Leben in Modellen

Ein universales Entwurfswerkzeug

Editorial

Ein universales Entwurfswerkzeug

von Katharina Lux

Durch Pandemie und Digitalisierung finden Arbeit, Studium und Lehre auch in der Welt der Architektur vermehrt vor dem Bildschirm statt. Dabei lässt sich eins nicht ersetzen: Die Arbeit am physischen Modell. Die dreidimensionale Darstellung eines Gebäudes im kleinen Maßstab repräsentiert unsere Ideen und Visionen als Planer*innen wie kaum ein anderes Format. Sie ermöglicht eine sinnlich-haptische Wahrnehmung von Architektur und Raum, von Licht und Schatten, Blickbezügen und Oberflächen. Sofort entsteht ein ganzheitliches Bild.

Je nachdem, welche Aussage ich treffen will, kann das Modell eines Hauses viele Erscheinungsformen haben: vom abstrakten Holzklotz bis hin zum detaillierten Nachbau mit gelöteter Balustrade. Es kann als finales Präsentationsobjekt im Seminar, vor privaten Bauherren oder einer Behörde ebenso dienen wie als repräsentatives Exponat im Museum. Doch für angehende und praktizierende Architekt*innen ist das Modell in erster Linie ein geschätztes Entwurfswerkzeug. Es ermöglicht das permanente Testen von Situationen und erschafft ein direktes räumliches Bild der Idee. Anhand Styrodur, grober Pappe und anderer einfachster Mittel lassen sich Proportionen schnell überprüfen und Raumzusammenhänge verändern. Die Auseinandersetzung mit der Textur und der Beschaffenheit von Materialien kann den Entwurf und das Ergebnis signifikant beeinflussen. Zweidimensionale Pläne bilden meist nur Teile eines Projekts ab und sind von Personen außerhalb des Fachs schwer lesbar. Mit Modellen dagegen wird Architektur erfolgreich erfunden, entwickelt und kommuniziert.

„A physical model is an entity that makes experimenting easy. Produced in large quantities, they function as a container for ideas and constraints. In an endless circulation, ideas turn into models and models into ideas.“
- Rem Kohlhaas

In dieser Ausgabe:
Um das Potenzial dieser einzigartigen Methode aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, haben wir mit Prof. Florian Latsch und Prof. Martin Baur von der Technischen Universität Darmstadt über ihr Seminar „Zu Klein“ gesprochen. In diesem Kurs hatten Studierende die Aufgabe, eine ländliche Dorfstruktur ausschließlich über Modellbau und atmosphärischer Modellfotografie zu analysieren und weiterzudenken. In weit größerem Maßstab und mit einem Haufen dickwandiger Pappe veranstaltete das junge Büro „unprofessional.studio“ aus Berlin in Kooperation mit der Technischen Universität Berlin 2020 einen Workshop, der den Fokus ganz auf den Arbeitsprozess am Modell gelegt hat. 15 Studierende aus unterschiedlichen Hochschulen Deutschlands wohnten und bauten während der „1:10 unprofessional.summerschool“ zwei Wochen lang gemeinsam in einem leerstehenden Kaufhaus in Neuruppin. Mit dem „Abfall“, der durch die ständige Produktion kleiner Architekturen entsteht, hat sich Jasmin Gora von der Technischen Universität Braunschweig beschäftigt. Das „ArchiShare-Regal“ soll zum Tausch und der Wiederverwendung von Modellbaumaterialien und damit zu mehr Nachhaltigkeit anregen. Entsprechend wichtig ist es, dass die Studierenden konkret erlernen, wie sie ihre Ideen dreidimensional umsetzen können. In einem Portrait berichten wir über das Fachgebiet „Modell+Design“ der Technischen Universität Berlin, an dem in Seminaren und im Austausch mit Politik und Kultur Modellbau unterrichtet wird.

