Das eigene Lernumfeld reflektieren: Eine Kooperative für Haus Bauwesen
Eine Architekturschule aus der Zeit der westdeutschen Bildungsexpansion droht, mittelfristig aus ihrer Nutzung zu fallen. Wie können die Nutzer*innen ihr Erfahrungswissen für die Zukunft des Hauses und der Lehre einsetzen?
In den 1970er-Jahren für rund 6.000 Studierende errichtet, zählt die Berliner Hochschule für Technik (BHT) heute etwa doppelt so viel. Akuter Platzmangel, veraltete Infrastruktur und ein wachsender Sanierungsstau bringen die Lehrgebäude an ihre Grenzen. Die vorliegende Lösung – eine Erweiterung um einen zweiten Campus – verzögert sich. Lässt sich der Campus Wedding dennoch weiterentwickeln?
Der Masterstudiengang Architektur der BHT widmete sich im Wintersemester 2025/26 dem eigenen Gebäudebestand. Dafür bildete sich im Lehrkörper eine Kooperative, bestehend aus fünf Semestermodulen. Das Ergebnis: mehrere Ansätze zum Weiterbauen des Bestands, die auf den Erfahrungen der Nutzenden beruhen.
Zwischen Asbest und TXL
Asbestsanierungen, strenge Brandschutzauflagen und ein ineffizientes Raumbelegungssystem erschweren es Studierenden und Lehrenden, sich die Räume anzueignen. Im Haus Bauwesen, in dem die Fachrichtung Architektur angesiedelt ist, herrscht oft das Gefühl, allein zu sein. Paradoxerweise besteht gleichzeitig ein akuter Raummangel: Können die Weiten aus flexibel geplanten Trennwänden und dunklen Mittelfluren eine Lösung bieten, um Architektur-Bachelor und -Master räumlich zu vereinen?
Für eine Optimierung des Bestands fehlen durch die Erweiterungspläne der BHT allerdings die Ressourcen. Der mehrfach verschobene Umzug einiger Fachbereiche – darunter Architektur – auf das Gelände der Urban Tech Republic am ehemaligen Flughafen TXL hält die Hochschule seit Jahren in einem planerischen Schwebezustand. Als die Kosten für dieses Vorhaben immer weiter stiegen, stand sogar sein komplettes Scheitern im Raum. Um der ungewissen Perspektive des Studiengangs zu begegnen, suchte die Modulkooperative in der Lehre nun nach neuen Narrativen für das Haus Bauwesen.
Eine strukturalistische Maschine erfassen
Verschlossen, unübersichtlich und isolierend – so beschreiben Architekturstudierende der BHT ihr Gebäude. Gleichzeitig zeigt ein Blick auf bauzeitliche Pläne des 1976 fertiggestellten Hauses schnell: Sein strukturelles System bietet großes Potenzial zur räumlichen Anpassung. Das zum Entwerfen notwendige Verständnis des Bestands wurde in drei der fünf Module parallel erarbeitet.
Um die Schichten des Baukörpers, der die Dimensionen eines Gründerzeitblocks hat, möglichst genau zu erfassen, fertigte der Kurs unter der Leitung von Janakan Selvaratnam ein BIM-fähiges 3D-Modell an. Währenddessen produzierte das von Prof. Matthias Haber und Paul Niestroj geleitete Modellbau-Modul ein analoges Gegenstück. Bevor die Teilnehmenden das gesamte Haus in 1:100 bauten, testeten sie an Musterecken verschiedene Modellbautechniken, um Ressourceneinsatz, Kosten und Arbeitsabläufe zu optimieren.
Die von Prof. Felix Wellnitz betreute Bauforschung und Bauwerksdiagnostik lieferte Informationen über historische und bauliche Entwicklungen des Gebäudes sowie über seinen aktuellen Zustand. Die Teams kartierten Schäden am Objekt, erarbeiteten aber auch Sanierungsvorschläge und raumakustische Interventionen.
Modelle für den Erhalt entwickeln
Die Transformationsansätze der Entwurfsteams folgten zwei Betrachtungsweisen:
- das Haus als öffentlicher Raum und städtebaulicher Akteur
- das Haus als flexible Struktur für eine progressivere Architekturlehre
Wiederkehrende Motive in den entstandenen Entwürfen spiegelten die realen Bedürfnisse der Studierenden wider: einerseits das Gebäude, den Campus und Stadtraum am Leopoldplatz stärker miteinander verbinden, andererseits die „innere Straße“ aktivieren. Sie entwickelten flexiblere Raumangebote mit kommunikativen Werkstattbereichen und Arbeitsräumen, die schneller angeeignet werden können. Somit verschob sich der Fokus der Architekturlehre hin zu einem kollektiven Forschen und Experimentieren.
Die Entwürfe zeigten, dass sich die Architekturlehre von innen heraus erneuern könnte. Ob dieses Potenzial die Zukunft des Bestands beeinflusst, erscheint angesichts von Haushaltslage und Umzugsplänen jedoch noch unwahrscheinlich.