Wohnen am Hafenplatz: Zwischen Fürsorge und Sinnlichkeit

Zwei Studios, zwei Perspektiven: Studierende der Universität der Künste Berlin verwandelten die Hafenpyramide am Hafenplatz in ein Experimentierfeld für neue Wohnformen.

Wohnen bedeutet mehr als Größe und Lage: Räume prägen unseren Körper und unsere Stimmung – durch Licht, Geräusche, Gerüche, Materialien und nicht zuletzt durch die Erinnerungen, die wir ihnen einschreiben. Besonders deutlich wird dies auch in alltäglicher Care-Arbeit wie Kochen, Putzen, Wäschewaschen oder Pflegen, die unser Wohnen ebenso stark prägt wie Grundrisse oder Fassaden, aber oft unsichtbar bleibt.

Diesen Gedanken griffen zwei Entwurfsstudios an der UdK Berlin im Sommersemester 2025 auf. Unter der Leitung von Gastprofessorin Ana Filipović untersuchten die Studierenden die Hafenpyramide am Berliner Hafenplatz – ein 1973 von Helmut Ollk errichtetes Gebäude mit rund 570 Kleinstwohnungen. Dabei lassen die dicht gestapelten Einheiten für ein bis zwei Personen auf 20 bis 40 Quadratmetern kaum Raum für gemeinschaftliche Strukturen. Heute befindet sich der Komplex in einem fragilen Zwischenzustand: bedroht von Immobilienspekulation, zugleich verteidigt von Bewohner*innen und Initiativen, die für den Erhalt des Bestands und sozialer Struktur kämpfen. 

Ein Ort, zwei Perspektiven

In zwei Studios – dem Masterstudio „From Home to Commons: The Collectivization of Reproductive Labor“ und dem Bachelorstudio „Ways of Inhabiting“ – entwickelten die Studierenden neue Zugänge zu diesem besonderen Ort. Während das Masterstudio Care-Arbeit ins Zentrum stellte und nach kollektiven Organisationsformen fragte, untersuchte das Bachelorstudio die körperlich-sinnliche Dimension des Wohnens. Beide Ansätze flossen in Interventionen und Modelle zusammen, die die Hafenpyramide neu lesbar machten.

Fürsorge sichtbar machen

Wie könnten Wohnräume aussehen, wenn Care-Arbeit kollektiv organisiert würde? Dieser zentralen Frage stellten sich die Masterstudierenden und setzten sich mit einer Arbeit auseinander, die im Alltag unverzichtbar ist und doch oft unsichtbar bleibt. Kochen, Putzen, Kinderbetreuung oder emotionale Unterstützung finden meist im Privaten statt und sind stark weiblich konnotiert.

Den Ausgangspunkt bildeten Videoessays, in denen die Studierenden persönliche Erfahrungen, Materialien und Nutzungsweisen der Hafenpyramide sichtbar machten. Diese narrativen Zugänge bildeten die Grundlage für Entwürfe, die von temporären Eingriffen bis zu architektonischen Transformationen reichten. Vorgeschlagen wurden unter anderem gemeinschaftliche Waschräume, ein neu gestaltetes Erdgeschoss mit Fürsorgeräumen und Wohnungen, die geteilte Räume für Care-Arbeit schaffen sollen. Zudem entwarfen einige Gruppen Infrastrukturen, die den Bewohner*innen politische Selbstorganisation ermöglichen sollen.

Care-Arbeit auf dem Dach

Das Projekt Wasch-Maschine von Julius Funke und Paula Pichler zeigt exemplarisch, wie Care-Arbeit architektonisch ins Zentrum rücken kann. Da in der Hafenpyramide eine angemessene, gemeinschaftliche Infrastruktur zum Waschen oder Trocknen fehlt, bleibt diese Arbeit auf die engen Wohnungen beschränkt – isoliert und unsichtbar. Der Entwurf erhebt den vergessenen Waschkeller auf das Dach und verwandelt ihn in eine mehrstöckige „Anti-Fabrik“: keine Stätte der Ausbeutung, sondern ein solidarisch organisierter Ort der Fürsorge. In seiner Funktion knüpft das Gebäude an die Tradition der Berliner Großwäschereien an und denkt diese weiter, um die Produktionsabläufe im Inneren sichtbar zu machen und diese in eine zeitgenössische Architektur der Gemeinschaft zu übersetzen. Damit setzt die Wasch-Maschine auch ein politisches Statement: Sie stellt die Reproduktionsarbeit an die Spitze des Hauses, sodass diese nicht mehr übersehen werden kann.

Der Körper als Maßstab

Ausgangspunkt des Bachelorstudios war die Frage: Wie entsteht Raum durch Körper, Sinne und alltägliche Praktiken? Die Studierenden begannen mit Übungen zur Selbstbeobachtung in ihren eigenen Wohnungen und zeichneten mentale Karten ihrer täglichen Rituale – vom Wäscheaufhängen über das Kochen bis hin zum Shisha-Rauchen. Diese Vorgehensweise übertrugen sie auf den Hafenplatz. Sie analysierten nicht nur Grundrisse, sondern auch Geräuschkulissen, Lichtstimmungen, Gerüche und die haptische Qualität von Materialien. Darauf aufbauend entstanden Modelle, Zeichnungen und Collagen, die den Hafenplatz konsequent aus der Perspektive des Körpers neu erfahrbar machten.

Kollektives Zuhause und Ort voller Potenzial – so erscheint das Leben am Hafenplatz in den Entwürfen der Studierenden. Sie geben wertvolle Impulse für ein gemeinschaftliches Zusammenleben in der Großstadt und zeigen, warum dieser Ort nicht verschwinden darf, sondern als Teil der Berliner Wohnkultur erhalten bleiben muss.