Mehr als eine Parkbank: Welche Potenziale birgt Stadtmobiliar?

Eine Bank ist zum Sitzen da – Die Initiator*innen der Plattform „Stadt aufmöbeln“ erforschen, welche Funktionen Parkbank, Fahrradständer und Co. darüber hinaus erfüllen.

Unter Stadtmobiliar versteht man Objekte im öffentlichen Raum, die analog zu Sofa und Tisch unser Wohnzimmer, hingegen unseren Stadtraum ausstatten. Darunter fallen Sitzbänke, aber auch Fahrradständer, Straßenlaternen, Mülleimer, Trinkbrunnen, Litfaßsäulen und vieles mehr. Zwar dienen diese Gegenstände jeweils einem bestimmten Zweck, erfüllen jedoch darüber hinaus oft weitere, nicht sofort ersichtliche Funktionen. Beispielsweise bietet eine Sitzbank bietet nicht nur einen Ort zum Ausruhen und Verweilen, sondern belebt auch Plätze und fördert zufällige Begegnungen und Gespräche. Für viele Obdachlose dient sie sogar als Schlafplatz. Das Projekt Stadt aufmöbeln widmet sich den Potenzialen von Stadtmöbeln. Die Initiator*innen des Projekts Christina Schraml und Martin Färber möchten mit der Plattform dazu aufrufen, den öffentlichen Raum gemeinsam zu einem Ort der Teilhabe und Begegnung zu gestalten.


Transformationen im Stadtraum anstoßen

Die Plattform fußt auf einer Forschungsstudie der Abteilung Social Design – Arts as Urban Innovation, die 2017 an der Universität für angewandte Kunst Wien in Kooperation mit der Magistratsabteilung für Architektur und Stadtgestaltung der Stadt Wien (MA19) durchgeführt wurde. Die Studie mit dem Titel „Eine urbane Knautschzone mit Potenzial“ beschäftigt sich mit der Nutzung des öffentlichen Raums zwischen Prater und Donau in der Leopoldstadt, dem zweiten Wiener Gemeindebezirk. Ausgehend davon möchte das Team die sozialen Dimensionen von Stadtmobiliar erkunden und im Austausch mit internationalen Projekten Transformationen im Wiener Stadtbild anstoßen und umsetzen. Ihre Plattform versammelt eine theoretische Einführung in das Thema Stadtmobiliar, Workshopdokumentationen, Vorstellungen internationaler Projekte und ein Projektarchiv. Letzteres umfasst unter anderem das Projekt „Re-Sourcing Commons“, mit dem sie mit einem „New European Bauhaus Prize“ ausgezeichnet wurden.


Re-Sourcing Commons

In Zusammenarbeit mit unter anderem den Wiener Stadtgärten und dem zweiten Wiener Bezirk haben Christina Schraml, Martin Färber und ihr Team einen Stadtpark umgestaltet. Die umliegende Nachbarschaft ist von einer hohen Dichte an sozialen Großwohnanlagen geprägt. Hier leben überdurchschnittlich viele Kinder, Jugendliche und Senior*innen. Hinsichtlich der Bedürfnisse dieser Gruppen sollte der Park basierend auf den Prinzipien der Bürger*innenbeteiligung und der Kreislaufwirtschaft zu einem Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten umgestaltet werden. Ausgangspunkt für die Parkgestaltung war ein ergebnisoffener Partizipationsprozess, in den sich die Anwohner*innen sowie lokale Initiativen und Organisationen einbringen konnten. In mehreren öffentlichen Workshops wurden im Herbst 2020 die Bedürfnisse der Anwohner*innen und zukünftigen Nutzer*innen des Parks eruiert. Auf dieser Grundlage wurde das Nutzungskonzept für den Park entwickelt.


Zum einen wurden in dem Park herkömmliche Stadtmöbel wie Bänke und Tische aufgebaut. Zum anderen sind hier unkonventionelle Lösungen wie eine Fahrrad- und Rollerreparatur-Station, eine Sitz- und Liegeplattform und ein Smartphone-Verstärker für Musik zu finden. Zusammengesetzt sind die Möbel aus Einzelteilen, die das Team ausrangiertem Stadtmobiliar entnommen hat. Des Weiteren kommen ausgediente Holzlatten, Stahlrohre und Kunststoffabfälle zum Einsatz. Letztere hat das Team in Kooperation mit „Precious Plastic Vienna“ und dem Künstler Julian Jankovic zu Möbelplatten verarbeitet. 

„Neues Stadtmobiliar ist ein guter Ausgangspunkt, um einen Transformationsprozess in einer Nachbarschaft in Gang zu setzen, der über eine rein bauliche Umgestaltung hinausgeht. Es geht darum, Menschen zu einem kollektiven Nachdenkprozess zu animieren und für künftige Nutzungen zu gewinnen. Genau dieser Ansatz steht im Fokus der Plattform ‚Stadt aufmöbeln‘.“ Martin Färber und Christina Schraml

Das Projekt demonstriert, dass ein sorgfältiger Umgang mit den vorhandenen Ressourcen die Grundvoraussetzung für eine nachhaltige und kreislauffähige Stadt bilden kann. Darüber hinaus zeigt es, dass eine Parkbank nicht gleich eine Parkbank ist. Die Anwohner*innen hatten die Möglichkeit, den öffentlichen Raum aktiv mitzugestalten und somit an ihre Bedürfnisse anzupassen.