Focus

High on Low-Tech

Wie viel Technik brauchen wir?

Editorial

Wie viel Technik brauchen wir?

von Clemens Braumann

Angesichts zunehmender Hitzewellen stieg die Produktion von Klimaanlagen hierzulande in den letzten fünf Jahren um rund 75 Prozent. Weltweit sind solche Systeme längst auf dem Vormarsch. Gegenwärtige Architektur ist häufig eng mit computergesteuerten Systemen und komplexer Gebäudetechnik verknüpft. High-Tech-Konzepte reagieren dabei auf individuelle Bedürfnisse und dominieren besonders in Bereichen mit spezifischen Anforderungen bestimmter Gebäude.

Demgegenüber steht das, was gemeinhin als Low-Tech gilt. Doch was heißt das eigentlich – und wie inflationär, gar sorglos wird der Begriff genutzt? Gemeint sind passive statt aktive Steuerungen, langlebige statt kurzlebiger Materialien, lokale Kreisläufe statt globaler Lieferketten – und ein Blick auf historische Bauweisen, lange bevor Technik ins Anthropozän einzog. Dabei ist auch eine kritische Einordnung nötig: Wenn Lehmbau, Holzverbindungen oder natürliche Belüftung als „Low-Tech“ gefeiert werden, ohne ihren Ursprung in nicht-westlichen oder indigenen Kontexten zu würdigen, droht kulturelle Aneignung ohne historische Verortung.

Die Definition sollte kein Wettstreit sein, wer am wenigsten Technik verbaut, sondern den Einsatz bewusst einfacher, robuster, ressourcenschonender Systeme beschreiben. Wie viel Technik brauchen wir also – und wo ist sie angebracht? Welche Probleme löst High-Tech – welche schafft es neu? Und ganz praktisch: Wie lassen sich Low-Tech-Ansätze aus der Forschung heute im großen Maßstab umsetzen?

Um sich diesen Fragen anzunähern, werfen wir in dieser Ausgabe einen Blick auf das Pilotprojekt „Holz Ziegel Lehm“ (HZL) – entwickelt von ZRS Architekten und Bruno Fioretti Marquez in Kooperation mit mehreren Universitäten – das sich aktuell in der Umsetzung befindet. Es zeigt, wie sozialer Wohnungsbau klimafreundlich, bezahlbar und ohne komplexe Gebäudetechnik gelingen kann: mit zwei nahezu identischen Bauten, einer in Holz-, der andere in Ziegelbauweise. Darüber hinaus haben wir Einblicke von Jochen Lam in die Arbeit von Transsolar bekommen. Mit der Installation „Terms and Conditions“ auf der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig macht das Klimaengineering-Büro erfahrbar, wie Komfort auf Kosten anderer entstehen kann und fordert dazu auf, diesen neu zu definieren und Gebäudetechnik konsequent an lokalen Bedingungen auszurichten. Mit Ernst Gruber, Co-Moderator des letzten Lowtech-Symposiums des Innovationsprogramms Zukunft Bau und Teil von wohnbund:consult, sprachen wir im Interview über Suffizienz und notwendige Veränderungen in Planung und Politik.
Teaserbild: Bilge Kobas

No more air conditioning

Das Pilotprojekt Holz Ziegel Lehm

Luisa Knödler

Wie weiterbauen, wenn der Bestand kaum Spielräume lässt? In Berlin stehen rund 360.000 landeseigene Wohnungen unter steigendem Druck: Sie müssen bezahlbar bleiben – und gleichzeitig ressourceneffizient werden. Die Standardantwort lautet meist: mehr Technik, dickere Dämmung. Doch was in der Theorie effizient klingt, erweist sich als teuer, wartungsintensiv und schwer skalierbar – besonders im geförderten Wohnungsbau.

