Form folgt Faser: Architektur kultivieren im Seminar MyCel
Stabil, biologisch abbaubar und selbstverbindend: Architekturstudierende testen Pilzmyzel als Baumaterial. Ihre Prototypen – von Leuchten bis hin zur Kuppel – demonstrieren, wie Architektur durch gezieltes Wachstum entstehen kann.
Wächst wie von selbst, braucht kaum Energie und ersetzt Kunststoffe, Leim oder Schrauben: Myzel – das feine Wurzelgeflecht von Pilzen – bietet als Baumaterial viele Vorteile.
Wie sich das lebendige Material architektonisch gestalten lässt, erforschten 22 Masterstudierende der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) im Wintersemester 2024/25. Im Wahlpflichtmodul „Sondergebiete des Konstruierens“ entwickelten sie unter der Leitung von Prof. Florian Mähl und Kay Saßmannshausen experimentelle Bauteile und Oberflächen aus Pilzmyzel. Diese sollten sowohl konstruktive als auch gestalterische Funktionen erfüllen. Dabei entstanden die unterschiedlichsten Prototypen: Ein Vorhang, dessen Trägermaterial der Pilz durchwachsen hat. Eine transluzente Fensterfüllung aus Myzel. Oder eine Leuchte, die nicht gegossen, sondern gewachsen ist.
Alle Ergebnisse präsentierte die Ausstellung „Bauen mit Myzel“ vom 11. bis 20. Juni 2025 auf dem Campus.
Von der Analyse zur Anwendung
Das Seminar gliederte sich in zwei Phasen: „Entdecken“ und „Entwerfen“. Erstens analysierten die Studierenden die biologischen, konstruktiven und gestalterischen Eigenschaften des Pilzmyzels. Dabei untersuchten sie das Verhalten des Materials im Trocknungsprozess, seine akustischen Qualitäten sowie die Interaktion mit Textilien. In der darauffolgenden Phase entstanden aus dem Material experimentelle Objekte: Hängeformen, akustisch wirksame Oberflächen, transluzente Module, textile Anwendungen und selbstverbindende Elemente. Im Zentrum stand dabei immer die Frage: Wie gestaltet man mit einem Material, das nicht verarbeitet, sondern kultiviert wird?
MyGlu – die wachsende Kuppel
Den Höhepunkt des Seminars bildete das Best-Practice-Projekt MyGlu – eine experimentelle Kuppelarchitektur aus Myzel. Neun Studierende entwickelten sie als modulares Bausystem für temporäre Einsätze in heißen, trockenen Klimazonen. Der Name MyGlu kombiniert „Myzel“ mit „Iglu“ und verweist auf die Idee einer schützenden, klimatisch angepassten Hülle.
Die parametrisch entworfene Kuppel, zwei Meter breit und einen Meter hoch, bestand aus wenigen, selbstgebauten Schalungsmodulen. In diese Formen kultivierte das Team das Myzel eines Baumpilzes. An den Kontaktstellen verband sich das Myzel zu einer durchgehenden, luftdichten Struktur – ganz ohne Leim, Schrauben oder andere Verbindungsmittel.
Wachsen lassen statt bauen
Ein großer Vorteil des Materials zeigte sich im Bauprozess: Das Myzel reagierte tolerant auf kleinere Ungenauigkeiten und schloss Fugen selbstständig. Gleichzeitig forderte das lebendige Material sorgfältige Betreuung. Die Studierenden mussten stabile klimatische Bedingungen schaffen, unerwünschten Schimmel verhindern und ihre gestalterischen Konzepte im sensiblen Gleichgewicht von Kontrolle und Wachstum umsetzen – und das außerhalb steriler Laborumgebungen.
Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt von den Forschungsgruppen ReSULT und ReNewHub, die die Entwicklung dokumentierten und analysierten. Abgerundet wurde die Ausstellung durch einen Beitrag der ReNewTalks, einer Vortragsreihe zu zukunftsfähigem Bauen, nachwachsenden Rohstoffen und kreislaufgerechten Konstruktionsmethoden.