Collaborate! Negotiate! Ein Urban Design-Studio für eine städteplanerische Zusammenarbeit

Wie lässt sich die Stadt als Geflecht vielfältiger Bedürfnisse gestalten? Zehn Gruppen von Studierenden entwickelten Konzepte für ein Wohngebiet in Berlin-Moabit. 

Städte sind Orte permanenter Aushandlung. Unterschiedliche Interessen, Ressourcen und Lebensrealitäten treffen hier aufeinander – manchmal konfliktbeladen, oft produktiv. Genau dieses Spannungsfeld griff das Studio „Collaborate! Negotiate! – The City of Many Desires“ an der Berlin International University of Applied Sciences (BI) auf. Unter der Leitung von Prof. Lukas Staudinger und Elise Nguyễn untersuchten Studierende des Bachelorstudiengangs Architektur das Quartier rund um die Agricolastraße in Moabit. Ihr Auftrag: Transformation nicht nur zu analysieren, sondern als gemeinschaftlichen Prozess zu entwerfen. Zehn Teams bearbeiteten auf dieser Basis jeweils thematische Schwerpunkte und trugen ihre Ergebnisse in ein gemeinsames Modell zusammen.

Kollaboration als Methode

Das Studio setzte bewusst auf Zusammenarbeit, ohne die Eigenständigkeit der Gruppen aufzugeben. Jede Gruppe bearbeitete ein eigenes Grundstück innerhalb des Quartiers und legte dabei einen thematischen Fokus fest – etwa Mobilität, Begrünung oder kulturelles Erbe. Zugleich griffen ihre Interventionen in die angrenzenden Areale ein, sodass jedes Projekt direkte Auswirkungen auf die Nachbarflächen hatte. Die Agricolastraße in Berlin-Moabit bot dafür ein ideales Untersuchungsfeld: ein verdichtetes Wohngebiet mit Hinterhöfen, kleinmaßstäblichen Bauten und fragmentierten Grünflächen, geprägt durch eine Mischung aus historischen Strukturen und nachkriegszeitlichen Ergänzungen. Zugleich ist es ein Quartier, das  auf engem Raum soziale Diversität und urbane Herausforderungen wie begrenzte Freiräume, Mobilitätsfragen und ökologische Defizite vereint.

Die Studierenden näherten sich dem Gebiet aus verschiedenen Perspektiven: Manche führten intensive Gespräche mit Anwohner*innen, andere kartierten Infrastrukturen, analysierten Bautypologien oder dokumentierten atmosphärische Qualitäten. Dieses Nebeneinander von ethnografischen, analytischen und gestalterischen Ansätzen erzeugte ein breites Spektrum an Sichtweisen. Regelmäßige Präsentationen und Verhandlungen stellten sicher, dass die Projekte nicht nebeneinander herliefen, sondern miteinander verwoben wurden – ein Experiment in kollektiver Stadtgestaltung.

Symbiosen und Verflechtungen

Die zehn Themenfelder – Children and Play, Greenery, Heritage and Cultural Identity, Urban Gardening, Mobility, Elderly and Accessibility, Artistic and Experimental Urban Practices, Public Space and Social Life, Human–Non-Human Co-Habitation sowie Public Health and Well-Being – bildeten keine isolierten Inseln, sondern wirkten als Knotenpunkte in einem gemeinsamen Netz.

So griff beispielsweise das Team Public Space and Social Life Fragen des geteilten Lebensraums auf und richtete teils Achsen an die Erschließungen des benachbarten Gebiets mit dem Schwerpunkt Human–Non-Human Co-Habitation aus. Das Team Mobility entwickelte ein Bus-Terminal, das nicht nur neue Zugänge zum Quartier schuf, sondern auch die Erreichbarkeit anderer Interventionen verbesserte. Die Gruppen Greenery und Urban Gardening wiederum legten Flächen für Begrünung an, die sowohl ökologische Ausgleichsräume bieten als auch soziale Begegnungen ermöglichen sollten.

Diese Verflechtungen zeigten sich nicht nur im konzeptionellen Denken, sondern auch in räumlichen Entscheidungen. Je nach Lage und Eigenschaften entstanden Dachgärten, gemeinschaftlich nutzbare Areale und neue Wohnformen, die spezifisch auf den jeweiligen Ort reagierten.

Projekte für eine plurale Urbanität

Die Vielfalt der Ergebnisse machte die Stärke des Studios aus. Manche Teams konzentrierten sich auf kleinteilige Interventionen wie Spiel- und Aufenthaltsräume für Kinder, andere entwarfen ganzheitliche öffentliche Strukturen. Wieder andere warfen tieferen Blick auf die Fragen verschiedener Wohnformen und entwickelten Modelle für kollektive Lebensformen.

Zentral war stets die Frage, wie sich einzelne Maßnahmen in ein größeres Ganzes einfügen lassen. Sichtbar wurde dies in Axonometrien, Plänen und Analysen – vor allem aber in einem gemeinsamen Modell im Maßstab 1:500, das die partiellen Interventionen zu einem kohärenten Stadtszenario verknüpfte. Hier zeigte sich, dass die Entwürfe nicht nebeneinander standen, sondern ein Geflecht aus Symbiosen und wechselseitigen Bezügen bildeten.

Das Studio machte deutlich: Urban Design ist hier keine reine abstrakte großmaßstäbliche Planungsübung, sondern eine praxisnahe Form der Zusammenarbeit. Zukunftsfähige Stadträume entstehen, wenn die Potenziale von Unterschiedlichkeiten erkannt und genutzt werden. Indem die Studierenden individuelle Schwerpunkte entwickelten, diese aber in Bezug zueinander setzten, entstand ein vielschichtige, widersprüchliches und gerade deshalb nah an der Realität urbaner Komplexität liegendes Stadtbild.