Die Wohnungsbaugesellschaft STADT UND LAND, die rund 52.300 Wohnungen verwaltet, erprobt in Berlin-Britz einen anderen Ansatz: das Modellprojekt Holz Ziegel Lehm (HZL). Auf einem schmalen Grundstück entstehen zwei fast identische Mehrfamilienhäuser – eines in Holz-, das andere in Ziegelbauweise. Ziel ist es, die CO₂-Emissionen eines typischen Neubaus um 50 Prozent zu senken, ohne die Wohnqualität zu mindern. Beide Gebäude kommen ohne Lüftungstechnik aus – ein Novum im sozialen Wohnungsbau. Der Baustart erfolgte im September 2023, Anfang 2024 begann der Hochbau. Bis Ende 2025 sollen 36 förderfähige Wohnungen entstehen, davon die Hälfte barrierefrei.

Die Entwürfe stammen von der ARGE ZRS Architekten (Holzbau) und Bruno Fioretti Marquez (Ziegelbau). Ein Forschungsteam der Universität Stuttgart, der TU Berlin und der TU Braunschweig begleitet das Projekt. 

Forschung in drei Akten

Dem Projekt liegt eine umfassende Forschungskooperation zugrunde. Den Auftakt machte das Institut für Wohnen und Entwerfen an der Universität Stuttgart unter Prof. Piero Bruno. Sein Team untersuchte historische Wohnbautypen – von Gründerzeit bis Fachwerk – und fragte: Welche Grundrisse funktionieren auch bei geringer Fläche? Wie gelingt Querlüftung ohne Technik? Und wie lassen sich Flure vermeiden? Das Ergebnis: kompakte, klar gegliederte Wohnungen mit hoher Raumqualität.

Darauf aufbauend entwickelte das Natural Building Lab (NBL) der TU Berlin unter Prof. Eike Roswag-Klinge die materialökologische Umsetzung. Um ein angenehmes Raumklima ohne Lüftungstechnik zu erreichen, kamen baubiologisch wirksame Materialien wie Lehmputz, Lehmtrockenbau, Holz und Stroh zum Einsatz. Lehm spielt dabei eine Schlüsselrolle: Er puffert Feuchtigkeit, speichert Wärme und verbessert das Raumklima.

Die TU Braunschweig, vertreten durch das Institut für Bauklimatik und Energie der Architektur unter Prof. Elisabeth Endres, übernahm schließlich die bauphysikalische Begleitung. Sie simulierte das thermisch-dynamische Verhalten beider Gebäude, entwickelte das Monitoring-Konzept und wird die Nutzungsphase mindestens über zwei Jahre wissenschaftlich verfolgen. Dabei geht es nicht nur um Energieverbrauch und Raumklima, sondern auch um Nutzer*innenverhalten, Zufriedenheit und saisonale Unterschiede. Funktioniert überhaupt das Konzept mit nur 23 m² Fläche pro Person, und fühlen sich die Bewohner*innen wohl?

So funktioniert Bauen ohne Technik

Keine Lüftungsanlagen, keine Klimageräte – stattdessen klug platzierte Fenster, massive Wände, Lehm und Holz. Das Low-Tech-Prinzip bestimmt das gesamte Gebäude: Wohnküchen mit Querlüftung, Bäder mit Tageslicht, keine Flure. Diffusionsoffene Baustoffe wie Lehmputz und Lehmtrockenbauwände machen Lüftungstechnik überflüssig. Die Holzböden liegen auf einem trockenen, reversiblen Aufbau – ohne Zement, Kleber oder Verguss. Auf einen Keller wurde bewusst verzichtet – zugunsten der Ökobilanz. So bleiben die Häuser langlebig, rückbaufähig und als Materiallager nutzbar.