Das Dorf im Detail

Im Gespräch mit Prof. Baur i.V. und Prof. Latsch i.V. von der TU Darmstadt

Interview von Katharina Lux

"Zu klein" - so hieß das von Prof. Martin Baur und Prof. Florian Latsch geleitete Seminar des Fachgebiets „Entwerfen und Industrielle Methoden der Hochbaukonstruktion“ (EIK) der Technischen Universität Darmstadt im Wintersemester 21/22. Auf einem Hanggrundstück im mittelhessischen Ort Arfurt an der Lahn untersuchten Studierende, ob und wie regionaltypisches, verdichtetes Bauen im ländlichen Raum zeitgemäß weiterentwickelt werden kann. Das geschah jedoch nicht durch maßgerechte Bauaufnahme, Grundrisszeichnungen und 3D-Visualisierung, sondern rein über das Modell. Mithilfe der Arbeit an atmosphärischen Modellen sollte in drei Teilaufgaben ein Zukunftsszenario für ein ausgewähltes Grundstück im Dorf skizziert werden. BauNetz Campus hat mit den Lehrenden darüber gesprochen, wie sie den Arbeitsprozess und insbesondere die Erfahrungen mit Modellbaufotografie bewerten und was diese Methode leisten kann.

Können Sie uns erklären, warum und wie genau Sie mit den Studierenden an das Thema herangegangen sind und welche Rolle hierbei die Methode Modellbau spielte?

Prof. Florian Latsch: Mit der Aufgabe sprechen wir ein Problem an, das wir in Dörfern der Region schon lange beobachten. Durch Erbteilung wurde Eigentum in der Vergangenheit meist gerecht aufgeteilt. Dadurch sind oftmals Parzellen entstanden, die nicht mehr fassten als kleine, schmale Häuser mit nur drei oder vier Zimmern. Sie sind heutzutage einfach nicht mehr gut nutzbar. Das ist auch der Grund, weshalb wir dem Seminar den Namen „zu klein“ gegeben haben. Auf dem Grundstück, das wir ausgesucht haben, befindet sich heute eine Garage, an deren Stelle bis vor fünf Jahren solch ein kleines Haus gestanden hat. Da es die Besitzer*innen nicht mehr zum Wohnen nutzen wollten, haben sie es abgerissen und ersetzt. Das ist einerseits nachvollziehbar, kann aber durch den rasanten Rückbau solcher Strukturen dazu führen, dass das Dorf seine Identität verliert.

Prof. Martin Baur:
Zu Anfang haben wir nicht konkret daran gedacht, im Seminar Modelle bauen zu lassen. Unser Ausgangspunkt war viel eher diese kleinteilige Struktur des Ortes, die in den letzten Jahrzenten immer mehr zu verschwinden scheint. Um diesen Bestand überhaupt erstmal bewerten zu können, fanden wir, dass eine besonders detaillierte Analyse nötig ist. Uns war aber wichtig, dass diese Analyse nicht nur dokumentieren sollte, wo beispielsweise die Bushaltestelle steht oder wie breit Gehwege sind, sondern, dass die strukturelle und architektonische Qualität erfasst wird. Wir wollten keine Häuser rekonstruieren und auch keine Denkmäler generieren, sondern herausfinden, welches Potenzial für eine Weiterentwicklung gegeben ist. Über das Material und die vorhandenen Elemente wollten wir in Erfahrung bringen, welche Wesensmerkmale die Architektur hat. Also schien es uns am besten, sie genau anzusehen, anzufassen und nachbauen zu lassen, weil man dadurch Dinge entdeckt, die man sonst möglicherweise nie erkennen würde. Wir haben auf einer Exkursion zwei Häuser analysiert, bei denen der marode Zustand schnell feststellen ließ, was sich alles unter dem Putz befindet. Von dieser Wahrnehmung ist viel in die Modellarbeit eingeflossen. Wenn die Studierenden ihre Modelle vor sich haben, können sie leichter bewerten, welche Elemente abstrahiert, entfernt oder detailliert werden müssen.

