationenübergreifenden Miteinanders im Zentrum. Es galt, den öffentlichen Raum durch einen Marktplatz und Klimagarten zu beleben sowie Bestandsbauten in räumliche Angebote für Jung und Alt umzunutzen. Ergänzend schlugen die Studierenden eine regional vernetzte Zeitbank für Nachbarschaftshilfe sowie Energiegemeinschaften vor: geteilte Wärmepumpen, Photovoltaik außerhalb des historischen Kerns und ein Niedertemperaturnetz, das einen alten Weinkeller zum Heizen und Kühlen nutzt – ein kollektiver Denkansatz für die lokale Energieversorgung.

Auch in Großweikersdorf favorisieren die Student*innen die energetische Aufwertung leerstehender Bauten. Optimierte Gebäudehüllen, moderne Haustechnik und lokale Energiegewinnung sollten langfristig Autarkie ermöglichen. Ein Entwurf integrierte sogar eine Pyrolyseanlage in eine ehemalige Kelterei, die landwirtschaftliche Reststoffe in Energie und Biokohle umwandelt. Neue Nutzungen – Café, offene Küche, Gasthaus, saisonales Weinlokal – sollten sowohl das kulinarische Angebot als auch das soziale Gefüge fördern.

Keine 20 Kilometer weiter entwarf ein Team Großriedenthals neue Dorfmitte. Ein untergenutztes Gebäudeensemble, das u. a. Pfarre und Gemeindeamt beherbergt, könnte in vier Entwicklungsschritten in ein nutzungsoffenes Zentrum verwandelt werden. Ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept begleitete den Entwurf. Weiter würde Geothermie das bestehende Heizsystem ergänzen, Regenwasser und Solarenergie würden systematisch gesammelt und genutzt werden.

Dank guter Anbindung an Wien rechnet hingegen Absdorf mit Zuzug – allerdings eher an der Peripherie. Der Entwurfs zielte daher auf die Stärkung des Ortskerns durch Wohn- und Bildungsangebote ab. Vier verwaiste Hakenhöfe dienten als typologische Experimente für gemeinschaftliche Umbauten. Die vorgeschlagene, durchlässige Struktur vernetzte Grundstücke und verbesserte die Mobilität im Dorf.

Landlust – keine Utopie

Ob in Thüringen oder Niederösterreich – Entwurfsstudios zu ruralen Räumen adressieren vergleichbare Probleme. Die Vorschläge am Wagram wirken durch den engen Austausch mit den Gemeinden, den konsequenten Fokus auf transformierbare Substanz sowie die Verschränkung von Lehre und Forschung glaubwürdig. Den Projektbeteiligten ist jedoch bewusst: Keine Veränderung geschieht ohne politischen Willen. Dafür braucht es „weit mehr als gute Ideen und schöne Bilder“. Die Bevölkerung müsse an die Visionen glauben und den Wandel mittragen. Im nächsten Schritt plant das Forschungsteam die Umsetzung erster Pilotprojekte.

Auch wenn man hinterfragen mag, ob ein derart umfassendes Angebot für einen Ort mit nur wenigen Tausend Einwohner*innen nicht überdimensioniert erscheint, wirkt der ganzheitliche Ansatz überzeugend, realisierbar und beispielhaft. Begleitet wird die Entwurfsarbeit von kommunikativen Formaten wie einer eigenen Zeitung und Ausstellung. Denn Aufklärungsarbeit, Dialog und Vermittlung sind ebenso entscheidend wie der Entwurf selbst.