Zwei Häuser – zwei Prozesse

Während das Ziegelhaus konventionell Stein für Stein entstand, basierte das Holzhaus auf einer präzisen Werk- und Montageplanung. Vorproduzierte, bereits mit Fenstern ausgestattete Wandelemente wurden just-in-time auf die Baustelle geliefert und mit dem Kran versetzt. Ein Geschoss pro Woche war realistisch – und so überholte das später begonnene Holzhaus das Ziegelgebäude bald im Baufortschritt. Die parallele Errichtung beider Häuser auf engem Raum stellte planerisch als auch organisatorisch hohe Anforderungen an die Gewerke. Low-Tech erforderte hier neue Expertise, Kooperation und Lernbereitschaft. Das Motto lautete: Lernen am gebauten Objekt. 

Bemerkenswert: Das Projekt ist vollständig öffentlich – geplant, ausgeschrieben und vergeben. Ein Low-Tech-Bau dieser Größenordnung mit einem öffentlichen Bauherrn sucht bisher seinesgleichen. Besonders die Verarbeitung großer Mengen Lehm ist im geförderten Wohnungsbau selten. 

Holz vs. Ziegel: ein Vergleich

Wie schlägt sich der Holzbau im Vergleich zum monolithischen Ziegelbau – und zur konventionellen Bauweise? Ein umfassendes Life Cycle Assessment bewertet beide Gebäude ganzheitlich: von der Herstellung über die Nutzung bis zum Rückbau. Als Vergleich dient ein simuliertes Typenhaus.

Die Ergebnisse sind deutlich: Der Holzbau spart – selbst bei thermischer Verwertung am Lebensende – über 200 Tonnen CO₂ im Vergleich zum Standardtyp. Besonders relevant sind dabei die Speicherwirkung von Holz und die konsequente Trennbarkeit der verbauten Materialien. Auch der Ziegelbau schneidet deutlich besser ab als konventionelle Bauweisen. 

Ein Prototyp mit Zukunft

Noch ist das Projekt nicht abgeschlossen, doch es zeigt schon jetzt: Low-Tech kann mehr als Nische sein. In Berlin-Britz entsteht ein wichtiger Prototyp für klimagerechtes, kosteneffizientes und robustes Bauen. Ob sich die Ansätze flächendeckend durchsetzen, bleibt abzuwarten.

Heiße Turbinen in Venedig

Über Transsolar und die Ausstellung "Terms and Conditions"

Katharina Lux

Betritt man das Arsenale auf der diesjährigen Architekturbiennale, steht man gleich schon betreten inmitten von Technik - genauer gesagt: zwischen und unter Klimaanlagen. Aber, anstatt dass diese kühlen und kurze Ruhe auf dem Gelände bieten, enttarnt sich die Begrüßung schnell als Hitzewallung und Lautstärkebeschuss. Auf Einladung von Carlo Ratti, Kurator der 19. Internationalen Architekturausstellung in Venedig, präsentiert das Klima-Engineering-Büro Transsolar mit unter anderem der Technischen Universität München, Technischen Universität MünchenETH Zürich und der Technischen Universität Eindhoven das immersive Projekt "Terms and Conditions". Die Installation fragt nach „versteckten“ Folgen klimatisierter Gebäude und nach den Bedingungen, unter denen wir uns Komfort erkaufen. Sie thematisiert den Kreislauf, in dem Kühlung zwar angenehmere Innenräume schafft, gleichzeitig aber die Erderwärmung beschleunigt. Besucher*innen durchschreiten einen Raum, der sowohl sinnlich als auch konzeptuell erfahrbar macht, was auf dem Spiel steht.

Vom High-Tech-Image zum Low-Tech-Prinzip

Transsolar versteht sich nicht als klassisches Ingenieur*innenbüro, das Berechnungen liefert, sondern als Partner*innen oder vielmehr Berater*innen im Entwurfsprozess. „Wir sind Übersetzer*innen zwischen Klima, Architektur und Technik“, beschreibt Jochen Lam von Transsolar im Gespräch mit uns. Ihr Anspruch: Klimakomfort entsteht nicht durch den maximalen Einsatz von Geräten, sondern durch eine präzise Analyse der örtlichen Bedingungen und die Integration passiver Strategien bereits in den frühen Planungsphasen.

