Ganz Ohr: Lesestoff über akustische Raumwahrnehmung

Sie steuern Atmosphäre, beeinflussen Gesundheit und bestimmen, wie wir Räume wahrnehmen: Klang und Lärm. Vier Publikationen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit Akustik in Architektur und Stadtentwicklung beschäftigen, stellen wir euch in diesem #BookChat vor.

Akustik, die Lehre und Wissenschaft von Schall, ist eine oft überhörte Dimension der Architektur und zugleich eine ihrer wirkmächtigsten. Sie entscheidet darüber, ob wir uns in einem Raum konzentrieren können, ob Gespräche gelingen oder ob Stress entsteht. Klang entsteht aus Material, Geometrie und Nutzung, wirkt aber ebenso auf Gesundheit, Verhalten und Atmosphäre zurück. In der architektonischen Forschung gewinnt diese Wechselwirkung zunehmend an Bedeutung – sei es im Kontext von gesundem Bauen, Materialentwicklung oder in der Entwurfslehre. 

Mit den folgenden vier Publikationen möchten wir eine Bandbreite dessen aufzeigen, was akustische Architektur bedeuten kann: vom gestalteten Klangraum über normative und materielle Fragen bis hin zu städtebaulichen Herausforderungen des Bauens im Lärm. 

Schall und Raum

Was bringt Architektur zum Klingen? Diese Ausgabe von werk, bauen+ wohnen nähert sich dieser Frage über konkrete Projekte und reflektierende Texte. Im Zentrum steht das Klanghaus im Toggenburg, dessen Architektur selbst wie ein Resonanzkörper gedacht ist. Die organische Form und die gezielte Ausarbeitung von Oberflächen und Innenräumen machen deutlich, dass Akustik hier integraler Bestandteil des Entwurfsprozesses ist.

Ergänzt wird diese Ausgabe durch weitere Beispiele: etwa die Neue Kuppel in Basel, deren zweischalige Konstruktion den Sound im Inneren hält, oder die Umgestaltung eines gotischen Konzertsaals in Gent, bei der gezielte Eingriffe die Klangqualität erheblich verbessern. Gleichzeitig öffnet das Heft mit einem Essay von Sabine von Fischer den Blick in den Alltag. Hier wird deutlich, wie fließend die Grenze zwischen Klang und Lärm ist und wie sehr unsere Wahrnehmung von Kontext und Gewohnheit abhängt. Ein Heft, in dem sich akustische Gestaltung sowohl als kulturelle Praxis als auch als technische Präzisionsarbeit lesen lässt.

Raum hören

Das Themenheft aus der 3. Ausgabe 2026 der Hochparterre rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie Raumakustik systematisch gestaltet werden kann. Akustik erscheint hier als unsichtbarer, aber entscheidender Faktor für Aufenthaltsqualität, ob im Büro, in der Schule oder in öffentlichen Gebäuden.

Die Beiträge zeigen zunächst, dass gutes Hören mit Kommunikation beginnt: Bevor normative Werte oder technische Parameter greifen, ist zu klären, wie Menschen einander im Raum überhaupt verstehen. Somit wird Akustik zu einer Planungsaufgabe, die sich nicht allein durch Normen lösen lässt, sondern gestalterische und soziale Entscheidungen erfordert. Vor dem Hintergrund neuer Schweizer Normeinführungen betont die Ausgabe, wie stark sich die Anforderungen an Raumakustik verändern und welche Rolle inklusives Bauen künftig spielen wird. 

Weitere Beiträge beleuchten Materialinnovationen: etwa akustisch wirksame Decken, faserbasierte Absorber oder neue Oberflächenbeschichtungen. Ein Themenheft als Plädoyer dafür, Akustik nicht als nachträgliche Optimierung, sondern als integralen Bestandteil des Entwurfs zu begreifen.

Wohnen im Einklang 

Was passiert jedoch, wenn wir das Ohr vom Innenraum in Richtung Straße richten? „Wohnen im Einklang“ verschiebt den Fokus auf die Schnittstelle von Wohnen und Stadt. Ausgangspunkt ist der allgegenwärtige Konflikt zwischen Lärmschutz und lebendiger Stadtentwicklung. Lärm beeinträchtigt nachweislich die physische und psychische Gesundheit – zugleich führen rigide Vorschriften häufig zu introvertierten Gebäudetypologien, die sich vom öffentlichen Raum abwenden und damit Baukultur und gesellschaftliches Leben schwächen.

Die von Deborah Fehlmann und Astrid Staufer herausgegebene Publikation entstand im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojekts am Institut Konstruktives Entwerfen (IKE) der ZHAW – in Zusammenarbeit mit Soziolog*innen, Akustiker*innen, Lärmschutzexpert*innen und betroffenen Einwohnenden. An der Schnittstelle zwischen Forschung, Lehre und Planungspraxis liefert das Buch eine umfassende Analyse des Einflusses von Lärmschutzgesetzen auf Architektur und Baukultur. Zugleich zeigt es konkrete, international relevante Strategien für das Bauen im Lärm. Analytische und theoretische Beiträge werden von studentischen Projekten und entwerferischen Studien ergänzt, die das Thema aus der Lehre heraus weiterdenken.

Architektur als zweiter Körper

Die Fachlektüre von Gemma Koppen und Tanja C. Vollmer erweitert die Perspektive auf die Beziehung zwischen Raum, Wahrnehmung und Gesundheit. Architektur wird dabei als „zweiter Körper“ verstanden, der direkt auf den menschlichen Organismus wirkt. Neben visuellen und räumlichen Faktoren spielt auch die akustische Umgebung eine zentrale Rolle in der Wahrnehmung von Gesundheitseinrichtungen.

Im dritten Teil führt das Buch sogenannte Umgebungsvariablen ein, die die Stresswahrnehmung von Patient*innen beeinflussen – etwa die Geräuschkulisse. Gerade im Krankenhaus kann Lärm zu Überforderung führen, da Erkrankte auf akustische Reize deutlich sensibler reagieren. Architektur muss hier nicht nur reduzieren, sondern gezielt gestalten, etwa durch beruhigende Klanglandschaften oder kontrollierte akustische Zonen. 

Das Buch zeigt damit, dass Akustik im Gesundheitsbau weit über Schalldämmung hinausgeht. Sie wird Teil eines umfassenden therapeutischen Raums, in dem Klang sowohl Belastung als auch unterstützendes Element sein kann. Akustik in der Architektur verschränkt sich hier mit psychologischen und medizinischen Erkenntnissen und lässt sich als interdisziplinäres Entwurfsfeld lesen.