Zwischen Fürsorge und Stadt: Architecture for Health Student Award 2026 entschieden

Neue Typologien der Gesundheitsarchitektur: Die ausgezeichneten Projekte verschieben die Grenzen klassischer Gesundheitsbauten und denken Versorgung als räumliches Netzwerk.

Der Architecture for Health Student Award würdigt seit 2020 studentische Masterarbeiten, die Gesundheitsarchitektur als interdisziplinäres Feld zwischen Gebäude, Stadtplanung und Landschaft verstehen. Vergeben von der Hans und Christine Nickl-Stiftung und getragen von ENAH (European Network Architecture for Health), richtet sich der internationale Wettbewerb an Entwürfe, die gesellschaftliche Herausforderungen gestalterisch angehen – vom demografischen Wandel bis zur psychischen Gesundheit. Die diesjährigen Preisträger*innen zeigen, wie sich das Verständnis von „Bauen für die Gesundheit“ wandelt.

And the Winners Are:

  • 1. Preis: S M Sazzad Lishan (Anhalt University of Applied Sciences)
    „It’s Cool to Get Old: Rethinking Elderly Care Facility as a Community Infrastructure“
  • Charité Special Prize: Mariia Liashchenko (Technische Universität Berlin)
    „New Notion for the Infrastructure of Care in the Transformative Future“
  • 2. Preis: Joshua Thai (University of Sydney)
    „Reassembling Care“
  • 2. Preis: Aleksandra Świąder (Academy of Fine Arts in Gdańsk)
    „Sensu largo. Human, milieu, architecture“
  • Special Mention: Sofia Juntunen (Aalto University)
    „Psychologically Accessible Safehouse for Suicidal People“

Projektansätze im Überblick

Die prämierten Arbeiten verschieben den Fokus vom isolierten Gesundheitsbau hin zu offenen, sozial eingebetteten Strukturen. Mit „It’s Cool to Get Old“ – was für ein optimistischer Titel – deutet der erste Preis die Altenpflege radikal um: Statt abgeschlossener Einrichtungen entsteht im Berliner Quartier eine hybride Infrastruktur, die Wohnen, Öffentlichkeit und Pflege innerhalb einer bestehenden Hülle verzahnt. 

Der Spezialpreis der Charité – Universitätsmedizin Berlin beleuchtet eine geopolitische Dimension. Das Projekt baut leerstehende Klinikgebäude in Kiew zu einem Rehabilitationszentrum für traumatisierte Menschen um. Als Teil eines humanitären Systems unterstützt die bestehende räumliche Infrastruktur Heilung, Erinnerung und gesellschaftlichen Wiederaufbau.

Auch die beiden zweiten Preise intervenieren im Bestand. Mit „Reassembling Care“ entsteht in historischen Bauten ein Zentrum für die psychische Gesundheit Jugendlicher. Flexible Holzmodule passen sich der Nutzung an und schaffen zugleich eine warme, nicht-institutionelle Atmosphäre. Das Projekt „Sensu largo“ kombiniert die Ruinen des von-Kleist-Palais in Juchowo mit neuen Bausteinen zu einem Ensemble für Familien von Menschen mit Behinderungen.

Die Special Mention ging an ein dorfartiges Schutzhaus für suizidgefährdete Menschen, eingebettet in einer idyllischen Landschaft. Das Projekt fußt auf evidenzbasierten räumlichen Strategien und etabliert psychologische Zugänglichkeit als Entwurfsprinzip.

Gesundheit jenseits des medizinischen Rahmens

Dass sich Raumstrukturen, Materialien und Licht- sowie Lüftungsverhältnisse unmittelbar auf die Gesundheit der Nutzenden auswirken, ist bekannt. Auffällig bei den prämierten Arbeiten ist die Abkehr vom Krankenhaus als singulärem Bautyp hin zu einem Netzwerk aus hybriden Räumen. Über die medizinische Komponente hinaus wird Gesundheit hier als soziales und ökologisches Konstrukt verstanden – ein integraler Bestandteil von Stadt und Gesellschaft. Auch die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft und die wachsende Bedeutung psychischer Gesundheit sind den künftigen Planer*innen bewusst. 

Die ausgezeichneten Gesundheitsarchitekturen sind weniger eine Weiterentwicklung des Typus als ein Shift im Verständnis: Gesundheit erscheint als räumliche Praxis des Zusammenlebens, geprägt von Offenheit, Anpassungsfähigkeit und sozialer Integration.