Adaptive Reuse: Prototypische Entwürfe für eine thermisch bewohnbare Haut

Wie lassen sich große Gebäude durch eine zweite Haut weiterentwickeln? Studierende aus Dessau erarbeiteten energetische Schutzschichten am Hafenplatz in Berlin, die neue Wohnkonzepte ermöglichen.

Wie können Gebäude durch eine „zweite Haut“ widerstandsfähiger gegenüber Klimaextremen werden und zugleich als Orte der Fürsorge und Pflege neu gedacht werden? Dessau International Architecture Graduate School (DIA) der Hochschule Anhalt im Sommersemester 2025 unter der Leitung von Jolene Lee und Malte Wilms sowie Studierende der Münster School of Architecture (MSA) der Fachhochschule Münster unter der Leitung von Jolene Lee. Im Studio „Adaptive Reuse: Rethinking Domestic Services as a Heatshield“ untersuchten sie das Zusammenspiel von thermischen Hüllen, unsichtbaren Versorgungsleistungen und architektonischer Transformation. Am Beispiel eines Bestandsgebäudes in Berlin entwickelten die Studierenden Prototypen für eine „zweite Haut“ – modulare Systeme, die nicht nur energetisch wirksam sind, sondern auch neue Wohnkonzepte eröffnen sollen.

Hafenplatz als Spiegel der Berliner Stadtgeschichte

Der Gebäudekomplex am Hafenplatz in Kreuzberg steht exemplarisch für die Spuren der geteilten Stadt. In den 1970er-Jahren als typologisches Pendant zum inzwischen abgerissenen Bau „An der Urania“ errichtet, trägt er noch heute die Schichtungen einer von Ost und West verdoppelten Metropole. Während sein Gegenstück verschwand, blieb der Hafenplatz bestehen – als Relikt, aber auch als Ressource.

Seine markanten Kreuzgrundrisse und seine Lage am städtischen Randbereich zwischen Zentrum und Infrastrukturknoten machen ihn zu einem bedeutenden Untersuchungsobjekt. Bewahren, transformieren oder neu besetzen? Diese Frage trieb das Studio um, das sich  der Aufgabe einer Transformation unter klimatischen Sanierungsaspekten stellte.

Methoden und Begriffe für eine ganzheitliche Betrachtung

Das Studio verstand „Adaptive Reuse“ als klimatischen Akt: Architektur sollte nicht allein technische Systeme nachrüsten, sondern als aktive Schnittstelle zwischen menschlichem Komfort und Umweltkräften agieren. 

Der Begriff „Domestic Services“ bezog sich auf das unsichtbare Geflecht von Pflege, Instandhaltung und Versorgung, das das Überleben von Gebäuden sichert. „Heatshield“ wiederum stellte eine neue Art der thermischen Hülle in den Mittelpunkt: Eine modulare Schicht, die als Pufferzone wirkt, Klimaextreme abfängt und zugleich neue räumliche Qualitäten ermöglicht. Unter anderem aufbauend auf Referenzprojekten wie dem „Domus Demain“ von Yves Lion oder dem „Quartier du Grand Parc“ in Bordeaux analysierten die Studierenden, welche Elemente des Bestands dauerhaft tragfähig sind und welche sich transformieren lassen. Methoden wie Prototyping, serielle Entwicklung und experimentelle Visualisierungen der Wärmezonen machten sichtbar, wie Gebäude nicht nur technisch, sondern auch sozial und ökologisch erneuert werden können.

Szenarien für eine zweite Haut

Im Ergebnis des Studios entstanden prototypische Entwürfe, die den Hafenplatz in ein Testfeld für klimabewusste und zugleich fürsorgliche Architektur verwandelten. Die Modelle und Pläne der Studierenden zeigten, wie eine zusätzliche Gebäudeschicht nicht nur energetische Lasten reduziert, sondern auch Räume für Zirkulation, Gemeinschaft oder Rückzug schafft. Diese „zweite Haut“ wurde als flexibles, seriell anwendbares System gedacht – eine neue Infrastruktur, die Bestandsbauten für die Herausforderungen von Klimawandel und Wohnungsnot ertüchtigen kann.

Die Ergebnisse machen deutlich: „Adaptive Reuse“ bedeutet mehr als ein technischer Eingriff. Es ist ein kultureller Ansatz, der Kontinuität und Resilienz über Abriss und Neubaulogik stellt. Damit knüpft das Studio an die europäische „Renovation Wave“ an, die energetische Sanierung als zentrale Aufgabe der Zukunft definiert. Das Studio verband hier bioklimatische Theorie mit architektonischem Entwurf: Gebäude werden als Schnittstelle zwischen Mensch und Umwelt betrachtet, als intermediäre Systeme, die Resonanz erzeugen und Komfort situativ verhandeln. Aus der Auseinandersetzung der Studierenden mit Hafenplatz erwuchs nicht nur ein Katalog architektonischer Lösungen, sondern auch ein Lehrformat, das den Bestand als Ausgangspunkt neuer Zukünfte ernst nimmt.