Zwischen Intuition und Algorithmus: Wenn KI Tageslicht plant
KI generiert Lichtstimmungen in Sekunden und berechnet Energiewerte in Echtzeit. Was macht das mit der Intuition, auf der gute Tageslichtplanung eigentlich beruht?
Architektur ist das großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper, schrieb Le Corbusier 1923. Wenn ich entwerfe, denke ich zuerst an solche Momente: Räume im Wechselspiel von Licht, Wetter, Geräuschen, Gerüchen und Emotionen. Für jede Planungsaufgabe greife ich auf dieses visuelle Gedächtnis zurück und lasse es mal bewusst, mal unbewusst in Entwürfe einfließen. Doch im digitalen Zeitalter trifft diese Intuition auf eine datengetriebene Planungspraxis. Tageslicht prägt heute nicht nur Atmosphäre, sondern auch thermischen Komfort und Energieverbrauch.
Diese Spannung zwischen Intuition und Algorithmus untersuche ich an meinem eigenen Studienentwurf. Ich gestaltete die Leinenweberei mit viel Gespür für Licht und aus Materialexperimenten heraus. Heute schaue ich sie mit drei KI-Werkzeugen an: einer KI-Lichtplanerin, Bildgeneratoren und KI-gestützten Tageslichtsimulationen.
Die künstliche Komplizin
Für das Dialog-Experiment baute ich mir eine künstliche Komplizin namens Lisa, eine spezialisierte KI-Lichtplanerin mit Fachwissen zu Tageslicht und Fassadenphysik. Ich zeigte ihr die beweglichen Jalousien aus Leinengewebe am Fassadenentwurf, die Licht gezielt filtern.
Lisa bestätigte die Grundidee und formulierte sie präzise mit Fachbegriffen. Sie wies außerdem darauf hin, dass das Leinen bei Regen Feuchtigkeit aufnimmt und sich dadurch der Transmissionsgrad verändert – ein Aspekt, den ich übersehen hatte. Sie schlug auch vor, die gleichmäßige Fassade zu differenzieren, da die westseitigen horizontalen Leinenlamellen das sommerliche Nachmittagslicht nicht vollständig abfangen.
Der Test zeigte, dass Lisa meine Fassade konsequent weiterdenkt. Ihren Vorschlag zur Differenzierung hätte ich aber damals wie heute nicht weiterverfolgt. Ich wollte das Gebäude bewusst mit einem durchgehenden „Leinenkleid“ zusammenhalten. Eigene Idee vor Optimierungsvorschlag.
Bilder auf Knopfdruck?
Lisas Input diente als Grundlage für das Bild-Experiment. Ich testete die künstliche Vorstellungskraft, indem ich ihre Fassadenbeschreibung in verschiedenen Modellen als Prompt eingab. Diffuses und gefiltertes Licht war glaubwürdig dargestellt, architektonisch blieben die Ergebnisse jedoch generisch. Die KI erzeugt aus Sprachinput wahrscheinliche Lösungen, aber keine kreative Interpretation.
Also probierte ich konkreten Bildinput: Mein Rendering bei gutem Wetter sollte die KI in Regen und düsterem Tageslicht übersetzen, um damit Lisas entdeckte Lücke zu füllen. Auf den ersten Blick war die Atmosphäre stimmig, bei genauerem Hinsehen zeigten sich Fehler: Die Leinenjalousien wirkten nass, während auf die Nachbarfassaden die Sonne schien. Das zeigt, dass „dark sky with low grey clouds, visible rainfall“ nur Promptwörter sind, ohne räumliche Logik.
Bei Absorptions- und Reflexionstests an Textilien wirkte der abstrakte Raum sinnlich. Das ist wenig überraschend, wenn wir bedenken, dass KI mit unseren eigenen Bilddaten trainiert wurde. Doch in Detailaufnahmen verwischte das räumliche Prinzip des Webens grafisch, besonders im Vergleich zu echten Webstrukturen.
Solange man nicht genau hinsieht, überzeugen die meisten Bilder. Darin liegt die Chance für schnelle Lichttests. Riskant ist aber, dass KI-Darstellungen unser visuelles Gedächtnis mit plausiblen Stimmungen ohne räumliche Logik füttert. Wer sie unreflektiert konsumiert, trainiert die eigene Intuition mit unpräzisen Bildern.
Von Messwerten zu Entscheidungen
Damals baute ich ein kleines Lichtlabor zu Hause, um das Leinen im Fassadenmodell zu testen. Heute lesen KI-gestützte Tageslichttools Messwerte auf Knopfdruck aus. Also importierte ich das georeferenzierte 3D-Modell der Leinenweberei in Forma, ein Tool, das seit 2023 KI-Algorithmen mit klassischen Tageslichtberechnungen kombiniert. Die Simulation zeigte, dass der Luftraum in der Mitte vor allem im Winter zu wenig direktes Sonnenlicht erhält. Der nächste Schritt wäre, abzuwägen, ob ich künstliche Beleuchtung ergänze oder das diffuse Licht als räumliche Qualität bewusst inszeniere.
Im Gegensatz zu Lisa, die Phänomene in Worte fasst, und den generierten Bildern liefern Simulationstools vor allem Zahlen – nüchterne Auswertungen, ohne Bewertung. Welche Kennzahlen für den Entwurf wirklich relevant sind, wird damit zur entscheidenden Frage. Denn Tools liefern nicht nur Werte, sie beeinflussen oft unbewusst Entscheidungen.
Intuitiver Prozess
Würde ich die Leinenweberei heute mit KI entwerfen, wären das Lichtspiel bei Regen und die energetische Performance noch präziser durchdacht. Aber KI hat kein räumliches Gedächtnis, das sich spontan an den Lichteinfall in Nervis Lingotto in Turin erinnert und ihn für den Entwurf produktiv macht. KI berechnet Wahrscheinlichkeiten und liefert die naheliegenden Lösungen. Bilder, Werte und Worte bleiben Fragmente, die wir erst bewerten und verknüpfen müssen.
Vergessen wir das, riskieren wir Entwürfe, die auf dem Papier perfekt optimiert sind, aber den Menschen emotional außen vor lassen. Gerade deshalb bleibt die Intuition zentral – für das Raumgefühl und den Entwurfsprozess: im Auswählen, Bewerten und bewussten Gegenentscheiden. Lichtoptimierung kann gute Architektur unterstützen, aber nur im Zusammenspiel mit unserem Gespür für Raum, Material und Nutzung. Le Corbusiers „Spiel unter dem Licht“ wird heute mit mehr Daten und Werkzeugen geplant als je zuvor – doch dirigiert wird es immer noch von Menschen.