With the Best Intentions: Drei Bücher zur Entstehung der modernen Stadt
Welche Ideen formten die Städte, in denen wir heute leben? Drei Publikationen widmen sich der Frage, wie stadtplanerische Visionen entwickelt, umgesetzt und hinterfragt wurden – und laden in diesem #BookChat dazu ein, über die Zukunft des urbanen Raums nachzudenken.
Wir leben in einer Zeit großer Krisen, Umbrüche und Unsicherheiten. Vielen ist klar, dass Handlungsbedarf besteht – ein Bewusstsein, das sich besonders in planenden Berufen widerspiegelt. Doch dieses Denken ist keineswegs neu. Schon in vergangenen Jahrhunderten entstanden stadtplanerische und architektonische Konzepte, die gesellschaftliche und städtische Probleme lösen sollten. Häufig führten diese Maßnahmen jedoch nicht nur zu Verbesserungen, sondern brachten neue Herausforderungen mit sich – Herausforderungen, die wir heute noch bewältigen müssen. Man denke nur an das Leitbild der autogerechten Stadt. Wie es dazu kam – und welche Lehren man aus diesen Entwicklungsgeschichten ziehen kann – beleuchten drei Bücher, die wir in diesem #BookChat vorstellen.
Ströme und Zonen
Die erste vorgestellte Publikation, „Ströme und Zonen: Eine Genealogie der funktionalen Stadt“ stammt von Christina Kamleithner. In ihrem Werk taucht sie tief ins 19. Jahrhundert ein und erzählt eine Wissensgeschichte, die den historischen Kontext der Stadtplanung nachvollziehbar macht. Nach dem CIAM-Kongress von 1933 entwickelte sich die funktionale Stadt zum bestimmenden Dogma des Städtebaus. Die Idee einer funktional getrennten Stadt – mit separaten Zonen für Wohnen, Arbeiten und Freizeit, idealerweise autogerecht gestaltet – prägte den Diskurs und gebaute Realität.
Kamleithner zeigt jedoch, dass die Denkmuster, die diesem Dogma zugrunde liegen, weit ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Sie beschreibt anschaulich, wie sich das Bild des „Stadtorganismus“ langsam zusammensetzte: eine Stadt als Gefüge von Zonen, durchströmt von Verkehr. Besonderes Augenmerk legt sie auf ökonomische Modelle, statistische Methoden und Kartografien, die diese Konzepte visualisierten. Auch die Entstehung des Berufsbildes der Stadtplaner*in wird nachgezeichnet. Besonders spannend ist, wie sich Begriffe und Sichtweisen auf die Stadt über die Jahrzehnte veränderten, welche Akteur*innen Ideen aufnahmen, publizierten und welche Wege diese Gedanken nahmen, bis sie in die konkrete Umsetzung flossen. Ihr Buch macht eindrucksvoll deutlich, wie langsam und verschlungen sich stadtplanerisches Wissen entwickelt.
Los Angeles Endzeitmoderne
Über Los Angeles ist schon viel gesagt worden. Bereits vor mehr als fünfzig Jahren schrieb der legendäre Architekturkritiker Reyner Banham seine berühmten Essays über die „Stadt der Engel“, die heute zu den Klassikern zählen. In „Los Angeles Endzeitmoderne“ greift der Wiener Autor Wolfgang Koelbl die Diskussion um L.A. neu auf und fragt, was wir aus dieser Metropole über die Moderne, ihre Versprechen und ihre Widersprüche lernen können.
Auf rund 600 Seiten entfaltet Koelbl ein Panorama, das historische und aktuelle Beispiele verknüpft: von der ambivalenten Rolle der Ölförderung, die man im Stadtbild verbergen wollte und die doch immer sichtbar blieb, bis hin zu den berühmten „Case Study Houses“, die einst als visionäre Experimente gefeiert wurden, heute aber oft eher als Ikonen für Bildbände dienen.
Mit einem gut lesbaren, erzählerischen Ton macht Koelbl deutlich: Los Angeles ist Projektionsfläche und Spiegel zugleich – ein Ort, an dem sich die Errungenschaften und Brüche der modernen Stadtentwicklung besonders anschaulich studieren lassen.
Architektur im Anthropozän
Architekt und Theoretiker Friedrich von Borries unternimmt in seinem neuen Buch „Architektur im Anthropozän. Eine spekulative Archäologie“ den Versuch, Architektur nicht mehr aus der Perspektive von Stilgeschichte oder Fortschrittserzählungen zu deuten, sondern als Teil einer spekulativen Archäologie. Er stellt sich vor, wie künftige Generationen auf die Hinterlassenschaften unserer Zeit blicken werden – auf Müllverbrennungsanlagen, Rechenzentren, Schweineställe oder Saatguttresore. Für ihn sind das die zentralen Hinterlassenschaften, an denen die Archäolog*innen der Zukunft unseren Umgang mit dem Planeten ablesen werden können.
In einem erzählerischen Stil entfaltet von Borries eine radikale Kritik am Bauen im Zeichen des Wachstums. Nicht die Frage nach nachhaltigen Materialien oder ökologischen Technologien steht im Vordergrund, sondern die Einsicht, dass das eigentliche Problem in der schieren Masse des Bauens liegt. So entlarvt er Holzhochhäuser oder begrünte Fassaden nicht als Lösungen, sondern als Fortsetzung derselben Logik des ewigen Immer-Mehr. Stattdessen plädiert der Autor für eine Architektur der Bescheidenheit: kleiner, temporärer, eingebunden in natürliche Kreisläufe und offen für Formen des Zusammenlebens jenseits von Wachstumsideologien. Von Borries eröffnet damit eine ungewohnte, oft verstörende und provokante Sicht auf das, was wir bauen und fordert ein radikales Neudenken im Umgang mit unserer gebauten Umwelt.