Konflikträume: Eine BauNetz CAMPUS Podcast-Reihe über produktive Reibung

Drei Gespräche über Widerstand, Hierarchien und die Frage, warum Konflikte für Architektur kein Störfall, sondern Voraussetzung sind.

Wann lohnt es sich nachzugeben – und wann nicht? Wer darf, kann und sollte Widerstand leisten? Was entsteht aus einem Konflikt? Die Podcast-Miniserie „Konflikträume“ stellt sich diesen Fragen mit drei Gästen aus Praxis, Lehre und Studium. Im Gespräch mit unserer Host Kerstin Kuhnekath berichten Florian Summa, Lilli Wetzel und Peter Grundmann von Konflikten aus ihrem Berufsalltag – zwischen Baustelle, Hochschulpolitik und öffentlicher Debatte. Was alle verbindet: Sie weichen Reibung nicht aus, sondern suchen sie gezielt. 

#1 „Widerstand muss man sich leisten können“ – Florian Summa über Trockentoiletten und andere Zumutungen

Was hat eine genderneutrale Trockentoilette mit nationaler Repräsentation zu tun? Eine ganze Menge, wie Florian Summa im Auftakt der Reihe deutlich macht. Der Mitgründer von SUMMACUMFEMMER, Professor und Co-Kurator des Deutschen Pavillons 2023 erzählt, wie ein sanitäres Detail zur politischen Debatte wurde – und warum ihn gerade solche Reibungspunkte interessieren. Im Gespräch geht es um die Frage, wie weit Architekt*innen gehen dürfen, wenn sie Bauherr*innen Lösungen vorschlagen, die niemand bestellt hat. 

Florian berichtet vom Pavillon „Open for Maintenance“, der mit 700 Studierenden, lokalen Initiativen und einer Werkstatt mitten in den Giardini nicht repräsentieren, sondern arbeiten sollte. Er erwähnt den gezielten Austausch mit skeptischen Besucher*innen und das mühsame Aushandeln zwischen kuratorischem Anspruch und kolonialer Geste. Sein wichtigster Satz fällt fast nebenbei: Widerstand setze voraus, dass man auf einem anderen Bein sicher steht. Eine Folge über Verantwortung, kollektives Arbeiten – und darüber, warum Konfliktfähigkeit auch eine Frage von Privilegien ist.

#2 „Wenn nicht für mich, dann wenigstens für andere“ – Lilli Wetzel über Diskrepanzen zwischen Uni, Baustelle und dem Ringen um Gehör

An der Uni wird kritisches Hinterfragen gefördert – im Berufsalltag gilt es schnell als Störung. Diese Diskrepanz bildet für Lilli Wetzel den Ausgangspunkt ihres Engagements. Die Bachelor-Absolventin der TU Berlin arbeitet seit knapp vier Jahren parallel zum Studium in Projektsteuerung und Bauüberwachung. Sie beschreibt eine doppelte Erfahrung: hier flache Hierarchien und offener Diskurs, dort ein erfahrungsbasierter Beruf mit klaren Wissensgefällen. Es geht um Strukturen, die niemand ausspricht, aber alle kennen – und um Strategien, mit denen sie sich als junge Frau in Räumen behauptet, in denen Fachlichkeit oft hinter Rollenerwartungen verschwindet. 

Ein zweiter Konfliktraum öffnet sich innerhalb der Hochschule selbst: Wenn Studierende auf Probleme hinweisen, bleibt die Institution häufig stumm. So entstand an der TU Berlin die „Cooperative Mensa“ als studentische Reaktion auf Kürzungen. Lilli spricht von „nicht geschaffenen Konflikträumen“, in denen niemand zum Gespräch bereit ist, und davon, wie sie mit dem Handlungskatalog von nexture+ aktiv notwendige Diskussionsräume an Hochschulen eröffnet. Eine Folge über Selbstorganisation und die Frage, wie man sich engagiert, ohne sich aufzureiben.

#3 "Schönheit findet im Gehirn statt" – Peter Grundmann über offene Konstruktion, knappe Budgets und Reibung in der Öffentlichkeit

Peter Grundmann betrachtet Konflikte als Teil eines lebendigen Architekturdiskurses. Der Architekt und ehemalige Schiffbauer erhielt den DAM-Preis 2026 für das ZK/U Gebäude in Berlin-Moabit. Dessen offene Konstruktion und rohe Materialität wurden weit über die Fachwelt hinaus diskutiert. Während Fachjurys das Projekt würdigten, kritisierten andere Stimmen dessen vermeintliche „Abwesenheit von Schönheit“. Für Peter liegt genau darin die interessante Frage: Wer entscheidet eigentlich, was schön ist? Sein Verständnis von Architektur orientiert sich weniger an makellosen Oberflächen als an Lesbarkeit, Aneignung und Nutzung. Weshalb ist Streit im Fachdiskurs für ihn also keine Niederlage, sondern Notwendigkeit? Eine Folge über Aneignung statt Repräsentation, über Selbstbau als Strategie – und darüber, warum echter Diskurs erst dort beginnt, wo Ästhetiken aufeinanderprallen.

Drei Folgen, drei Haltungen, ein gemeinsamer Befund: Ohne Reibung keine Veränderung. „Konflikträume“ lädt zum Zuhören ein – und gerne auch zum Widerspruch.