„Uns ging es nicht um ein detailliertes Nachbauen, sondern vielmehr darum, das sichtbar zu machen, was dem Wesen des Ortes entspricht.“ Florian Latsch

Prof. Florian Latsch: Es kommt hinzu, dass wir diese Thematik in einem Hochbau-Seminar und nicht im theoretisch-städtebaulichen Kontext bearbeitet haben. Daher brauchten wir eine Methode, die konkrete Strukturen schnell und kompakt abbildet. Dabei ging es uns nicht um ein detailliertes Nachbauen, sondern vielmehr darum, das sichtbar zu machen, was dem Wesen des Ortes entspricht. Wir haben den Studierenden auch keine Vorgaben gemacht, in welchem Maßstab die Modelle sein sollten. Es war im Nachhinein besonders interessant, dass einige der Arbeiten ganz klein und andere zum Teil sehr groß waren. Wir haben die Modelle nämlich mit voller Absicht während des Prozesses nicht zu Gesicht bekommen. Bei den Besprechungen und ersten Abgaben kamen nur die entstandenen Modellfotografien zum Einsatz. Erst zum Schluss brachten dann alle ihre Modelle mit – da gab es ziemlich große Überraschungseffekte.

Die Modellfotografie spielte eine große Rolle im Prozess. Was bildete hier den Ansatz?

Prof. Martin Baur: Die Idee war, das Grundstück immer aus der gleichen Perspektive zu sehen. Wir wollten nicht Gefahr laufen, dass die Studierenden sich zu lang damit beschäftigen müssen, einen speziellen Blickwinkel zu finden. Alle sollten vom selben Startpunkt loslegen, damit sich die Ergebnisse am Ende auch besser vergleichen lassen.

Prof. Florian Latsch: Wir reden in Entwürfen ja immer über Dinge, die es nicht gibt. Teil der Übung war es daher auch, durch diese Methode zu trainieren, wie einem Gegenüber Konzepte präsentiert und vermittelt werden können. Dabei stellt sich ständig die Frage: „Was brauche ich dafür genau in diesem Bild?“. Wie sich das Ganze normalerweise im Grundriss oder Schnitt verhalten würde, ist in diesem Moment irrelevant.

In der zweiten und dritten Übung sollte ein Zukunftsszenario für das Grundstück gestaltet werden. Wie konnte das insbesondere über die dreidimensionale Entwurfsmethode gelöst werden?

Prof. Martin Baur: Die Studierenden haben nicht im Grundriss entworfen, sondern ausschließlich über das Modell. In der zweiten Übung sollten sie einen Baukörper entwickeln, in der dritten Aufgabe ein Innenraumszenario. Durch die Herangehensweise über die Modellfotografie entstanden eher Entwurfsfragmente als komplette Gebäude. Wir haben von vornherein kommuniziert, dass in den Bildern Ideen vermittelt werden sollen, diese aber nicht zwangsläufig logisch sein müssen. Teilweise wurden im Modell Silhouetten dargestellt, die auf dem Grundstück gar nicht hätten stehen können. Aber das war o.k., denn es ging ja darum, Optionen auszuloten und Grenzen zu erkennen. Im klassischen Entwurf schließt man durch den eingeschlagenen Weg oft Möglichkeiten aus und ist gezwungen, einmal getroffene Entscheidungen „auszubaden“. Wir wollten den Studierenden durch unser Vorgehen mehr Spielraum geben. Sie sollten schnell Ideen entwickeln, ohne sie gleich bis ins letzte Detail zu überprüfen.

Welche Vorteile und Besonderheiten sehen Sie in der Arbeit am physischen Modell in Hinblick auf das Seminar und die allgemeine Lehre?

Prof. Florian Latsch: Am faszinierendsten fand ich, die Analyse des Bestands mit dieser Methode durchzuführen. Wir und die Studierenden konnten tief in die vorhandenen Strukturen eintauchen. Ich glaube, durch die intensive Auseinandersetzung mit Materialbeschaffenheit, Oberflächen, Haptik, Farbe und Wirkung der zu bauenden und fotografierenden Elemente ist eine einzigartige Aufnahme der Architektur und ihrer Atmosphäre möglich.

