Topografie des Unheimlichen: Das EYESORE ARCHITECTURE Seminar
Abstoßend und zugleich faszinierend: Studierende erkundeten irritierende Bauten in Berlin – vom Berghain bis zur BND-Zentrale – und kartierten die Architektur des Unheimlichen. Entstanden ist eine Topografie, die neue Perspektiven auf die Stadt eröffnet.
Warum stößt uns ein Gebäude manchmal ab – und zieht uns doch unweigerlich in seinen Bann? Liegt es an der Form, der Geschichte oder an einer schwer greifbaren Atmosphäre, die Unbehagen auslöst?
Diesen Fragen widmete sich im Sommersemester 2024 und 2025 das Seminar EYESORE ARCHITECTURE am Fachgebiet Architekturtheorie der Technischen Universität Berlin. Unter der Leitung von Gyöngyvér R. Győrffy untersuchten die Studierenden die unheimliche Architektur Berlins. Im Fokus standen Gebäude und Ensembles, die irritieren: überdimensioniert oder unproportional, monumental oder trivial. Oft fügen sie sich nicht ins Stadtbild, während die Gründe für dieses Störgefühl schwer greifbar bleiben. Und darin liegt ihr Reiz: Sie sind unbequem, sperrig – und eröffnen neue Perspektiven auf die Stadt.
Die Studierenden erarbeiteten eine Sammlung unheimlicher Architekturen Berlins. Darin tauchten Bauten wie die brutalistische Tschechische Botschaft und das düster-monumentale Berghain auf – eine Spannweite, die neugierig auf weitere unheimliche Orte der Stadt macht.
Zwischen Form und Narrativ
Auf Basis der Referenztexte von Theoretiker*innen wie Melanie van der Hoorn, Anthony Vidler und Mark Fisher untersuchten die Studierenden jeweils ein Berliner Gebäude. Dazu entstanden eine fotografische Dokumentation, eine Axonometrie und ein Essay, in denen sie die Unheimlichkeit der Bauten analysierten und kritisch reflektierten. Für die Axonometrie nutzten sie die Kavalierperspektive – eine Darstellungsweise aus der Militärtechnik, die unsere Sehgewohnheiten herausfordert. Diese Wahl war bewusst: Inspiriert von der italienischen Architekturzeitschrift San Rocco, übertragen die Zeichnungen den irritierenden Charakter der Gebäude in die Darstellung selbst. So wurde nicht nur das Gebaute, sondern auch seine Repräsentation zum Medium des Unheimlichen.
Architektur der Kontrolle
Anna Gläser untersuchte beispielsweise die BND-Zentrale in Mitte. Das riesige Gebäude wirkt labyrinthisch, seine rasterhafte, endlos scheinende Fassade erinnert an einen gigantischen Computer. Schon aus der Distanz vermittelt die Architektur Kontrolle und Überwachung. In dieser Spannung zwischen der eigentlichen Funktion des Gebäudes und der architektonisch erzeugten Unzugänglichkeit und Unübersichtlichkeit entfaltet sich das Unheimliche. Das Labyrinthische ist hier kein spielerisches Motiv, sondern eine gezielte Demonstration von Kontrolle, die die Macht des Apparates atmosphärisch inszeniert.
Ein Schiff an Land
Ganz anders wirkt die DLRG-Zentrale in Spandau, die Johanna Dittmar untersuchte. Der Baukörper von Ludwig Leo aus den 1970er-Jahren erinnert an ein auf Land gesetztes Schiff und erzeugt Unbehagen durch seine eigenwillige Logik und das Fehlen klassischer Maßstäblichkeit. Dadurch fügt es sich in keine bekannte architektonische Typologie – ein „atypisches“ Gebäude. Ursprünglich als funktionale Maschine konzipiert, konnten Boote über einen Aufzug ins Gebäude gezogen, gelagert oder in der Werkstatt repariert werden. Heute sind viele dieser Funktionen außer Betrieb, die Slipanlage wird kaum noch genutzt. Gerade dieser Funktionsverlust, verbunden mit späteren Umbauten, verstärkt das unheimliche Potenzial des Gebäudes und macht seine einstige Funktionslogik zu einem Relikt vergangener Zeit.
Das gezähmte Unheimliche
Luisa Knoedler untersuchte die isothermischen Kugellabore in Adlershof und verdeutlichte, wie eng sich die erzählerische Bedeutung eines Ortes mit seiner architektonischen Form verbindet. Als geheimer DDR-Forschungsort wirken die Labore distanziert und schwer zugänglich. Gleichzeitig irritieren die kugelförmigen Baukörper durch ihre Maßstabslosigkeit und schwer einzuordnende Geometrie. Im Laufe der Zeit hat die Umgebung diese unheimliche Architektur gleichsam „miniaturisiert“ und gezähmt: Eingekesselt vom Neubau des Europacenters wirken die Kugeln heute fast wie ein „Kunst am Bau“-Projekt – funktionslos, skulptural, klein und von den umliegenden Volumen vollkommen dominiert.
Warum das Unheimliche wichtig ist
Viele dieser Bauten – funktional überholt, geschichtlich belastet oder sperrig – stehen unter Abrissdruck. Die Auseinandersetzung mit dem Unheimlichen in der Architektur wird so zum politischen Statement, das Debatten um Nachhaltigkeit, Bestandserhalt und Umbau aufgreift. Das Seminar rückt die atmosphärischen Qualitäten dieser Bauten ins Zentrum und zeigt, dass Architektur nicht immer bequem oder rein funktional sein muss.
Diese Perspektive soll über das Seminar hinaus sichtbar bleiben: Eine geplante Publikation bündelt die Arbeiten der Studierenden mit Essays, fotografischen Dokumentationen, einem Register samt Karte unheimlicher Orte und Gastbeiträgen, unter anderem von Fabian Reinsch (Leibniz Universität Hannover, Büro Marocco), Laura Margarete Bertelt (Experimental Foundation) und Nina Gromoll (freie Architektin).