Zwischen Faser, Rolle und Röhre: The New Normal
Studierende der HTWG Konstanz erforschten Natur- und Restmaterialien neu und designen zirkuläre Möbel im Maßstab 1:1.
In Anbetracht unseres unstillbaren Rohstoffhungers wird kreislaufgerechtes Denken immer wichtiger. Vor diesem Hintergrund bot der Kurs „THE NEW NORMAL – Zirkuläres Design“ im Sommersemester 2025 Einblicke in experimentelle Entwurfsansätze. Unter der Leitung von Tobias Diwersy und Marcel Weimar (DIWERSY WEIMAR BDA) griff das Projekt an der HTWG Konstanz (Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung) die endliche Verfügbarkeit von Ressourcen und Konsequenzen für Architektur und Design auf. Im Fokus stand die Frage, wie Materialien möglichst lange, wertig und wiederverwendbar im Kreislauf bleiben können.
Entwerfen im Kreislauf
Der Kurs gliederte sich in drei Phasen: Materialbeschaffung, Entwurf und Umsetzung. Die Studierenden untersuchten systematisch anfallende Werkstoffe auf deren Wiederverwendbarkeit, Skalierbarkeit und konstruktive Logik. Das Ziel bestand darin, zirkuläre Prinzipien nicht nur theoretisch zu diskutieren, sondern gestalterisch und handwerklich umzusetzen. Gemeinsam entwickelten die Teilnehmenden prototypische Arbeiten im Maßstab 1:1, die aus einer intensiven Auseinandersetzung mit Stoffkreisläufen, Materialbeschaffung und Verarbeitung hervorgingen.
Möbel aus Nebenprodukten
Aus Pappröhren, die als standardisiertes Nebenprodukt der Papier- und Druckindustrie anfallen, entstand das modulare Möbelsystem „pappito“. Die tragfähigen Röhren werden über ein simples Steckprinzip gefügt, ganz ohne zusätzliche Verbindungsmittel. Selbst die Verbindungselemente entstehen aus Zuschnittresten. Das System erlaubt flexible Konfigurationen – vom Hocker bis zu großformatigen, erweiterbaren Strukturen – und zeigt exemplarisch, wie industrielle Reststoffe in langlebige, anpassbare Möbel überführt werden können.
Weiterdenken statt Trennen
Das Projekt „Lad’n“ widmet sich einem Material, das normalerweise im Restmüll endet: alte Rollläden aus Aluminium und PU-Schaum. Da sich die Materialien nicht trennen lassen, werden sie hier bewusst als Verbund weiterverwendet. Die flexible Rollfunktion der Lamellen bildet die Grundlage für multifunktionale Möbel mit unterschiedlichen Sitz- und Liegepositionen. Lad’n meint Zirkularität nicht als Rückbau, sondern als funktionale Umnutzung innerhalb des bestehenden Materialzustands.
Die neue Normalität
Der Kurs THE NEW NORMAL ist eine erneute Bestätigung dafür, dass Wiederverwendungsstrategien von Materialien inzwischen zum Standardanspruch geworden sind – zumindest im Studium. Das beweisen Projekte wie Trash as Treasure, Material Circle oder das Seminar in der Denk- und Macherei. Kennzeichnend für die Entwürfe aus Konstanz sind außerdem die cleane Ästhetik und die schlichte Umsetzung – Möbelstücke, die man sich fast im eigenen Wohnzimmer vorstellen kann.
Ob ausgediente Feuerwehrschläuche, alte Segeltücher oder verschnittene Küchenarbeitsplatten – die entstandenen Prototypen zeigten, wie sich nachhaltige Entwurfsstrategien im kleinen Maßstab konkretisieren lassen und als möglicher Ausgangspunkt für größere Anwendungen dienen.