Prof. Martin Baur:
In meinen Augen ist der Modellbau ein extrem wirkungsvolles Kommunikationsmittel. Wir haben bei unserer Recherche entdeckt, dass es bereits in den 1990ern eine Analyse zu diesem Dorf gegeben hatte. Darin waren über ganz klassische Planzeichnungen für Verkehr, Straßenbeleuchtung und Begrünung Anweisungen enthalten, wie sich das Dorf entwickeln könnte. Es scheint so, als hätte diese Untersuchung kaum Beachtung durch die Politik und andere Beteiligte gefunden. Sie ist in irgendeiner Schublade verschwunden. Zwar haben wir unsere Modellfotografien nicht öffentlich ausgestellt, aber allein dadurch, dass die Bilder online zu sehen sind, konnten wir einige Leute auf das Projekt aufmerksam machen. Ich hatte das Gefühl, dass sich unter anderem auch Bewohner*innen des Dorfes davon stark angesprochen fühlten und wir den Wert der Arbeiten schneller vermitteln konnten. Durch die physische, nahbare Atmosphäre von Modellen und Fotografie kann ein Zugang geschaffen werden, der über Computergrafiken oft nicht gelingt. Ich denke, diese Methode ist wirklich ein gutes Instrument, um mit der Politik oder Bürger*innen in Dialog zu treten.

Prozess statt Produkt

„1:10 unprofessional.summerschool“ in Neuruppin

Katharina Lux

Cutter, dicke Pappe und ein großer Maßstab: Daraus bestand die Grundausstattung der Teilnemer*innen eines zweiwöchigen Workshops in Neuruppin. Organisiert und geleitet wurde die Summerschool mit 15 Studierenden im Jahr 2019 von Martin Binder und Kristof Schlüßler aus dem Berliner Architekturbüro unprofessional.studio in Kooperation mit der Technischen Universität Berlin. Katharina war vor Ort.

Mitten im Zentrum der Innenstadt Neuruppins in Brandenburg befindet sich das ehemalige „Kaufhaus Magnet“. Das leerstehende Gebäude war Arbeits-, Wohn- und Ausstellungsort der Workshop-Teilnehmer*innen zugleich. Auf 400qm wurde in dieser porösen, weitläufigen Umgebung, die auf den ersten Blick nicht im Geringsten einer ehrwürdigen schulischen Institution gleicht, gemeinsam aufgestanden, gegessen, gelehrt und sehr viel gebaut.

Ein Meer aus Prototypen

Ausgangspunkt waren ein Haufen dickwandiger Karton und die Aufgabe, etwas Räumliches zu bilden. In zwei Aufgabenteilen sollten die Studierenden aus unterschiedlichen Hochschulen Deutschlands über eine abstrakte Herangehensweise architektonische Ideen entwickeln. Im ersten Schritt galt es, ganz ohne Vorgabe freie Themen zu bilden und diese mithilfe von grober Pappe baulich umzusetzen. Anschließend überprüften die Teilnehmer*innen über schnell erzeugte Handyfotos die räumliche Situation und pinnten ihre Prozessergebnisse an die Wänden. Im weiteren Verlauf der Aufgabe sollten fünf der entwickelten Themen herausgearbeitet, immerwährend fotografisch abgebildet und in verschiedenen Maßstäben untersucht werden – der gleiche Raum, mal winzig, mal riesig. Das unhandliche Material und der hohe Abstraktionsgrad sollten das Festhalten an einem einmal gefundenen Konzept verhindern und ein ständiges Verändern der entstehenden Pappgebilde fördern. Schließlich lagen zur Halbzeit des Workshops über 300 prototypische Modelle aller erdenklicher Größen im Studio, umgeben von Wänden aus Fotografien. Diesen Kosmos aus Pappe und Papier besuchten die Architekt*innen Prof.Christian Kerez und Nikolai von Rosen, Lehrende der Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich), für eine Zwischenkritik und einen offenen Diskurs über den Umgang mit dem Arbeitsmodell als Werkzeug.