Das bedeutet, dass das Team zunächst das Klima vor Ort, die Ausrichtung des Gebäudes, Materialeigenschaften und Nutzungsprofile untersuchen, um Möglichkeiten für natürliche Belüftung, Verschattung, Speichermassen oder thermische Zonenbildung zu identifizieren. Erst wenn diese Potenziale ausgeschöpft sind, kommt Technik ins Spiel – und dann nur so viel wie nötig.

Im Gespräch betont Jochen Lam, wie sehr sich diese Haltung auch auf das Rollenverständnis auswirkt: „Wir verstehen uns als Sparringspartner für alle Bauherr*innen, Architekt*innen und Gewerke. Wir hinterfragen Komfortdefinitionen, prüfen, was wirklich gebraucht wird und suchen Lösungen, die aus dem Entwurf selbst heraus wirken.“ Dieser iterative Prozess kann dazu führen, dass ein Gebäude am Ende weniger mechanische Anlagen benötigt oder diese kleiner dimensioniert werden können – was nicht nur Energie und Geld spart, sondern auch den Betrieb und Bedienbarkeit durch die Nutzer*innen vereinfachen soll. Für das Team verspricht sich Low-Tech damit viel mehr als ein gestaltendes Prinzip, das technische Systeme und Architektur als Einheit begreift.

What about Terms and Conditions?

Für die Installation in Venedig war das Prinzip plötzlich auf den Kopf gestellt. „Normalerweise versuchen wir, Komfort zu schaffen – hier sollten wir das Gegenteil tun: Bedingungen unkomfortabel, heiß und unangenehm machen“, erzählt Jochen Lam. Das Ziel bestand darin, den Zusammenhang zwischen Klimakomfort und globaler Ungleichheit nicht nur zu zeigen, sondern körperlich spürbar zu machen. Ausgangspunkt bildete dabei die Beobachtung, dass die wahren Kosten von Komfort oft unsichtbar bleiben: Draußen summen Klimageräte, gespeist von Stromnetzen, die größtenteils noch fossile Energien nutzen. Sie kühlen innen und stoßen außen Hitze ab. 

Für die Umsetzung wurden 80 gebrauchte Klimageräte von italienischen Schrottplätzen beschafft, zwölf davon in Betrieb. Im Raum über den befüllten Wasserbecken gehangen, kühlen sie den Hauptausstellungsraum und leiten die Abwärme gezielt in das vorgelagerte Vestibül. Die räumliche Anordnung wird so zum Sinnbild globaler thermischer Ungleichheit: drinnen kühl, leise, standardisiert – draußen heiß, laut, feucht, unvorhersehbar.

Die Klimaführung wurde so gestaltet, dass Besucher*innen auf dem Weg durch den Eingangsbereich steigende Temperaturen und Luftfeuchtigkeit erleben – bis hin zu Bedingungen, wie sie für das Jahr 2100 prognostiziert werden. Da warme Luft natürlicherweise nach oben steigt, setzten die Planerinnen Strahlungswärme ein, um den Temperaturanstieg über den gesamten Weg hinweg spürbar zu halten. Erst hinter schweren thermischen Vorhängen sinkt die Temperatur wieder, kühle Luft fällt von oben ein – ein körperlich erlebbarer Moment der Entlastung und Reflexion.

Spürbare Haltung

Terms and Conditions funktioniere zugleich als technische Versuchsanordnung und als sinnliches Manifest. Die Installation soll sichtbar machen, wie Klimakomfort für wenige auf Kosten vieler entstehen kann – und wie sehr die Architekturproduktion in globale Energie- und Ressourcenströme eingebettet ist. Das Echo in Venedig fällt entsprechend aus: Die Installation irritiert, weil sie kein idealisiertes Zukunftsbild entwirft, sondern eine mögliche Realität zeigt, die wir vermeiden sollten. Manche Besucher*innen reagierten laut Jochen Lam sogar unmittelbar auf diesen körperlich belastenden Eindruck – „Beim nächsten Mal nehme ich den Seiteneingang!“. Die Arbeit macht deutlich, dass wir lernen müssen, mit Technik und Umwelt bewusster umzugehen, dabei kluge architektonische Entscheidungen zu treffen – und bereit zu sein, Komfort neu zu definieren.

