Papierabfall im neuen Look: Möbel nach der Abschlusskritik

Was bleibt nach der Endpräsentation im Studio? Oftmals sehr viel Abfall. Ein Projekt macht aus entsorgten Plakaten ein Material mit zweiter Nutzungsphase als Möbel.

Testdrucke, Präsentationspläne, Modelle: Architekturstudierende produzieren für Zwischen- und Abschlusskritiken enorme Mengen an Papier, die unmittelbar in der Tonne landen. Eugene Kim, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Pratt Institute in New York, nahm diesen Überschuss zum Ausgangspunkt für angewandte Materialforschung: Unter dem Titel „Print to Form“ entwickelte er Möbel aus geschredderten Präsentationsmedien – mit dem Ziel, den Recyclingkreislauf aufrechtzuerhalten. Das Projekt wurde durch den Pratt Institute Graduate Student Engagement Fund gefördert.

Möbel aus dem, was nach der Präsentation bleibt

Kim erkannte am Pratt Institute einen Missstand, der sich an Hochschulen weltweit wiederholt: Für eine einzige Präsentation drucken Studierende oft fünf bis zehn Pläne. Nicht nur die Kosten sind hoch, sondern auch der Materialverlust. Die meisten Ausdrucke, oft vermischt mit anderen Stoffen, sind kaum noch sortenrein recycelbar. Diese Diskrepanz zwischen Nachhaltigkeitsanspruch in der Lehre und der Studiorealität veranlasste ihn, Weiternutzungsmöglichkeiten für das entsorgte Papier zu erforschen. 

Mit dem Projekt „Print to Form“ stellte Kim aus geschredderten Plakaten einen Faserverbund her, um daraus wiederum Möbelstücke in Form zu pressen. Dabei berief er sich auf seine Kindheitserfahrungen mit Pappmaché und traditionellem südkoreanischem Papierhandwerk. Erste Prototypen von Hockern und Beistelltischen prüften die statischen und ästhetischen Qualitäten des Papierverbunds empirisch.

Entscheidend ist das Bindemittel

Den Herstellungsprozess optimierte Kim in mehreren Versuchsreihen: Das zerkleinerte Papier wird zunächst 24 Stunden eingeweicht, mit einem Binder vermischt und in wiederverwendbare PETG-Formen gepresst. Nach einer Woche Trocknungszeit entstehen tragfähige Möbelelemente. 

Um den Materialkreislauf zu erhalten, kam es auf das Bindemittel an. Kim testete verschiedene natürliche Binder und verglich sie nach Festigkeit, Schimmelresistenz, Biegefestigkeit, Preis und Recycelbarkeit. Die Mischung aus Dextrin und Methylcellulose im Verhältnis 3 : 1 erwies sich als optimal. Dextrin bringt Steifigkeit und Haftung, Methylcellulose verbessert Verarbeitbarkeit und Flexibilität. In der Kombination entsteht ein belastbarer Verbund. Mit Wasser löst sich das Bindemittel laut Projektbeschreibung in etwa 15 Minuten; der Papierbrei kann erneut recycelt werden.

Architekturschule als urbane Mine

Die Analyse des Papierverbrauchs am Pratt Institute offenbarte ein systemisches Problem: Bei 100 Studierenden fallen rund 75 Kilogramm Papierabfall an, wovon nur ein kleiner Teil recycliert wird. Warum? Fehlende Mülleimer, mangelndes Wissen, Erschöpfung oder Vermischung mit anderen Materialien. 

Auch an deutschsprachigen Hochschulen wird seit einigen Jahren über die Wiederverwendung von Abfällen aus dem Lehrbetrieb nachgedacht. Der Fokus liegt dabei meist auf ressourcenschonendem Modellbau. An der TU Berlin entstanden dazu eine Masterarbeit und die Projektwerkstatt „Modellbauwende“. In Augsburg an der TH entwickelten Bachelorstudierende Architekturmodelle aus Abfallmaterialien. An der Universität Kassel sammelt die Materialbörse REST Stück wiederverwendbare Reste, und der europaweit erste Recycling-Modellbauwettbewerb fand an der TU München statt.

Vom Objekt zum System?

„Print to Form“ reagiert auf ein Problem mit einem konkreten Material- und Entwurfsvorschlag. Doch Kim begnügt sich nicht mit einer rein ästhetischen Aufwertung von Abfall. Der Mehrwert der Forschung liegt im Prozess. Er zeigt, dass Materialinnovation mit einfachen Mitteln entstehen und eine zirkuläre Materialpraxis schon in der Architekturausbildung beginnen kann. Offen bleibt allerdings die Frage nach der Skalierbarkeit. Noch ist unklar, ob sich aus dem Prototyp ein belastbares System entwickeln lässt, das in Hochschulen oder Werkstätten dauerhaft verankert werden kann.