„Wir wollten es schaffen, den Studierenden die tiefsitzende Definition einer Präsentation mit einem „fertigen Produkt“ umzuprogrammie­ren und sie viel eher auf ein neues Format eines freien Diskurses über den Prozess eines Entwurfes einstimmen.“ Martin Binder und Kristof Schlüßler

Ganz großer Maßstab

Ort für den Entwurf der zweiten Aufgabe war eine Baulücke in unmittelbarer Nähe des Kaufhauses. Hier wurde es etwas konkreter und vor allem noch größer: Im Maßstab 1:10 sollten die Ideen in ein gemeinschaftliches Umgebungsmodell eingesetzt werden. Ein gewohntes Arbeiten am Schreibtisch war durch das unkonventionelle Format und die unhandliche Größe der Modelle kaum mehr möglich: Tatsächlich saßen die Studierenden vielmehr *in* als an ihren Modellen, um sie bearbeiten zu können.

„Viele der Studierenden bewohnten ihre Modelle mittlerweile, um an ihnen arbeiten zu können.“ Martin Binder

Schließlich war der Studio-Raum so voll, dass kaum noch ein Weg hindurch zu finden war. Allein das Umgebungsmodell nahm die Hälfte der Halle ein. Zu einer Endpräsentation waren schließlich Prof. Ute Frank der Technischen Universität Berlin, Prof. Donatella Fioretti, Kunstakademie Düsseldorf sowie der Architekt Tho­mas Burlon geladen.

Bloß nicht fehlerfrei

Zeitmangel, der große Maßstab und das kaum kontrollierbare Material provozierten in der Arbeit der Studierenden ständige Änderungen bei der physischen Umsetzung ihrer Ideen. Martin Binder und Kristof Schlüßler wollten in ihrer „1:10 unprofessional.summerschool“ die Teilnehmer*innen bewusst mit dem „nicht Perfekten“, gar „Unprofessionellen“ konfrontieren und dadurch die stetige Entwicklung eines Entwurfes zum Thema machen. Anstelle von besonders hoher Präzision im Endprodukt trat die Prozesshaftigkeit im Vordergrund. So konnte in Neuruppin ein gemeinsames Arbeitsumfeld geschaffen werden, das über das „Werkzeug Model“ ganz eigene Methoden entstehen ließ.

Beteiligte:

  • Initiatoren: Martin Binder und Kristof Schlüßler, unprofessional.studio
  • Teilnehmer*innen: Bent Fromke, Emmi Frank, Ernst Schubert, Irina Merzlikina, Leonore Neubert, Marie Stern, Miron Müller, Theresa Lipczynska, Veronika Stratienski, Victoria Hermensmann, Wen-Shan Cui, Robert Schalow
  • Gastkritiker*innen: Thomas Burlon, Prof. Donatella Fioretti, Prof. Ute Frank, Prof. Christian Kerez,  Nikolai von Rosen

Modellhafter Austausch

Ein Tauschregal für die Werkstatt der TU Braunschweig

Text von Johannes Medebach

Das Architekturstudium ist eine Materialschlacht. Wer eine Architekturfakultät kurz nach der Abgabezeit betritt, muss sich seinen Weg durch Berge alter Modelle und Überbleibsel von deren Herstellung bahnen. Da viele Objekte zu sperrig sind, um in den Wohnungen der Studierenden Platz zu finden, landen sie häufig in der Mülltonne. Ohne Frage: Das ist alles andere als nachhaltig – sowohl für die Umwelt als auch für das meist ohnehin schon überstrapazierte Portemonnaie der Studierenden. Modellbau ist mitunter der größte Kostenfaktor im ganzen Studium. Wäre es nicht möglich, Material erneut zu verwenden und untereinander zu teilen? Dieses Potential sah auch Jasmin Gora von der TU Braunschweig und initiierte ein Projekt, das dem Problem Materialverschwendung in der Lehre Abhilfe schafft: Das „ArchiShare Regal“.