So viel wie nötig, so wenig wie möglich

Im Gespräch mit Ernst Gruber

Interview geführt von Clemens Braumann

Ernst Gruber, Geschäftsführer im Wiener Planungsbüro wohnbund:consultbefasst sich hauptsächlich mit gemeinschaftlichem Wohnen, unter anderem mit Forschungsbereichen der Technischen Universität Wien. In diesem Zusammenhang forscht er über Nutzer*innenkomfort durch alternative Technikkonzepte. 2024 co-moderierte er sogar das Fachsymposium „Lowtech“ von Zukunft Bau und ist Redaktionsleiter eines Low-Tech-Handbuchs, das bis Anfang kommenden Jahres veröffentlicht werden soll.

Du warst am „Lowtech“-Symposium beteiligt und hast darüber geforscht. Wie hast du die Entwicklung der Technik-Debatte erlebt und welche Veränderungen erwartest du zukünftig?

EG: Die Diskussion konzentriert sich stark auf die Planungsphase, die oft suggeriert, Komfort ließe sich auf Knopfdruck erzeugen – Raumwärme als Produkt, bereitgestellt von Gebäudeplaner*innen, wie es Runa Hellwig beim letzten Symposium treffend formulierte. In diesem Zusammenhang ist Low-Tech eine Reaktion auf die moderne Architektur, die global gültige Lösungen propagierte und das Lokale komplett ausblendete – möglich nur durch aufwendige Haustechnik mit hohem Energie- und Wartungsaufwand. Heute wird diese Erwartungshaltung zunehmend hinterfragt. Die gestiegenen Kosten für Gebäudetechnik verdeutlichen, wie zentral das Thema geworden ist. Bereits gebaute Alternativen zeigen, dass sich etwas bewegt. 

Wie viel Technik brauchen wir?

EG: Es geht nicht darum, Technik zu verteufeln oder ein „No-Tech“-Szenario zu entwerfen. Die Frage lautet: Was davon ist wirklich sinnvoll? Was brauchen wir zum Wohnen und Arbeiten? Und was können wir weglassen oder ersetzen? Low-Tech steht für ein neues Komfortverständnis: nicht immer 26 Grad im Sommer, dafür langlebige, robuste und effiziente Gebäude. Erste Projekte zeigen, dass Innovation oft in Graubereichen beginnt – mit der Hoffnung, dass daraus ein neuer Standard wird. Anpassungsfähigkeit wird angesichts des Klimawandels immer entscheidender.

Heißt also im Umkehrschluss: mit minimalem technischen Einsatz maximalen Nutzen erzielen?

EG: Genau. Oder: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Das könnte – im Sinne der Suffizienz – eine Haltung sein, die Planung, Architektur und Nutzung prägt. Doch das erfordert einen Paradigmenwechsel. 

Welche Rolle spielt der Bund in dieser Thematik? Reichen in Deutschland die politischen Initiativen und Fördermaßnahmen wie das Fachsymposium aus?

EG: Der Bund hat eine starke Vorbildfunktion. Wenn er Gebäude plant und baut, die funktionieren und als Beispiele dienen, bleibt wenig Raum für Einwände. Das Low-Tech-Symposium schafft zusätzlich einen diskursiven Rahmen. Es geht nicht nur um Technik und Planung, sondern auch um gesellschaftliche und politische Fragen: Ist Suffizienz im Bauwesen eine soziale Frage? Sollte sie politisch vorgegeben werden? Letztlich geht es um Verteilung: Was ist genug für den Einzelnen, damit es für alle reicht? Wer verbraucht wie viel – und was ist gerecht?

