Wachsende Architektur: Das Projekt „Arbor Kitchen“

Können wachsende Bäume Teil einer funktionierenden Tragstruktur sein? Im Ort Wald in Baden-Württemberg hat ein Team um Prof. Ferdinand Ludwig von der Technischen Universität München den „Arbor Kitchen“ Pavillon konstruiert, dessen Überdachung auf Baumkronen schwebt.

Technische Universität München

jm | 11.10.2022

Im Neue Kunst am Ried Park in Wald (Baden-Württemberg) entstand im Jahre 2022 ein Pavillon, bei dem das Baumaterial Holz nicht in seiner verarbeiteten Form, sondern im natürlichsten Zustand zum Tragen kam: als lebender Baum. In den Baumkronen von 32 Platanen hat ein Team aus Studierenden unter der Leitung von Prof. Ferdinand Ludwig von der School of Engineering and Design der Technischen Universität München eine Überdachung realisiert, die mithilfe  digitaler Designmethoden perfekt auf den heterogenen Grund der Gewächse angepasst ist und das künftige Wachstum einkalkuliert. Zwischen den bereits gepflanzten Bäumen befinden sich neben Tischen auch Sitz- und Kochmöglichkeiten – in einem Raum, der zur Ausstellung von Kunstwerken mit Naturbezug gedacht ist. Wunsch der Klient*innen war es, eine Überdachung für die Baumumfriedung zu finden, die vor Wettereinflüssen schützt, das Wachstum der Bäume nicht behindert und das Lichtspiel der Baumkronen zulässt.

 

Ein altes Prinzip neu belebt

Im Gegensatz zum herkömmlichen Konstruieren, wo vielschichtige Probleme durch Standardisierung und Normierung entstehen, liegt die Komplexität in dieser Form des Bauens, mit den vorhandenen Gegebenheiten umzugehen und sich spekulativen natürlichen Ereignissen zu nähern, begründet. Strukturen mit lebenden Organismen zu erstellen, ist kein gänzliches Novum. Im indischen Staat Meghalaya hat die lokale Bevölkerung in einem Generationen andauernden Prozess Bäume zu Brücken geformt, den sogenannten „Living Root Bridges“. Diese Form von Bauen geht einher mit der genauen Beobachtung und Berücksichtigung der dynamischen Prozesse einer lebendigen Pflanze.

Während das Wissen über die Beschaffenheit des Baumaterials und die ständige Pflege des solchen bei den indischen Beispielen über einen langen Zeitraum vonstattenging, ist dieser Prozess beim „Arbor Kitchen“-Projektes durch digitale Methoden verkürzt. Faktoren wie Wachstum, Zerfall oder andere Umwelteinflüsse haben die Macher*innen mit der Zuhilfenahme datenbasierter Tools für die Zukunft des Bauwerks im Vorhinein antizipieren können. Um die heterogene Oberfläche der Bäume zu erfassen, kam ein fotogrammetrischer Punktwolken-Scan zum Einsatz. Auf Basis dieser Daten konnte dann der Entwurf des Daches erfolgen. 

 

Der Baum als Akteur 

Als Ergebnis dieses Prozesses ist ein mit Schindeln bedecktes Raumgitter entstanden, das über 57 Quadratmeter die Baumkronen bedeckt. Das Gesamtgewicht beträgt lediglich 800 kg, die vollständig von den Bäumen in den Boden abgetragen werden. Zunächst kam das Raumgitter zur Installation. Ein Jahr lang musste dieses mit den Ästen verwachsen, bis die Schindeldeckung erfolgen konnte. In den kommenden Jahren werden die Baumkronen durch das Raumgitter hindurchwachsen und dadurch in der Wachsrichtung geformt – Die Stabilität nimmt weiter zu, und der Raum kann neben Regenfreiheit sukzessive mehr Schatten spenden. Auf diese Art und Weise entsteht ein „Co-Creative“ Prozess mit dem Organismus selbst.

Die Nachhaltigkeit einer „lebenden Architektur“ liegt in dem Fakt begründet, dass die Strukturen mit der Zeit tendenziell an Beständigkeit zunehmen und regenerativ sind. Lebensspannen von Gebäuden, die aus konventionell verarbeitetem Material bestehen, sind hingegen durch dessen begrenzte Haltbarkeit definiert. Zudem tragen lebende Bäume zu einer Verbesserung der Umweltbedingungen bei: Zu den positiven Auswirkungen zählen der Kohlendioxidverbrauch oder die Bodenstabilisation. 

„Das grüne Versprechen - Warum die Bauwende eine Landschaftswende ist. Die Bauwende ist mehr als überfällig. Um sie erfolgreich umzusetzen, müssen wir weit über den Tellerrand der Gebäudehülle hinausdenken. Bauwerke sind dabei als integrale Bestandteile eines Ökosystems zu denken.“ Prof. Ferdinand Ludwig

Das Projekt ist Teil des Forschungsgebietes von Prof. Ludwig: Er und sein Team befassen sich mit der Integrierung von Pflanzen und Architektur. Die Erkenntnisse ihrer Forschungsaktivität erscheinen Ende des Jahres in der Publikation „Wachsende Architektur – Einführung in die Baubotanik“ (Birkhäuser Verlag, 2022). Zu diesem Thema wird Prof. Ludwig im November 2022 auf dem „Heinze Klimafestival“ in Düsseldorf vortragen.