Keramik aus dem Meer: CONQ Fassadenelemente aus Muscheln und Algen
Muscheln statt Mörtel: Das Projekt CONQ erforscht, wie marine Abfälle als Ressource für das Bauen der Zukunft dienen können – lokal, modular und ganz ohne Hitze.
Jährlich landen über zehn Millionen Tonnen Muschelschalen im Müll – ein Abfallprodukt der Meeresnahrungsmittelindustrie, das bisher kaum als Ressource genutzt wurde. Dabei enthalten Muscheln reichlich Kalziumkarbonat, was sie zu einem idealen Baustoff machen könnte. Genau hier setzt das Forschungsprojekt CONQ von Angie Dub und Heidi Jalkh an: Die Architektin und die Designerin aus Buenos Aires erforschen, wie sich Austern- und andere Muschelschalen in Kombination mit Algen-Biopolymeren zu einem vollständig marinebasierten Baustoff verarbeiten lassen – ohne Hitze und ohne Zusatzstoffe.
Muscheln als Module
Aus zerkleinerten Schalen und biobasiertem Bindemittel entsteht hitzefrei eine Biokeramik, die sich als modulares Bausystem eignet. Struktur, Stabilität und Oberfläche der Fragmente lassen sich gezielt anpassen, was Anwendungen von Fassaden bis zum Innenausbau ermöglicht. Die Gestaltung ist dabei nie rein formal, sondern Ergebnis eines materialsensiblen Prozesses, in dem Design, Handwerk und Biotechnologie ineinandergreifen.
Blau statt Grau
CONQ ist mehr als ein Materialexperiment. Es bietet eine ökosystemische Sicht auf Architektur. Aktuell ist das Projekt Teil der Ausstellung „Matter Makes Sense“ in dem Arsenale der 19. Architekturbiennale in Venedig. Es zeigt, wie sich neue Zusammenhänge zwischen Bau, Umwelt und Ökologie denken lassen. Die Forschung bleibt dabei lokal: In Buenos Aires untersuchen Angie und Heidi, wie sich regionale Kreisläufe aus Meeresabfällen aufbauen lassen – und wie eine Architektur aussehen kann, die den Prinzipien der Blue Economy folgt. Blue Economy betrifft wirtschaftliche Aktivitäten, die auf die nachhaltige Nutzung von Ressourcen aus Ozeanen, Meeren und Küsten setzen.
Vom Prototyp zur Praxis?
2023 erhielten Angie und Heidi das Experimental Fellowship von Bauhaus Erde und der Experimental Foundation. Ziel war es, das Material im Maßstab 1:1 architektonisch zu erproben und mit Partnern wie dem Tragkonstruktions-Lehrstuhl der RWTH Aachen Formvarianten, Verbindungen und Konstruktionsprinzipien zu entwickeln. Die Fassadenelemente sollen nicht bloß dekorative Hüllen sein, sondern eine kreislauffähige, energiearme und monomaterielle Alternative zu bestehenden Fassadensystemen. Ein ambitioniertes Ziel mit hohem Anspruch – ob es erreicht wird, sei noch dahingestellt. Bisher beschränkt sich der Prototyp auf kleine Ausschnitte und abstrakte Details.
Mehr als nur neue Oberflächen
Klar ist aber: Mit CONQ denken Angie und Heidi in Systemen statt in Objekten. Sie eröffnen neue Perspektiven für den Einsatz von Reststoffen im Bauwesen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Frage, wie ein neues Material aussieht oder funktioniert, sondern wie es entsteht, woher es kommt und in welchem Verhältnis es zu seinen ökologischen und sozialen Umfeldern steht. Wann wir die erste monomaterielle Muschelfassade sehen werden, bleibt abzuwarten.