Stimmen aus dem West-Berliner Beton: Die Seminarreihe "Voices of the City"

Wie lässt sich die Berliner Nachkriegsarchitektur als gelebter Raum erfassen? Ein mehrteiliges Seminar verknüpfte Analyse, Interaktion und Dokumentation zu einem Archiv, das soziale Dynamiken sichtbar machen soll.

Im Sommersemester 2025 untersuchte die Seminarreihe „Voices of the City“ an der Technischen Universität Berlin unter der Leitung von Bene Wahlbrink am Fachgebiet Making Matters das Wohnungsbauerbe der Nachkriegsmoderne in West-Berlin. Im Fokus stand die Frage, wie sich Gebäude über ihre tatsächliche Nutzung erschließen lassen und mit welchen methodischen Ansätzen sich diese Prozesse erfassen und auswerten lassen. Dazu kombinierte das Seminar architektonische Analyse, Feldforschung und den direkten Austausch mit Bewohner*innen, um Differenzen zwischen geplantem Raum und gelebtem Alltag sichtbar zu machen. Ein multimediales Archiv, das gleichzeitig als Arbeitsinstrument fungierte, verknüpfte historische Entwicklungen, aktuelle Nutzungen und mögliche Transformationsszenarien systematisch miteinander.

Gelebte Praxis

Den Auftakt bildete die Rollbergesiedlung in Reinickendorf, eine Großwohnsiedlung der 1960er- und 70er-Jahre – nicht zu verwechseln mit dem fast gleichnamigen Quartier in Neukölln. Die Wahl fiel bewusst auf ein Ensemble, dessen städtebauliche und soziale Transformation exemplarisch untersucht werden kann. Um Nutzung und Aneignung systematisch zu erfassen, kombinierte das Seminar Exkursionen mit Interviews und Kartierungen. 

Gastvorträge, etwa von Kristin Lazarova oder Ehrl Bielicky, schärften den methodischen Rahmen: Architektur solle konsequent als Prozess verstanden werden, der durch soziale Praktiken verändert wird. Dieser Ansatz knüpft an die Aktion 507 von 1968 an, in der Studierende Architektur als politisches Handlungsfeld definierten. Voices of the City überführte diese Haltung in eine gegenwärtige Lehrpraxis, die Analyse, Gestaltung und Beteiligung miteinander verzahnt. Die Rollbergesiedlung diente dabei nicht nur als Fallstudie, sondern als realer Prüfraum für diese Methoden.

Interaktion statt Intervention

In der Projektphase entwickelten die Studierenden schließlich eigene Arbeiten, die gezielt auf Austausch und Beteiligung angelegt waren. Entscheidend war dabei nicht das fertige Ergebnis, sondern die Qualität der Interaktion. 

Eines der niedrigschwelligen Formate war ein Siebdruckworkshop – umgesetzt mit Kindern im Rahmen eines Sommerfests im Quartier. Die Stickarbeit „Wolke, Fuchs, Tunnelrutsche“ überführte hingegen Gespräche, gesammelt im Stadtteilzentrum, in visuelle Narrative und machte kollektive Erinnerungen räumlich lesbar. Beide Projekte zeigten, dass Interventionen vor allem dann wirksam sind, wenn sie an bestehende soziale Praktiken anschließen und diese gezielt weiterentwickeln.

Dokumentation als Entwurfswerkzeug

Neben interaktiven Formaten entstanden auch dokumentarische Arbeiten, die den Entwurfsbegriff um analytische und erzählerische Verfahren erweiterten. Ein Beispiel: die Fotoserie „Reingehen“. Die Verfasser*innen untersuchten Schwellenräume im Scharoun-Hochhaus der Schwarzwaldsiedlung mit dem Ziel zu zeigen, wie Bewohner*innen Übergangszonen individuell aneignen und umdeuten. „Small Voices, Big Places“ überführte hingegen Kinderzeichnungen zu „Lieblingsorten“ in eine kartografische Struktur, um zu visualisieren, wie sich subjektive Wahrnehmungen systematisch erfassen und auswerten lassen – insbesondere solche, die in planerischen Prozessen meist unberücksichtigt bleiben. Dokumentation fungierte in diesen Arbeiten somit nicht als reine Abbildung, sondern als Instrument zur Überprüfung von Annahmen und zur Identifikation neuer Handlungsspielräume.

Abgeschlossen wurde das Seminar mit der Ausstellung „Step by Step“, die inmitten der Rollbergesiedlung stattfand und die Ergebnisse in den öffentlichen Raum zurückspielen sollte. Das Seminar zeigte exemplarisch, wie Lehre, Wohnungsbau und Stadtgesellschaft produktiv miteinander verknüpft werden können – und setzte damit die Tradition einer engagierten, gesellschaftlich orientierten Architekturausbildung fort. Im kommenden Semester wird das Format an der Universität der Künste Berlin weitergeführt und thematisch um Bauten wie das Pallaseum von Jürgen Sawade ergänzt.