How to entwerfen? Drei Methodenhandbücher
Gestaltung ist ein subjektiver Prozess – die Entwurfslehre jedoch sucht nach Anhaltspunkten, Methoden und belastbaren Ansätzen. Die drei Publikationen in unserem #BookChat stellen Lehrmethoden vor, die weit mehr als nur Inspiration bieten.
Der grandiose Entwurf als unverständliches Scribble auf einer Serviette – jene Ära, in der sich die konzeptionelle Reduktion eines architektonischen Objekts allein durch das Genie des Entwerfenden erklärte, ist vorbei. Auch wenn die Entwurfslehre der Subjektivität unterliegt, stützt sie sich heute zunehmend auf einen Methodenkasten, der die Komplexität des Planungsprozesses abbildet und zugleich kreative Freiheit eröffnet. Drei Handbücher bieten dafür unterschiedliche Zugänge – aus der Perspektive eines Lehrstuhls, einer Hochschule und eines spezifischen Lehrformats.
Ontologie der Konstruktion
Ontologie, die Lehre des Seins: Der ambitionierte Titel des Handbuchs für Konstruktionslehre weckt Erwartungen an eine hohe Tiefenschärfe. Der Untertitel „Raumwirkung in der Architektur“ deutet auf die eigentliche Frage hin: Wie werden Räume konstruiert, und wie bedingen sich Raumwirkung und Konstruktion gegenseitig? Herausgegeben von Piet und Wim Eckert vom Lehrstuhl Baukonstruktion der TU Dortmund, fasst die Publikation den pädagogischen Ansatz einer gleichnamigen Vorlesungsreihe zusammen. Anhand von zehn Raumarchetypen – von „schwer“ über „nackt“ bis „organisch“ – wählt das Buch den Einstieg in Materialität und Konstruktion konsequent über das Räumliche. Drei gebaute Beispiele pro Raumtyp, ergänzt durch theoriegeschichtliche Exkurse verschiedener Autor*innen, ergeben ein klar strukturiertes Lehrbuch, dessen vierspaltiges Layout stellenweise an eine Tageszeitung erinnert. Umso stärker wirken die großformatigen Fotos und präzise gezeichneten Schnitte der Case Studies: ein Maßstabssprung, der die Lehre anhand von Referenzen anschaulich und überzeugend macht. Das Buch wurde als eines der „Schönsten Deutschen Bücher 2024“ prämiert.
Architektur als Werkstatt
Der Atlas dokumentiert den Lehransatz der ArchitekturWerkstatt St. Gallen, die 2017 als Teil der OST – Ostschweizer Fachhochschule gegründet wurde. Entwurf und handwerkliche Praxis sind hier eng miteinander verschränkt: „Die ArchitekturWerkstatt St. Gallen versteht Architektur […] als Handwerk und definiert sich über einen gemeinsam gelebten Werkstattgedanken“, betont Herausgeberin Anna Jessen. Den Auftakt bilden Essays auf Deutsch und Englisch, unter anderem von Roger Boltshauser und Jonathan Sergison, die Mentalität und Methode der Werkstatt reflektieren. Begleitende Fotostrecken zeigen ein reges Doing – alltägliche Arbeitssituationen, Werkzeuge und von Hand bearbeitete Baustoffe, Nähen, Kneten, Schneiden, Ritzen, Stampfen, Drucken. Deutlich wird, dass der Entwurfsprozess wesentlich über sinnliche Experimente mit Materialien und Werkzeugen vermittelt wird. Die drei Hauptkapitel Grundlagen, Typologie und Synthese führen durch das gesamte Studium vom ersten bis zum sechsten Semester. Mit seiner beeindruckenden Bandbreite an Skizzen, Details, Schnitten, Renderings und Modellfotos hält der Band, was der Untertitel „Ein Atlas“ verspricht: ein umfangreiches Sammelwerk, das Lernort, Methode und Ergebnisse einer klaren architektonischen Haltung präzise dokumentiert.
Studio Properties
„Studio Properties: A Field Guide to Design Education“ ist ein wissenschaftliches Werk, das sich dennoch überraschend zugänglich liest. Sechs Autor*innen – Lehrende an unterschiedlichen Hochschulen weltweit – widmen sich dem Entwurfsstudio als zentrale Unterrichtseinheit der Architekturausbildung, oft das Rückgrat der Studiencurricula. Die Open-Access-Publikation verzichtet auf Fotografien, Renderings oder Pläne und arbeitet stattdessen mit farbenfrohen Grafiken, die dem umfangreichen Inhalt eine spielerische Leichtigkeit verleihen. Für Studierende, Lehrende und Forschende geschrieben, ist der Band im akademischen Kontext verankert, zugleich aber stets praxisnah.
Ausgangspunkt bilden acht Eigenschaften des Entwurfsstudios, die anhand von Relationsskizzen dargestellt werden. Auf die einzelnen Aspekte – von Grundlagen und Methoden über Interaktion, Raumatmosphäre bis hin zu Macht- und Feedbackkulturen – gehen die Autor*innen in den jeweiligen Kapiteln ein. Unerwartet narrativ wird der zweite Teil mit zwei fiktiven Studioszenarien, die Lehrsituationen greifbar machen. Wie der Entwurfsprozess selbst ist auch das Buch nicht linear angelegt, sondern als Nachschlagewerk konzipiert, das unterschiedliche Einstiegstiefen erlaubt.