Stuhl mit Schleppe? Künstlerische Entwürfe für Klassiker von Thonet
Angehende Künstler*innen widmeten sich Design-Klassikern und zeigten, wie die weltberühmten Möbelstücke gestalterisch und funktional weitergedacht werden können.
Eine Schaukel aus einer Rückenlehne, eine Leuchte mit Wiener Geflecht oder ein Stuhl mit fließender Schleppe: Die Ateliergruppe von Ayzit Bostan, Professorin für Design textiler Produkte an der Kunsthochschule Kassel, entwarf originelle Objekte, die die klassischen Merkmale der Kultobjekte der Marke Thonet neu interpretierten.
Genese einer Kooperation
Auslöser der Zusammenarbeit war ein spontanes Gespräch zwischen Prof. Bostan und dem Geschäftsführer von Thonet auf der diesjährigen Designmesse in Mailand. Von „Lass uns etwas zusammen machen!“ bis zum Umsetzen war der Weg nicht lang. Bereits im Sommersemester 2025 startete das Atelier mit acht Studierenden aus verschiedenen Jahrgängen. Ihre Aufgabe: basierend auf dem Portfolio des Herstellers einen künstlerischen und einen angewandten Ansatz zu entwickeln. Unterstützung und Beratung erhielten sie von den Thonet-Produktdesignern Jonas Wansing und Phillip Berkemyer sowie von Sandra Spoo und Darius Zalzadeh.
Annäherung an eine Designikone
Bugholz, Rattan-Geflecht, geschwungene Formen – der Kaffeehausstuhl von Thonet, natürlich. Seine elegante Gestalt verdankt er der Technik, Holz unter Wasserdampf zu biegen, die Michael Thonet um 1830 entwickelte. Auf dieses Möbelstück konzentrierten sich die meisten Studierenden. Zu Beginn des Projekts erkundeten sie die Geschichte und die technischen Besonderheiten der Marke. Anschließend besuchten sie die Möbelwerkstatt in Frankenberg, eine Stunde von Kassel entfernt. Mit diesem neu erlangten Wissensstand konnten sie ihren Ideen freien Lauf lassen. Die Aufgabenstellung ließ ihnen maximale kreative Freiheit.
Aus Kultobjekt wird Kunstobjekt
Wie denkt man hochwertige, zeitlose Designobjekte neu? Die Entwürfe reichten von spielerischen bis zu funktionalen Ansätzen. So verwandelte ein Projekt den Kaffeehausstuhl 209 in eine überdimensionale, bunte Motorikschleife. Ein anderes Konzept nutzte entsorgte Rückenlehnen in Schaukeln um. Das Wiener Geflecht – verflochtenes Rattan – diente als Grundlage für ein Wandregal und, dreidimensional weiterentwickelt, sogar für eine Lampe.
Während einige Entwürfe traditionelle Handwerkskunst mit moderner 3D-Druck-Technik verbanden, wagten sich andere an neue Materialien: Ein Entwurf ersetzte den Stuhlrahmen mit einem Stickrahmen und bespannte ihn mit neuem Stoff. Ein anderer abstrahierte das Wiener Geflecht zu einem vergrößerten Muster aus Metall. Die acht Objekte zeigten: Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation leben Haptik und Materialität der Klassiker in neuen Formen weiter.
Ein Mehrwert für Industrie und akademische Welt
Das Ziel der Übung ging über die gestalterische Auseinandersetzung hinaus. Die Studierenden lernten, wie man außerhalb des geschützten Atelierraums mit einem Unternehmen zusammenarbeitet. Solche Kooperationen sind keine Seltenheit: Ein Beispiel dafür bildet das „Hacking the Eiermann“-Projekt, bei dem ein studentischer Entwurf für einen höhenverstellbaren Tisch gemeinsam mit dem Hersteller Richard Lampert bis zur Marktreife entwickelt wurde. Ob die Thonet-Entwürfe einen ähnlichen Weg gehen, bleibt offen. Beim Rundgang 2025 der Kunsthochschule Kassel zogen die Designobjekte jedoch bereits viel Aufmerksamkeit auf sich.