Shared Experience

Studierende hatten im November 2021 die Aufgabe, in einem Stegreifentwurf am Institut für Architekturbezogene Kunst (IAK) ein prototypisches „Tauschregal“ für wiederverwendbare Modellbaumaterialien zu entwickeln. Die Maßgabe lautete, das Regal für eine Aufstellung in mehreren Braunschweiger Modellbauwerkstätten so zu designen, dass unterschiedlichste Materialien sortiert und nach Bedarf entnommen werden können. Dabei sollte von großen Styrodur-Platten bis zu kleinen Staffage-Menschen alles hineinpassen. Wer etwas abgibt, darf sich etwas herausnehmen – ideal für eine Generation, für die „Sharing Society“ keine leere Worthülse ist. So könnte der teure und zeitaufwändige Gang zum Modellbaubedarfladen künftig häufiger entfallen.

Realisierung

Nach Abgabe der Entwürfe folgt mit der Umsetzung des Projektes die zweite Phase. Dabei kommt kein individueller Stegreif zur Umsetzung, sondern ein Gesamtentwurf, der alle positiven Aspekte der einzelnen Vorschläge zusammenfasst. Dies geschieht unter Federführung des Instituts für Landschaftsarchitektur (ILA) mit hochschulinterner Unterstützung der Initiative Sandkasten und des „Green Office“, einem Büro für mehr Nachhaltigkeit. Fragen zum laufenden Betrieb und der Organisation des Regals sind zu klären: Wer betreut das Regal? Wie sind die vorgesehenen Standorte mit dem Brandschutz vereinbar? Sobald das Regal zum ersten Mal befüllt wird, ist zu hoffen, dass es schnell selbst zum Modell wird und anderen Universitäten als Beispiel dient.

Beteiligte

  • Initiatorin und Betreuerin vom ILA: Jasmin Gora
  • Stegreif Studierende: Rajan Abdulla, Clara Albert, Nils Bollmann, Pia Brüchner-Hüttemann, Julius Göttsche, Caspar Baron
  • Stegreif Ausgabe: IAK (Institut für Architekturbezogenen Kunst), Prof. Folke Köbberling, Alexa Kreissl
  • Studierende Umsetzungsphase: Julia Mack, Ida Reinhardt, Julia Samtleben, Teresa Nguyen, Solia Stamer, Zoe Lissner
  • „Green Office“: Sira Möller
  • Initiative „Sandkasten“: Mara-Ruth Wesemüller

Dreidimensionale Ideen

Ein Portrait des Fachbereichs „Modell+Design“ in Berlin

Text von Katharina Lux

An so gut wie jeder Hochschule gibt es Kurse zum Erlernen der neuesten CAD-Software, von Darstellungs- und Zeichentechniken. Eine akademische Einrichtung, die sich eigenständig der Vermittlung von Modellbau-Kenntnissen widmet, scheint einzigartig. Der Fachbereich „Modell+Design“ der Technischen Universität Berlin will lehren, wie es funktioniert, die eigenen Ideen dreidimensional umzusetzen. Ansässig in einer Werkstatt in Berlin-Wedding, bieten Annette Müller, Robert Niemann und ihr Team für Studierende der TU und anderer Universitäten im Bachelor und Master Seminare und Beratung zum gestalterischen Modellbau an.

Hilfe für den Spiegel der Idee

Besonders in den ersten Semestern, begleitet von viel Stress und Zeitdruck, ist es häufig ein beschwerlicher Weg, zusätzlich zu den erarbeiteten Plänen und Prozessmaterial auch noch ein repräsentatives Präsentationsmodell fertigzustellen. Deswegen kann das frühe Erlernen von Techniken im Modellbau den Arbeitsfluss der Studierenden deutlich verbessern und den Entwurf bereits zu einem frühen Zeitpunkt maßgeblich beeinflussen. Der Fachbereich verfolgt das Ziel, Hilfestellung bei der Auswahl von Material und Bauweise zu leisten und den individuellen Entwurf konzeptionell so zu unterstützen, dass er auch im physischen Modell die Kernidee des Projekts anschaulich macht.

