Im Fluss des Machens: Die Winter School „Atlas of Making“
In der chinesischen Stadt Longmen erforschten Studierende aus Berlin und Hangzhou, wie durch das Machen selbst neue Formen von Architektur entstehen.
In einer Zeit, in der industrielle, globale und digitale Prozesse unseren Alltag bestimmen, verlieren wir zunehmend den Bezug dazu, wie Dinge entstehen. Selten erschaffen wir noch etwas mit den eigenen Händen. Dabei liegt im Machen selbst ein besonderes Wissen: Unsere Hände lehren uns zu denken, zu lernen – und manchmal auch zu verlernen.
Wie solches Erfahrungswissen entsteht, untersuchte die zweiwöchige Winter School „Atlas of Making“ im März 2025: Dreizehn Studierende der Technischen Universität Berlin reisten mit Kommiliton*innen der China Academy of Art nach Longmen, einer Stadt der chinesischen Provinz Zhejiang. Unter der Leitung von Li Lin erforschten sie, wie handwerkliche Techniken, Rituale und Alltagspraktiken dort ineinandergreifen – und setzten dieses Wissen in eigene Installationen um. Zum Abschluss entstand am Flussbett ein Event mit temporären und kollektiven Interventionen aus lokal geliehenen, gesammelten und wiederverwendeten Materialien.
Die Ergebnisse dieser intensiven Forschungs- und Bauphase werden vom 24. November bis 12. Dezember 2025 in der Ausstellung „Atlas of Making“ im Architekturforum des Instituts für Architektur der TU Berlin präsentiert.
Der Weg nach Longmen
Vier Vorbereitungssitzungen an der TU Berlin legten den theoretischen Grundstein: Themen wie chinesische Holzarchitektur, anthropologische Methoden und zeitgenössisches Bauen im ländlichen Südchina schärften das Verständnis für kulturelle Kontexte und lokale Baupraktiken.
Vor Ort gliederte sich das Programm in drei Phasen: Feldforschung, Workshops mit lokalen Handwerker*innen und experimentelles Bauen. Im Zentrum stand dabei die Frage: Welche Wissensformen entstehen, wenn wir Materialien selbst formen und reparieren?
Lernen, indem man hinschaut
Alles begann mit Spaziergängen durch Longmen. In gemischten Teams erkundeten Studierende aus Berlin und Hangzhou die Stadt, beobachteten das öffentliche Leben und führten, unterstützt durch ihre chinesischen Kommilitoninnen, Gespräche mit Bewohner*innen.
Drei Leitbegriffe strukturierten dabei ihre Forschung:
- Soziales Machen: Wie Gemeinschaften entstehen, gemeinsame Räume genutzt werden und Nachbar*innen miteinander interagieren.
- Reproduktives Machen: Wie Alltag und Routinen organisiert werden.
- Improvisiertes Machen: Wie Menschen flexibel mit Materialien, Werkzeugen und Umständen umgehen, kreative Lösungen finden und alltägliche Aufgaben immer wieder neu gestalten.
Im Winter spielt sich das Leben in Longmen hauptsächlich im Freien ab: Nachbar*innen kochten gemeinsam, spannten Wäsche über Gassen, trockneten Gemüse in der Sonne. In jedem improvisierten Werkzeug zeigte sich eine Haltung des Anpassens und Weiterbauens.
Von den Meistern lernen
An drei Tagen übernahmen drei lokale Handwerker die Lehre: der Böttcher Sun Xijun, der Bambusflechter Huang Yongguo und der Maurer Shu Xinren. Jeder widmete den Studierenden einen Tag und führte sie in sein Handwerk ein.
Sun fertigte aus chinesischer Tanne ein Dampffass – ganz ohne Schrauben oder Kleber. Huang erntete Bambus hinter seinem Haus, spaltete ihn in feine Streifen und flocht daraus Matten und Körbe. Shu arbeitete hingegen mit Kopfsteinpflaster und Lehmmörtel. Währenddessen dokumentierten die Studierenden die Prozesse und erprobten sie selbst, um die Logik lokaler Materialien zu begreifen.
(Un)Making: Vom Tun und Lassen
Im zweiten Teil der Winter School wurden die Studierenden selbst zu Macher*innen. Im Flussbett von Longmen entstanden aus gefundenen und geliehenen Materialien temporäre Installationen – Öfen, Bänke, Unterstände. Ohne Plan, ohne Budget, doch mit offenem Prozessverständnis: bauen, zerstören, wieder aufbauen. Denn auch das Zerstören gehörte zum Lernen dazu – ein Üben im Loslassen, im Umgang mit Vergänglichkeit und im achtsamen Einsatz von Ressourcen. Abschließend verschmolzen beim gemeinsamen Kochen Handwerk, Gespräch und Gastfreundschaft zu einem kollektiven Erlebnis.
Epilog
Sechs Monate später hatte die Natur das Flussbett zurückerobert. Die Installationen waren verschwunden – und doch blieb etwas: Kinder des örtlichen Kindergartens bauten den Ofen nach den Zeichnungen der Studierenden im Innenhof wieder auf. Einige Bambuskonstruktionen fanden ihren Platz in der örtlichen Reisweinbrauerei.
Wer nun also sehen will, wie aus Beobachtung, Handwerk und Improvisation neue Formen des Lernens entstehen, sollte die Ausstellung „Atlas of Making“ im Architekturforum der TU Berlin nicht verpassen.