Kartieren, was der Westen verdrängt hat: Das Studio Westplatte

Die Westplatte: kartiert, katalogisiert, weitergedacht. Ein Atlas für die vergessene Seite der deutschen Plattengeschichte.

Die DDR ist bekannt für ihre Platte. Aber was ist mit dem Westen? Während die Großtafelbauweise der ehemaligen DDR seit Jahrzehnten erforscht und debattiert wird, blieb ihr westdeutsches Pendant weitgehend im Dunkeln. Finn Eicke, Ferdinand Feldkamp, Fynn Rüdiger und Jan Günther haben diese Lücke geschlossen. Im Rahmen ihres einjährigen Masterprojekts „Westplatte“ an der RWTH Aachen entstand unter der Leitung von Prof. Anne-Julchen Bernhardt  ein digitales Forschungsarchiv. Es verbindet Baugeschichte, Kartierung und Entwurf. 

Die vergessene Geschichte des Westens

Die Gruppe begann mit einer grundlegenden Frage: Was ist die Großtafelbauweise, woher stammt sie, und warum wurde sie so schnell wieder verworfen? Das Bausystem war ein internationales Importmodell. In Deutschland reichen seine Ursprünge bis 1927 zurück, als in Berlin-Lichtenberg nach dem amerikanischen Atterbury-System die erste deutsche Siedlung in Großtafelbauweise entstand. 

Vor allem in den 1960er-Jahren sollten industrielle Großtafelsysteme den Wohnraummangel schnell beheben. Anders als oft angenommen handelte es sich dabei nicht um eine rein deutsche Entwicklung. Viele Systeme wurden aus Frankreich, Dänemark, Schweden oder den Niederlanden importiert und als Lizenzmodelle weitergebaut. Anfang der 1970er Jahre war die Westplatte schon wieder Geschichte. Die Siedlungen wurden immer größer, die Anforderungen komplexer, und die monotone Typisierung geriet zunehmend in Kritik. Gleichzeitig entwickelten sich Schalungs- und Ortbetonverfahren weiter. Die serielle Platte verlor ihren technischen Vorsprung – und blieb vor allem als negatives Bild im kollektiven Gedächtnis. 

Plattenjagd: Kartieren statt abreißen

Bis heute bleibt die Frage: Was tun mit diesen Bauten? Abriss und Neubau gelten vielerorts als naheliegend. Anstatt den Abriss als einzige Lösung zu akzeptieren, fokussiert das Projekt „Westplatte“ auf den Bestand. Die Studierenden kartierten, klassifizierten und untersuchten erstmals systematisch, wo westdeutsche Großtafelbauten stehen und welche räumlichen Ressourcen in ihnen verborgen liegen. Aus der historischen Analyse entwickelte das Team zwei Werkzeuge: einen Systemkatalog und den digitalen Plattenatlas. Der Katalog dokumentiert rund 50 westdeutsche Großtafelbausysteme, zeigt konstruktive Unterschiede und macht sichtbar, wie stark der Westen auf internationale Technologien setzte. Im Atlas verorteten die Studierenden fast 4.000 Gebäude und Fertigteilwerke. Die interaktive Karte lässt sich nach Bauart, Typologie oder Herkunft filtern. Dafür werteten sie historische Werbeanzeigen, Bauarchive, Luftbilder und Unternehmenspublikationen aus. So wird ein bislang übersehener Gebäudebestand erstmals als zusammenhängendes System sichtbar.

Vier Siedlungen, vier Zustände

Nach der Kartierung folgte die Feldforschung. Die Studierenden untersuchten vier Siedlungen in Nordrhein-Westfalen: Bergmannsfeld in Essen, Ratingen West, Monheim Süd und Düsseldorf-Garath. Alle vier wurden mit standardisierten Typengrundrissen der Wohnungsbaugesellschaft Neuen Heimat gebaut – aber in unterschiedlichen Konstruktionssystemen und städtebaulichen Kontexten. Historische Fotos, aktuelle Aufnahmen, Besitzverhältnisse und Bauabschnitte zeigen: Die Probleme liegen selten nur in der Konstruktion. Häufig prägen Umbauten, soziale Zuschreibungen und unklare Freiräume die Wahrnehmung stärker als das eigentliche System.

Westplatte weiterbauen

Im zweiten Semester entwickelten die vier Studierenden eigene Entwürfe für die Wohnsiedlung in Düsseldorf-Garath. Dafür untersuchten sie, wie sich die Großtafelbauten an heutige Anforderungen anpassen lassen und welches Potenzial der Bestand noch birgt.

Im Projekt „Garten für Alle“ nahm Ferdinand Feldkamp die notwendige Fassadensanierung zum Anlass, den Bestand weiterzudenken. Durch den Rückbau der Fassadenplatten werden Lastreserven frei, die eine Aufstockung ermöglichen. Neue Terrassen erweitern die Wohnungen um privaten Außenraum und schaffen zugleich gemeinschaftlich nutzbare Freiräume. 

Mit „Transformer“ richtete Fynn Rüdiger wiederum den Blick auf die autogerechte Struktur der Siedlung. Ein neues Parkhaus bündelt die Stellplätze und gibt die Freiräume zwischen den Gebäuden an die Bewohner*innen zurück. Die Struktur ist so geplant, dass sie später vollständig in Wohnraum umgenutzt werden kann.

Einen innenräumlichen Ansatz verfolgte Jan Günther mit „Bad Garath“. Ausgangspunkt waren die zu kleinen Sanitärbereiche im Bestand. Ein neuer Laubengang verbindet mehrere Gebäudeteile und schafft gemeinschaftliche Räume. Gleichzeitig macht der Entwurf Wasser als sichtbare Ressource zum Teil der Architektur der Platte. 

Auf die Wohnungsstruktur konzentrierte sich Finn Eicke in „Aufstockung“. Vorgefertigte Holzbauten ergänzen den Bestand um größere und barrierefreie Wohneinheiten, externe Türme erschließen die Aufbauten. Dachgärten schaffen zusätzliche Orte für Nachbarschaft und Austausch.

Westplatte als offenes Archiv

Alle Ergebnisse bündelt die Plattform www.westplatte.de. Dort sind Recherche, Plattenatlas, Systemkatalog und die vier Entwürfe öffentlich zugänglich. Wer selbst auf verdächtige Gebäude stößt, kann über den „Plattenfinder“ auf der Website eigene Funde einsenden und so den Atlas erweitern. Das Archiv wächst – und mit ihm die Frage, wie sich die westdeutsche Platte weiterbauen lässt.