„Es scheint immer häufiger nur noch in der Fläche entworfen zu werden, nicht im Volumen. Dadurch beobachten wir sogar immer öfter, dass Baukörper aus einzelnen gelaserten Platten erstellt werden, statt sie aus der räumlichen Vorstellung zu entwickeln.“ Annette Müller

Vielfalt an Technik und Materialien

In der Grundlehre soll Studierenden in Form von Kompaktseminaren jeweils am Anfang und am Ende des Semesters die Auseinandersetzung mit der Gestaltung von Modellen unter den Aspekten Körper, Fläche, Linie, Form, Material, Farbe, Struktur, Komposition und Raum ermöglicht werden. Mit bis zu maximal fünfzig Teilnehmer*innen wird hier gemeinsam Grundlagenwissen erarbeitet – von Gießtechniken mit Gips, Beton, Wachs oder Kunststoffen bis hin zu Techniken der Bearbeitung von festen Werkstoffen, seien es Metalle, Holz, Glas oder Acrylglas.

Individuelles Lehrangebot

Die Themen sind teilweise frei oder an ausgewählte Projekte gebunden. Neben der Grundlehre bietet der Fachbereich auch freie Sprechstunden mit Beratung am individuellen Entwurfsmodell an oder vermittelt über vertiefende Kompakt- und Wochenend-Seminare analogen und digitalen Modellbau. Stets ist damit die Einladung zum Experimentieren und zum Ausschöpfen von Gestaltungsmöglichkeiten verbunden. „Modell+Design“ will mit seinen Formaten sowohl eine Vernetzung von Lehre und Forschungsaktivitäten erreichen als auch einen konkreten Praxisbezug herstellen, der neue und unkonventionelle Lösungen für komplexe Problemstellungen möglich machen soll.

Schnittstelle und Kommunikationswerkzeug

Ein wesentlicher Schwerpunkt des Fachbereichs ist daher auch die enge Zusammenarbeit mit Institutionen in Politik und Kultur. „Modell+Design“ hat in der Vergangenheit mit Studierenden bereits zahlreiche Kooperationsprojekte realisieren können. Hier kommt das Modell als Inspirationsquelle und insbesondere als Kommunikationsmittel zum Einsatz, das Brücken zwischen fachinternen und fachfremden Akteur*innen schlagen kann.

Modelle fürs Museum

Eines dieser Kooperationsprojekte war der „Ideenworkshop Märkisches Museum + Marinehaus“, mit dem der Fachbereich 2022 einen Beitrag zu einer Ausstellung im Märkischen Museum einbrachte. Gegenstand der Aufgabe war das kurz vor der Sanierung stehende „Stadtmuseum Berlin“ in der historischen Mitte der Hauptstadt. Im Zusammenschluss mit dem neu konzipierten und derzeit im Ausbau befindlichen Marinehaus, das sich gegenüber befindet, soll ein neuer kreativer Ort für Kulturinteressierte und -schaffende in Berlin entstehen.
Unter der Leitung von Annette Müller, Robert Niemann und Burkhard Lüdtke sowie mit Unterstützung von Amir Baltić und Lara Herkommer entwickelten Studierende städtebauliche und szenografische Ideen für das zukünftige „Museum- und Kreativquartier am Köllnischen Park“. In einem ersten Workshop ging es darum, Visionen für den Außenraum und Konzepte zur Information und Orientierung zu entwickeln. Bestandteil der Aufgabe war es außerdem, für den Zeitraum während der Sanierung des Märkischen Museums Ideen für Interimsnutzungen zu finden. Entstanden sind neun Lösungsansätze, von denen ein Teil in der Ausstellung „[Werk]Räume“ im Märkischen Museum zu sehen ist. Einige der Entwürfe werden anschließend in einem Projektstudio vertieft und im Hinblick auf ihre Realisierbarkeit überprüft.