Serie 2025: Zukunftsbilder für den Wiederaufbau in Odessa

Zwischen Typenbau-Tradition und Wiederverwendung zerstörter Bausubstanz: Mit der „Serie 2025“ entwickeln Studierende in ihren Masterthesen neue Konzepte für das ukrainische Odessa.

Seit 2022 stellt der Krieg in der Ukraine nicht nur Politik und Gesellschaft, sondern auch das Bauen selbst vor existentielle Fragen. Wie lassen sich zerstörte Städte wieder aufbauen? Und welche Rolle kommt Architekt*innen dabei zu? Am Fachgebiet Entwerfen und industrielle Methoden der Hochbaukonstruktion der Technische Universität Darmstadt entstand dazu im Sommersemester 2025 eine besondere Aufgabenstellung. Unter der Leitung von Prof. i. V. Martin Baur nahmen Masterstudierende ein Typenhaus der Serie 94 in Odessa als Ausgangspunkt, setzten es gedanklich in einen Zustand der Zerstörung und entwickelten daraufhin einen Ersatzneubau, den sie „Serie 2025“ tauften. Die Thesen erproben Strategien für dauerhafte Bauten in Friedenszeiten, die sich auch auf andere ukrainische Städte übertragen lassen.

Die Serie 94

Als eine der erfolgreichsten Wohnungsbauserien der 1980er Jahre prägte die Serie 94 das urbane Alltagsleben in der Ukraine. Entwickelt in Charkiw, verband sie tragende Querwände mit flexiblen Grundrissen und vielfältigen Wohnungstypen – so entstand in kurzer Zeit massenhaft Wohnraum, in dem bis heute rund zwei Drittel der Bevölkerung leben. Doch die Standardisierung hatte Schattenseiten: monotone Stadträume, mangelnde Barrierefreiheit und ein wachsender Sanierungsstau. Nach der Privatisierung verschärften sich soziale Unterschiede, viele Siedlungen verfielen bereits vor dem Krieg. Mit dem russischen Angriffskrieg erhielt diese Bauweise eine neue, tragische Aktualität. Tausende Wohnungen sind zerstört oder unbewohnbar – Fotos aus Kryvyi Rih dokumentieren exemplarisch den Zustand der Serie 94. Ihre Austauschbarkeit macht Odessa zu einer idealen Fallstudie für das Projekt.

Fallstudie am Mark-Twain-Park

Für ihre Masterarbeiten wählten die Studierenden ein Ensemble im Süden Odessas aus. Zwei Typenhäuser der Serie 94 am Mark-Twain-Park dienten als Ausgangspunkt. Eines davon setzten sie als zerstört an und entwickelten daraufhin neue Entwürfe. Anders als viele uniforme Großsiedlungen bietet der Park ein spannendes Umfeld, das Raum für vielfältige Wohnformen eröffnet. Die Studierenden planten Wohnkonzepte, die die Bandbreite der Serie 94 auf heutige Bedürfnisse übertragen sollten – von Alleinerziehenden über große Familien bis zu Menschen mit Behinderung und Heimkehrenden. Vorgesehen sind Mischungen aus klassischen Wohnungen und alternativen Konzepten wie Clusterwohnen, Gästezimmern oder schaltbaren Räumen. Auch die Eigentumsformen sind flexibel gedacht: von Miete über Eigentum bis zu Genossenschaften.

Lokale Ressourcen nutzen

Kalkstein prägt Odessa seit der Stadtgründung. Vor Jahrhunderten wurde er in den Katakomben unter der Stadt gewonnen und bestimmte das Bild von Fassaden, Treppen und Wohnhäusern. In einer Region, die kaum über Holz verfügt und im Sommer von Hitze geprägt ist, erwies sich der Stein als dauerhaft und krisensicher. An diese Tradition knüpfen die Entwürfe an: Die Studierenden schlagen tragende Strukturen aus Naturstein vor, die mit wiederverwendeten Bauteilen zerstörter Gebäude kombiniert werden. Alte Platten, Träger und Stützen lassen sich neu stapeln oder in andere Formate zusägen – ein Kreislauf, der Material spart und Ressourcen vor Ort nutzen soll.

Von Ersatzbau bis Reparatur

Clemens Ziermann denkt den Typenbau beispielsweise als wandelbare Struktur, die sich an Lebensphasen und sogar Tagesabläufe anpassen lässt. Aber nicht alle Entwürfe streben einen vollständigen Neubau an. Valentina Glaab hingegen beschäftigt sich mit einem teilzerstörten Gebäude und zeigt, wie Reparatur und Weiterbauen ebenfalls Wege des Wiederaufbaus sein können.

Serie 2025 als Hoffnungsträger

Die Serie 2025 versteht sich als optimistische Fortschreibung der Typenbauweise. Sie will nicht nur Wohnraum schaffen, sondern auch Gemeinschaft stiften – durch dauerhafte Strukturen, die an lokale Traditionen anknüpfen und zugleich zukunftsgerichtet sind. Die Masterthesen machen deutlich: Wiederaufbau bedeutet nicht, in die Vergangenheit zurückzukehren, sondern eine Zukunft zu entwerfen, die Bestand hat.