Pop-Up im Bürobestand: vonwegenleer testet temporäres Wohnen
Drei Hamburger Absolventinnen verwandeln Bürofläche in WG. Aus einer Bachelorthesis wurde ein gefördertes Pilotprojekt – und ein Kollektiv mit einer klaren Mission.
Es ist nie zu früh, sich für ein brenzliges Thema zu engagieren. Leona Erdmann, Juli Sottorf und Emma Stiehle waren noch im Bachelor, als sie beschlossen, Lösungen für Hamburgs Wohnraummangel zu entwickeln. Zwei Jahre später wurden aus ihrer Idee ein mehrfach gefördertes Projekt und aus drei Kommilitoninnen das Kollektiv vonwegenleer. Selten gelingt der Sprung von der Idee zur Umsetzung so schnell. Wie lief es bei vonwegenleer?
#ToBeContinued präsentiert Abschlussprojekte, die eine Geschichte erzählen: Konzepte, die weiterentwickelt und umgesetzt wurden und den Absolvent*innen einen erfolgreichen Berufseinstieg ermöglicht haben.
Schlupfloch Zwischennutzung
Während ihres Auslandssemesters 2023 in Nantes erlebten die drei Architekturstudentinnen der HafenCity Universität Hamburg (HCU) die französische Protestkultur hautnah. Sie erkannten, dass Architektur politisch wirksam ist. Zurück in Hamburg suchten sie ein Bachelorthema mit gesellschaftlicher Relevanz. Ihre Beobachtung war präzise: Hamburg leidet unter Wohnraummangel und gleichzeitig unter massivem Büroleerstand. Statt sich auf Umnutzungsszenarien zu konzentrieren, entdeckten Leona, Juli und Emma die Vorteile der Zwischennutzung. Sie analysierten rechtliche und wirtschaftliche Spielräume und entwickelten in ihrer Bachelorthesis unter dem Titel „Pop-Up Wohnen“ drei Szenarien: „Heute Besetzen! “, „Morgen Benutzen? “ und „Übermorgen Bewohnen.“ Als Fallbeispiel diente ein leerstehendes Bürohaus, das seit Monaten auf Immoscout inseriert war.
Warum Zwischennutzung? Diese Option ist juristisch und ökonomisch sinnvoll: Eine dauerhafte Umwandlung von Gewerbe- in Wohnnutzung mindert den Immobilienwert und scheitert oft an Bebauungsplänen. Eine temporäre Nutzungsänderung hingegen ist genehmigungsfähig und für Eigentümer*innen risikoarm.
Die These führt zum Mietvertrag
Just nach Abgabe der Thesis bewarb sich das Trio als Kollektiv vonwegenleer beim Förderprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ des BMWSB – mit Erfolg. Nun konnten die drei Absolventinnen ihre Thesen in der Praxis prüfen. Zunächst gründeten sie eine GbR, eine niedrigschwellige Rechtsform, die ihnen die Projektabwicklung erleichterte. Bald übernahmen sie schließlich selbst den Mietvertrag für eine leerstehende Immobilie am Alten Fischmarkt in der Hamburger Innenstadt.
Wie stemmt man ein solch ambitioniertes Projekt wie „Pop-Up Wohnen” zu dritt? Mit Unterstützung ihrer ehemaligen Betreuerin Prof. Sabine Hansmann startete vonwegenleer im Sommersemester 2025 ein Reallabor. 16 Masterstudierende der HCU entwarfen, bauten und begleiteten das Projekt ethnografisch. Das Bauprüfamt genehmigte die Nutzungsänderung innerhalb einer Woche. Nach nur drei Wochen Bauzeit zogen acht Personen für einen Monat auf 150 Quadratmetern ehemaliger Bürofläche ein. Das Fazit: Zwischennutzung funktioniert.
Aus Prototyp wird System
Offene Werkstatt-Nachmittage, Besichtigungen und eine Zusammenarbeit mit der ARCH+ machten das Projekt überregional bekannt. Medienanfragen folgten im Dominoeffekt – von Hamburger Tageszeitungen bis zu Fernsehsendern. Das Interesse zeigt, wie brisant das Thema ist.
Was Leona, Juli und Emma in ihrem Gap-Jahr zwischen Bachelor und Master mit „Pop-Up Wohnen“ schufen, begleitet sie weiterhin. Sie studieren in Teilzeit und führen vonwegenleer in den übrigen 20 Wochenstunden fort. Der akademische Rahmen erlaubt es ihnen, einzelne Aspekte zu vertiefen, etwa den Entwurf einer reversiblen Wand, die sich an Bürohöhen anpasst. Das Trio finanziert sich vorerst durch Tutorinnenstellen an der HCU.
Mit einer weiteren Förderung in Aussicht dehnt das Kollektiv seinen Ansatz auf ein zweites Vorhaben aus: 800 Quadratmeter Bürofläche, ein Jahr Wohnnutzung, unbekannte Bewohner*innen. Die Fragen werden komplexer: Wie lassen sich Beteiligungsformate für künftige Einwohner*innen und Vertragsmodelle so standardisieren, damit das Verfahren übertragbar wird? Welche Trägerstruktur eignet sich für solche Projekte? Vonwegenleer vernetzt sich mit Initiativen wie dem Stuttgarter Verein Adapter e. V., um voneinander zu lernen.
Zwischennutzung bleibt eine Alternative
Das 2025 in Kraft getretene Bau-Turbo-Gesetz lockert zwar den rechtlichen Rahmen für dauerhafte Umnutzungen, beseitigt jedoch nicht die ökonomischen Hürden. Somit bleibt der Bedarf nach alternativen Lösungen für den Wohnraummangel hoch. Mit ihrem skalierbaren Konzept kann vonwegenleer eine wichtige Lücke schließen. Das bestärkt Leona, Juli und Emma darin, in der Dreierkonstellation weiterzumachen.