Das Symposium behandelte Raum, Material und Gebrauch im Kontext suffizienzorientierter Planung. Wie lassen sich diese Konzepte in die Praxis übersetzen – und wo liegen die Hürden?

EG: Das ist schwierig, denn Technik lässt sich leicht vorschreiben. Wer nicht mitmacht, hat schnell das Gefühl, etwas zu verpassen. Beim Bauen – diesem trägen System von Planung und Umsetzung – dauert es Jahre, bis sich etwas ändert, und noch länger, bis klar ist, was sich bewährt. Zehn Jahre sind oft das Minimum, bis sich eine neue Haltung durchsetzt. Das erfordert Geduld, Hartnäckigkeit und klare Argumente. Der Dreiklang aus Raum, Gebrauch und Material hilft dabei, die Komplexität greifbarer zu machen. Das Symposium zeigte: Es fehlt nicht an Wissen, sondern an Umsetzung. Architektur muss räumliches Denken stärker mit physikalischen Prozessen verknüpfen. Grundrisse, Raumanordnung und Materialwahl haben einen direkten Einfluss auf Funktionen wie Lüftung. Die strikte Trennung von Architektur und Haustechnik ist kontraproduktiv, besonders bei Low-Tech-Konzepten. Mehr Zusammenarbeit und Verständnis sind nötig – in der Architekturausbildung ebenso wie in den Ingenieurwissenschaften.

Wie beeinflussen Normen und Richtlinien Innovationen? Welche persönlichen Erfahrungen hast du bei wohnbund:consult gemacht? 

EG: In Wien, wo wir uns auf Wohnbau und Stadtentwicklung konzentrieren, sehen wir, dass Innovation passende Rahmenbedingungen benötigt. Low-Tech-Konzepte sind nicht „von der Stange“ und erfordern gezielte Vorgaben. Im Wiener Wohnbau funktionieren Konzeptvorgaben gut, denn hier zählen nicht nur Kosten, sondern auch Ökologie, soziale Nachhaltigkeit und Architektur. Besonders erfolgreich sind Ansätze, bei denen Auftraggeber*innen und Nutzer*innen identisch sind – etwa Baugruppen. Sie verfolgen oft ein ganzheitliches Ziel: funktionale, wartungsarme und nachhaltige Gebäude. Dieses Prinzip birgt auch für die öffentliche Hand Potenzial. Bei Schulen oder Amtsgebäuden besteht die Motivation, langlebig und effizient zu planen. Doch bürokratische Hürden, etwa im Vergaberecht, bremsen: Wie lassen sich lokale Handwerker*innen beauftragen, obwohl sie vielleicht teurer sind? Im Zuge der Normen-Debatte müssen wir uns auch mit diesen Fragen auseinandersetzen.

Gemeinsam mit Jörg Lammers (BBSR) und Silvan Linden (büros für konstruktivismus) übernimmst du die redaktionelle Leitung eines Low‑Tech-Handbuchs, das bis Anfang kommenden Jahres veröffentlicht werden soll. Was wird darin behandelt, und wie kann es die Praxis unterstützen? 

EG: Das Handbuch wird ein praxisnaher Leitfaden mit 40 bis 45 Mustern, angelehnt an die „Mustersprache“ von Christopher Alexander. Ziel ist es, architektonische Prinzipien in übertragbare Muster zu übersetzen. Die Themen – Raum, Gebrauch, Material – orientieren sich am Symposium. Es gibt Einführungen zu Baustoffen wie Holz, Lehm oder Ziegel, ergänzt durch Hinweise und Einordnungen. Die meisten der im Buch gesammelten Ideen sind aber nicht neu. Es geht darum, Bestehendes zu kennen, richtig zu kombinieren und zu nutzen. Das Schöne daran: Wir müssen nicht auf die nächste große Erfindung warten. Alles, was wir brauchen, ist schon da – wir müssen es nur anwenden.