Ernst Gruber, Geschäftsführer im Wiener Planungsbüro wohnbund:consult, befasst sich hauptsächlich mit gemeinschaftlichem Wohnen, unter anderem mit Forschungsbereichen der Technischen Universität Wien. In diesem Zusammenhang forscht er über Nutzer*innenkomfort durch alternative Technikkonzepte. 2024 co-moderierte er sogar das Fachsymposium „Lowtech“ von Zukunft Bau und ist Redaktionsleiter eines Low-Tech-Handbuchs, das bis Anfang kommenden Jahres veröffentlicht werden soll.
Du warst am „Lowtech“-Symposium beteiligt und hast darüber geforscht. Wie hast du die Entwicklung der Technik-Debatte erlebt und welche Veränderungen erwartest du zukünftig?
EG: Die Diskussion konzentriert sich stark auf die Planungsphase, die oft suggeriert, Komfort ließe sich auf Knopfdruck erzeugen – Raumwärme als Produkt, bereitgestellt von Gebäudeplaner*innen, wie es Runa Hellwig beim letzten Symposium treffend formulierte. In diesem Zusammenhang ist Low-Tech eine Reaktion auf die moderne Architektur, die global gültige Lösungen propagierte und das Lokale komplett ausblendete – möglich nur durch aufwendige Haustechnik mit hohem Energie- und Wartungsaufwand. Heute wird diese Erwartungshaltung zunehmend hinterfragt. Die gestiegenen Kosten für Gebäudetechnik verdeutlichen, wie zentral das Thema geworden ist. Bereits gebaute Alternativen zeigen, dass sich etwas bewegt.
Wie viel Technik brauchen wir?
EG: Es geht nicht darum, Technik zu verteufeln oder ein „No-Tech“-Szenario zu entwerfen. Die Frage lautet: Was davon ist wirklich sinnvoll? Was brauchen wir zum Wohnen und Arbeiten? Und was können wir weglassen oder ersetzen? Low-Tech steht für ein neues Komfortverständnis: nicht immer 26 Grad im Sommer, dafür langlebige, robuste und effiziente Gebäude. Erste Projekte zeigen, dass Innovation oft in Graubereichen beginnt – mit der Hoffnung, dass daraus ein neuer Standard wird. Anpassungsfähigkeit wird angesichts des Klimawandels immer entscheidender.
Heißt also im Umkehrschluss: mit minimalem technischen Einsatz maximalen Nutzen erzielen?
EG: Genau. Oder: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Das könnte – im Sinne der Suffizienz – eine Haltung sein, die Planung, Architektur und Nutzung prägt. Doch das erfordert einen Paradigmenwechsel.
Welche Rolle spielt der Bund in dieser Thematik? Reichen in Deutschland die politischen Initiativen und Fördermaßnahmen wie das Fachsymposium aus?
EG: Der Bund hat eine starke Vorbildfunktion. Wenn er Gebäude plant und baut, die funktionieren und als Beispiele dienen, bleibt wenig Raum für Einwände. Das Low-Tech-Symposium schafft zusätzlich einen diskursiven Rahmen. Es geht nicht nur um Technik und Planung, sondern auch um gesellschaftliche und politische Fragen: Ist Suffizienz im Bauwesen eine soziale Frage? Sollte sie politisch vorgegeben werden? Letztlich geht es um Verteilung: Was ist genug für den Einzelnen, damit es für alle reicht? Wer verbraucht wie viel – und was ist gerecht?
Das Symposium behandelte Raum, Material und Gebrauch im Kontext suffizienzorientierter Planung. Wie lassen sich diese Konzepte in die Praxis übersetzen – und wo liegen die Hürden?
EG: Das ist schwierig, denn Technik lässt sich leicht vorschreiben. Wer nicht mitmacht, hat schnell das Gefühl, etwas zu verpassen. Beim Bauen – diesem trägen System von Planung und Umsetzung – dauert es Jahre, bis sich etwas ändert, und noch länger, bis klar ist, was sich bewährt. Zehn Jahre sind oft das Minimum, bis sich eine neue Haltung durchsetzt. Das erfordert Geduld, Hartnäckigkeit und klare Argumente. Der Dreiklang aus Raum, Gebrauch und Material hilft dabei, die Komplexität greifbarer zu machen. Das Symposium zeigte: Es fehlt nicht an Wissen, sondern an Umsetzung. Architektur muss räumliches Denken stärker mit physikalischen Prozessen verknüpfen. Grundrisse, Raumanordnung und Materialwahl haben einen direkten Einfluss auf Funktionen wie Lüftung. Die strikte Trennung von Architektur und Haustechnik ist kontraproduktiv, besonders bei Low-Tech-Konzepten. Mehr Zusammenarbeit und Verständnis sind nötig – in der Architekturausbildung ebenso wie in den Ingenieurwissenschaften.
Wie beeinflussen Normen und Richtlinien Innovationen? Welche persönlichen Erfahrungen hast du bei wohnbund:consult gemacht?
EG: In Wien, wo wir uns auf Wohnbau und Stadtentwicklung konzentrieren, sehen wir, dass Innovation passende Rahmenbedingungen benötigt. Low-Tech-Konzepte sind nicht „von der Stange“ und erfordern gezielte Vorgaben. Im Wiener Wohnbau funktionieren Konzeptvorgaben gut, denn hier zählen nicht nur Kosten, sondern auch Ökologie, soziale Nachhaltigkeit und Architektur. Besonders erfolgreich sind Ansätze, bei denen Auftraggeber*innen und Nutzer*innen identisch sind – etwa Baugruppen. Sie verfolgen oft ein ganzheitliches Ziel: funktionale, wartungsarme und nachhaltige Gebäude. Dieses Prinzip birgt auch für die öffentliche Hand Potenzial. Bei Schulen oder Amtsgebäuden besteht die Motivation, langlebig und effizient zu planen. Doch bürokratische Hürden, etwa im Vergaberecht, bremsen: Wie lassen sich lokale Handwerker*innen beauftragen, obwohl sie vielleicht teurer sind? Im Zuge der Normen-Debatte müssen wir uns auch mit diesen Fragen auseinandersetzen.
Gemeinsam mit Jörg Lammers (BBSR) und Silvan Linden (büros für konstruktivismus) übernimmst du die redaktionelle Leitung eines Low‑Tech-Handbuchs, das bis Anfang kommenden Jahres veröffentlicht werden soll. Was wird darin behandelt, und wie kann es die Praxis unterstützen?
EG: Das Handbuch wird ein praxisnaher Leitfaden mit 40 bis 45 Mustern, angelehnt an die „Mustersprache“ von Christopher Alexander. Ziel ist es, architektonische Prinzipien in übertragbare Muster zu übersetzen. Die Themen – Raum, Gebrauch, Material – orientieren sich am Symposium. Es gibt Einführungen zu Baustoffen wie Holz, Lehm oder Ziegel, ergänzt durch Hinweise und Einordnungen. Die meisten der im Buch gesammelten Ideen sind aber nicht neu. Es geht darum, Bestehendes zu kennen, richtig zu kombinieren und zu nutzen. Das Schöne daran: Wir müssen nicht auf die nächste große Erfindung warten. Alles, was wir brauchen, ist schon da – wir müssen es nur anwenden.